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Moh­sen Makhmalbaf und Nelo­fer Pazira über eine gefähr­li­che, aber not­wen­dige Reise nach Kan­da­har

"Bisher konnte ich aus den Gefängnissen, in denen die afghanischen Frauen eingesperrt werden, immer entkommen. Doch jetzt bin ich eine Gefangene in jedem dieser Gefängnisse."

Filmplakat von Reise nach KandaharAls ursprüng­li­chen „Garten des Lichts“ und „himm­li­sches Thea­ter“ erlebte Peter Levi das Afgha­ni­stan der spä­ten sech­zi­ger Jahre. Als rück­stän­di­gen Irr­gar­ten des Nichts, als absur­des Thea­ter prä­sen­tiert der Film Reise nach Kandahar (2001) das Afgha­ni­stan der spä­ten neun­zi­ger Jahre unter der Herr­schaft der Tali­ban. Auf der eins­ti­gen „Fern­straße der Erz­engel“ fah­ren heute Kriegs­ver­sehrte, bit­ter­arme Fami­li­en­vä­ter mit ihren Ehe­frauen und Kin­dern, Räu­ber und Tali­ban-Kon­trol­leure. Die Wege sind gefähr­lich gewor­den und gera­dezu unpas­sier­bar für allein­rei­sende Frauen. Jeder Pas­sant könnte ein Spit­zel sein.

Reise nach Kan­da­har beruht auf einer wah­ren Bege­ben­heit aus dem Leben der afgha­nisch-kana­di­schen Jour­na­lis­tin Nelo­fer Pazira. Die Prot­ago­nis­tin und Haupt­dar­stel­le­rin des Films, in Kabul auf­ge­wach­sen, hatte zehn Jahre sowje­ti­sche Besat­zung über­stan­den und war 1989 mit ihrer Fami­lie vor dem Bür­ger­krieg zunächst nach Paki­stan und ein Jahr spä­ter nach Kanada geflo­hen. Nun reist sie zurück in ihre alte Hei­mat – nicht aus beruf­li­chen Grün­den, son­dern weil sie einen Hil­fe­ruf der in Kan­da­har zurück­ge­blie­be­nen Freun­din (im Film wird dar­aus die Schwes­ter) erhal­ten hat. Am Tag der letz­ten tota­len Son­nen­fins­ter­nis des zwei­ten Jahr­tau­sends wolle sie, die durch eine Mine beide Beine ver­lo­ren hat, sich das Leben neh­men – ihre Exis­tenz in Afgha­ni­stan sei uner­träg­lich gewor­den.

Nelo­fer Pazira (* 1973 in Indien) ist eine preis­ge­krönte afgha­nisch-kana­di­sche Regis­seu­rin, Schau­spie­le­rin, Jour­na­lis­tin und Autorin. Sie wuchs wäh­rend der rus­si­schen Besat­zung in Kabul (Afgha­ni­stan) auf, bevor sie mit ihrer Famile über Paki­stan nach New Brunswick (Kanada) emi­grierte.

Moh­sen Makhmal­bāf (* 29. Mai 1957 in Tehe­ran) ist ein ira­ni­scher Film­re­gis­seur und Autor. Seine Filme wur­den viel­fach auf inter­na­tio­na­len Film­fes­ti­vals auf­ge­führt und erhiel­ten viele aner­kannte inter­na­tio­nale Film­preise.

Regis­seur des Films ist der 1957 in Tehe­ran gebo­rene Moh­sen Makhmalbaf. Reise nach Kan­da­har ist sein im Aus­land popu­lärs­ter Film, mit dem er neben ein paar klei­ne­ren Aus­zeich­nun­gen auch eine Nomi­nie­rung für die Gol­dene Palme bei den Film­fest­spie­len von Can­nes 2001 gewin­nen konnte. Selt­sa­mer­weise erregte der Film zunächst kaum Auf­merk­sam­keit – Sym­bol dafür, dass die Welt Afgh­ni­stan tat­säch­lich ver­ges­sen hatte. Das änderte sich schlag­ar­tig nach den Ter­ror­an­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber und dem Beginn des Afgha­ni­stan­kriegs Anfang Okto­ber 2001. Zwei Jahre vor dem Erschei­nen des Dra­chen­läu­fers von Kha­led Hoss­eini ist Reise nach Kan­da­har ein authen­ti­scher Rei­se­be­richt in eine aus west­li­cher Per­spek­tive völ­lig fremde, von Krieg und Fana­tis­mus gezeich­nete Welt.

Die meis­ten Sze­nen des Films ent­stan­den im Grenz­ge­biet des Irans zu Afgha­ni­stan, man­che auch in der afgha­ni­schen Wüste. Da keine Erlaub­nis der Tali­ban vor­lag, waren die Dreh­ar­bei­ten nicht unge­fähr­lich. Die unge­wöhn­li­chen Sing­sang-arti­gen Dia­loge sind teil­weise dem Musi­cal und der Bol­ly­wood-Bild­spra­che, die beklem­mende Sze­ne­rie dem sur­rea­lis­ti­schen Film und dem Dogma-95 ent­lehnt. Allein die unver­fälschte Abbil­dung gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse unter der Tali­ban-Gewalt­herr­schaft sorgt für eine hin­rei­chend beängs­ti­gende Atmo­sphäre, die aber nie ins offen Bru­tale kippt, unter ande­rem weil kaum Täter gezeigt wer­den. Wir müs­sen das Unheil der Unter­drü­ckung aus den wüten­den Augen der Kin­der her­aus­le­sen. Wir müs­sen im Falle der gespens­tisch ver­hüll­ten Frauen unsere Phan­ta­sie anstren­gen. Die Men­schen in die­sem furcht­ba­ren Alp­traum tun viel, um ihren Lebens­mut nicht zu ver­lie­ren.

Der spie­le­ri­sche Umgang mit meist maka­bren Moti­ven, die unor­tho­dox über Kreuz gelegt wer­den, und mit Sym­bo­len, die mit dem Holz­ham­mer ins Zel­lu­loid getrie­ben wer­den, ist kein Ärger­nis, son­dern macht den Reiz des Films aus. Zum Bei­spiel in einer Szene, in der über einem Wüs­ten­la­ger des Roten Kreu­zes für Land­mi­nen­op­fer – das so pro­vi­so­risch wirkt wie die mini­ma­lis­ti­schen Thea­ter­ku­lis­sen des Lars von Trier – neue Pro­the­sen an Fall­schir­men abge­wor­fen wer­den. Eine Schar von Män­nern hum­pelt die­sen Him­mels­ga­ben auf ihren Krü­cken so enthu­si­as­tisch ent­ge­gen wie einst die Kin­der der Ber­li­ner Luft­brü­cke den Scho­ko­la­den und Kau­gum­mis der Ame­ri­ka­ner. Ähn­lich sym­bo­lisch ver­hält es sich mit dem alt­mo­di­schen Ton­band­ge­rät, das die Prot­ago­nis­tin Nafas unter Miss­ach­tung des Tech­nik­ver­bo­tes der Tali­ban ins Land gebracht hat. Auf diese „Black­box“, wie sie es nennt, spricht sie alles auf, was ihr wäh­rend der Reise wider­fährt.

Kinder und ein Soldat der Afghan National Security Force vor dem Eingang einer Schule in Kandahar, 2012

Kin­der und ein Sol­dat der Afghan Natio­nal Secu­rity Force vor dem Ein­gang einer Schule in Kan­da­har, 2012

Im UN-Flücht­lings­la­ger an der ira­nisch-afgha­ni­sche­nen Grenze wer­den trau­ma­ti­sierte Mäd­chen über die Minen­ge­fahr auf­ge­klärt, indem man die Minen durch deren eigene kleine Stoff­pup­pen sym­bo­li­siert, auf die sie nicht tre­ten dür­fen. Ein Foto­graf schießt Fotos von den Flücht­lings­fa­mi­lien und posi­tio­niert einen klei­nen Jun­gen um, „damit er sein Gesicht sehen kann“, wäh­rend hin­ten die Frauen in der Burka ste­hen. Auf der ande­ren Seite, in Afgha­ni­stan, üben kleine Jun­gen in einer Madrassa laut im Chor das Rezi­tie­ren von Koran­ver­sen, wäh­rend der Wärter/​Lehrer zwi­schen­durch barsch abfragt, wie man eine rus­si­sche Kalasch­ni­kow benutzt und wozu ein Schwert ver­wen­det wird – natür­lich zur Liqui­die­rung der Ungläu­bi­gen. Unter der sen­gen­den Sonne ist mit­ten in der Wüste eine Gruppe voll ver­hüll­ter Frauen auf dem Weg zu einer Hoch­zeit, als sie von den Tali­ban ange­hal­ten und kon­trol­liert wird.

Die Prot­ago­nis­tin Nafas ist auch aus Neu­gier aus dem siche­ren Kanada in ihr Hei­mat­land Afgha­ni­stan zurück­ge­kehrt. Ihre Distanz zu der hier erleb­ten Rück­stän­dig­keit ist mit Hän­den zu grei­fen, nie­mals aber ihre Distanz zu den Men­schen. Rela­tiv gelas­sen und freund­lich nimmt sie alle Demü­ti­gun­gen hin und alle Stra­pa­zen auf sich, um ihre Schwes­ter zu ret­ten. Als Frau darf sie nicht ohne Mann rei­sen und muss sich die gesamte Zeit unter einer Burka ver­ste­cken. Ein zen­tra­les Motiv des Films ist daher auch das „Gefäng­nis“:

Bis­her konnte ich aus den Gefäng­nis­sen, in denen die afgha­ni­schen Frauen ein­ge­sperrt wer­den, immer ent­kom­men. Doch jetzt bin ich eine Gefan­gene in jedem die­ser Gefäng­nisse. Nur für dich, meine Schwes­ter. In dei­nen Brie­fen hast du mir geschrie­ben, die Situa­tion in Afgha­ni­stan ist schlim­mer gewor­den. Alle Mäd­chen­schu­len sind geschlos­sen. Die Frauen wur­den aus dem gesam­ten öffent­li­chen Leben ver­bannt. Und du hast keine Hoff­nung mehr.

Der mys­te­riöse Arzt Tabib Sahid, ein ame­ri­ka­ni­scher Aus­wan­de­rer, der nach Afgha­ni­stan ging, um Gott zu fin­den, und der Nafas nur durch das Guck­loch in einem Vor­hang behan­deln darf, sagt:

Der Mensch braucht einen Grund, um zu leben. In schwie­ri­gen Situa­tio­nen ist Hoff­nung die­ser Grund. Natür­lich ist das abs­trakt. Aber – für die Durs­ti­gen ist es Was­ser. Für die Hung­ri­gen Brot. Für die Ein­sa­men Liebe. Und für eine Frau, die immer nur ver­schlei­ert war, ist es die Hoff­nung, eines Tages gese­hen zu wer­den. Wie war das? Hat es Ihnen gefal­len? Mir nicht.

Nafas kämpft gegen die Sonne, die sich schon in weni­gen Tagen ver­dun­keln und ihrer Schwes­ter das Leben neh­men wird:

Das ein­zig wirk­li­che Hin­der­nis auf mei­ner Reise ist die Sonne. Meine so unfaire Wider­sa­che­rin. Ich hab mir immer gedacht: Wenn jeder ein­zelne von uns eine Kerze anzün­den würde, dann wäre die Sonne über­flüs­sig.

Am Ende muss sich Nafas, um nach Kan­da­har zu kom­men, unter die Hoch­zeits­ge­sell­schaft in der Wüste mischen. Eine Tali­ban-Patrouille hält die Gruppe auf. Es kommt zur Kon­fis­ka­tion von Musik­in­stru­men­ten und ande­ren Schi­ka­nen:

Ruhe! Es wird nicht gespro­chen, kei­ner spricht hier! Stellt alle euer Gepäck auf den Boden! Steht auf! Alle auf­ste­hen! Durch­sucht sie gründ­lich. Los! Und seht bei allen unter die Bur­kas!

Ver­däch­tige wer­den von der Gruppe abge­son­dert und müs­sen sich wie eine zusam­men­ge­trie­bene Herde auf den Boden kau­ern. Bei­nahe kann Nafas, die sich als „Toch­ter von der Tante der Braut“ aus­gibt, im Schutz der Hoch­zeits­ge­sell­schaft ent­kom­men:

Ihr könnt gehen! Mei­nen Glück­wunsch zur Hoch­zeit!

Doch dann wird sie zurück­ge­ru­fen:

Du da, bleib ste­hen! Unter­sucht sie gründ­lich!

Der Film hat kein rich­ti­ges Ende und schon gar kein Happy End. Er zeigt in thea­ter­ar­ti­gen Sze­nen die Zustände eines Lan­des, in dem Unter­drü­ckung, Armut und Leid wie selbst­ver­ständ­lich zum Leben gehö­ren und in dem es vor allem Waf­fen und Land­mi­nen im Über­fluss gibt. Leben und Gesund­heit kön­nen hier jeder­zeit durch Will­kür oder Zufall genom­men wer­den. Hinzu kommt die all­ge­gen­wär­tige Unter­drü­ckung von Frauen, deren Preis­gabe an die Lächer­lich­keit durch das Tra­gen der Burka ein­dring­lich dar­ge­stellt wird. Gezeigt wird eine durch Krieg und Reli­gion erzwun­gene Rück­stän­dig­keit und Ärm­lich­keit, wel­che dem Lebens­mut der Men­schen und der beein­dru­ckend schö­nen Land­schaft selt­sam unge­recht gegen­über­steht.

Reise nach Kandahar ist ein sehens­wer­ter sur­rea­lis­ti­scher Anti­kriegs­film und eine bit­ter­böse maka­bre Satire.

Wei­tere Hin­weise

Die afgha­nisch-kana­di­sche Jour­na­lis­tin Nelo­fer Pazira drehte im Jahre 2003 die Folge-Doku­men­ta­tion Return to Kan­da­har.

Pazira ist auch Bestand­teil von Chris­tian Freis Doku­men­tar­film Im Tal der gro­ßen Bud­dhas über die Bud­dha-Sta­tuen von Bami­yan und deren Zer­stö­rung im März 2001 durch die Tali­ban.

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Ein Film über die Leis­tungs­ge­sell­schaft und Beleg dafür, dass Medi­ta­tion und Mind­ful­ness zwar Lin­de­rung ver­schaf­fen, aber unser eigent­li­ches Pro­blem nicht lösen

„Hat der Mensch noch Zeit, Mensch zu sein?“

From Business to Being (Film)Fast 90 Mil­lio­nen Arbeits­un­fä­hig­keits­tage wegen psy­chi­scher und psy­cho­so­ma­ti­scher Erkran­kun­gen wur­den in Deutsch­land seit 2015 regis­triert – ein Anstieg um mehr als 97 Pro­zent in nur 10 Jah­ren. Die Dun­kel­zif­fer dürfte noch weit höher lie­gen. Geschätz­ter volks­wirt­schaft­li­cher Scha­den: 26 Mil­li­ar­den Euro. Mit die­sen Daten beginnt der Film From Business to Being (2017) seine Bestands­auf­nahme der Lebens- und vor allem der Arbeits­be­din­gun­gen in den rei­chen Län­dern die­ser Welt. Man kann den Film auch als Fort­set­zung der von Erich Fromm in Haben oder Sein beschrie­be­nen Zustände in einer rein gewinn­ori­en­tier­ten Gesell­schaft betrach­ten.

Viele Unter­neh­men tref­fen aktiv Ent­schei­dun­gen, die gegen das Wohl und die Gesund­heit ihrer Mit­ar­bei­ter gerich­tet sind. Beschleu­ni­gung vs. Ent­schleu­ni­gung, Nicht­acht­sam­keit vs. Acht­sam­keit, Kurz­fris­tig­keit vs. Lang­fris­tig­keit, Ell­bo­gen­men­ta­li­tät vs. Mit­ge­fühl – der gesell­schaft­li­che Kon­flikt fin­det über­all in unse­rer Mitte, bei den Eltern, bei den Kin­dern, beim Nach­barn statt. Die „Arbeits­welt“ – also eine Sphäre, die frü­her ein­mal wohl­fahrts­staat­li­chen Impe­ra­ti­ven unter­wor­fen war (Sozi­al­bin­dung des Eigen­tums) – ist einem uner­bitt­li­chen „Arbeits­kampf“ in den zur Expan­sion gezwun­ge­nen Kon­zer­nen gewi­chen. Eigen­tum dient nur noch dem Eigen­tum selbst.

Fol­ge­rich­tig wird der ein­zelne Mensch in die­sem Sys­tem ohne Gnade kon­di­tio­niert. Es herr­schen Zucker­brot und Peit­sche. Freie Men­schen pro­gram­mie­ren sich unter dem per­ma­nen­ten Druck frei­wil­lig zu Leis­tungs­sub­jek­ten um und inter­na­li­sie­ren eif­rig alle ange­bo­te­nen Leis­tungs­zwänge. Schließ­lich geben sie ihre Zwänge an die nächste Genera­tion wei­ter und erhö­hen als „Heli­ko­pter-Eltern“ den Druck auf ihren Nach­wuchs. Jeder soll an die Uni, pro­mo­vie­ren und der Beste sein. Als „Aus­schuss­ware“ ent­wi­ckeln sich inner­lich aus­ge­brannte, elende Gestal­ten, die ihre Leis­tungs­be­reit­schaft nur noch wie einen Ava­tar vor sich selbst her­tra­gen, was im Grunde einer Ver­lo­gen­heit gleich­kommt, mit der sie lang­fris­tig ihre Gesund­heit und ihr Pri­vat­le­ben zer­stö­ren.

Wie kam es zu die­sem Kon­kur­renz­kampf und die­ser „Jeder-gegen-Jeden“-Mentalität? Das ist doch eine selt­same Per­ver­tie­rung.

Der Film beklagt das Ver­schwin­den des tat­säch­lich wert­vol­len Men­schen hin­ter sei­nem fik­ti­ven öko­no­mi­schen Wert. Einer der inter­view­ten Betrof­fe­nen stellt die ent­schei­dende Frage:

Hat der Mensch noch Zeit, Mensch zu sein?

Mit der eige­nen Iden­ti­tät ver­schwin­det auch die Begeis­te­rung aus dem Leben des Leis­tungs­sub­jekts. Das Wort Begeis­te­rung ent­hält von der Wur­zel her den all­ge­mei­nen Bezug zur Spi­ri­tua­li­tät (lat. spi­ri­tus, spi­ri­tus sanc­tus ist der Hei­lige Geist), spe­zi­ell zur im Chris­ten­tum so wich­ti­gen Inspi­ra­tion (lat. Inspi­ra­tio, nach der die Bibel gött­lich inspi­riert, divini­tus inspi­rata, sei), sowie zum im Bud­dhis­mus so wich­ti­gen Atmen (lat. respi­rare). Aus dem Alt­grie­chi­schen hat sich mit dem Begriff Psy­che noch eine Neben­be­deu­tung die­ses Geis­tes (altgr. pneuma, nous bzw. psy­che) bis in unsere Zeit erhal­ten.

Es sind die Kenn­zei­chen der idea­lis­tisch ange­leg­ten vita con­tem­pla­tiva – Spi­ri­tua­li­tät, Inspi­ra­tion, Psy­che, Ruhe und Freude – die dem Men­schen eigent­lich ange­bo­ren sind. Zumin­dest in den ers­ten Lebens­jah­ren wer­den sie sogar aktiv geför­dert. Immer frü­her jedoch erfolgt der Ein­tritt in die Leis­tungs­ge­sell­schaft und es beginnt die lang­same Umer­zie­hung zur mate­ri­ell ange­leg­ten, völlig falsch verstandenen vita activa. Schließ­lich wer­den die geis­ti­gen Gaben durch die unge­bremste kör­per­li­che Tätig­keit des „ani­mal laborans“ im Hams­ter­rad durch­ein­an­der­ge­wir­belt, gera­ten zur Fas­sade und gehen ver­lo­ren.

Doch es geschieht noch etwas ande­res. Das Leis­tungs­sub­jekt passt seine eigene Fas­sade der glän­zen­den Fas­sade des Unter­neh­mens, der Behörde, des Ver­eins, der Welt an. Das Sub­jekt sonnt sich nar­ziss­tisch im Glanz sei­ner Objekte, es ver­schmilzt mit ihnen. Nach außen hin ist man „stolz“ auf „sein“ Unter­neh­men. Sub­jekte und Objekte wer­den mit der Zeit immer undurch­dring­li­cher und opa­ker für eine abneh­mende Zahl an wirk­lich begeis­ter­ten Men­schen. Seins-Men­schen kom­men mit den Haben-Men­schen nicht mehr klar, was den Aus­le­se­pro­zess ver­stärkt. Den Arbeit­ge­bern, den Fir­men, dem Arbeits­markt ins­ge­samt und der gan­zen Gesell­schaft kom­men die Begeis­ter­ten, die Inspi­rier­ten abhan­den – und damit auch die eigene Iden­ti­tät. Krea­ti­vi­tät und höhere Schaf­fens­ebe­nen wer­den blo­ckiert. Letzt­end­lich wacht man in einer Welt der ver­füh­re­ri­schen Auto­ma­ti­sie­rung, der gefühl- und instinkt­lo­sen Auto­ma­ten auf.

Pier Carlo Padoan, ita­lie­ni­scher Wirt­schafts- und Finanz­mi­nis­ter und ehe­ma­li­ger Chef-Öko­nom der OECD, hängt zwar brav dem ubi­qui­tä­ren Wachs­tums­pa­ra­do­xon an...

Sicher­lich müs­sen alle Regie­run­gen wie­der Wachs­tum schaf­fen. Denn Wachs­tum ist die Grund­lage für Beschäf­ti­gung und dafür, diese rie­sige Ver­schul­dung zu über­win­den.

…macht aber einen ande­ren Punkt, über den sich zu dis­ku­tie­ren lohnt:

…die aktu­elle öko­no­mi­sche und glo­bale Krise ist eigent­lich eine Füh­rungs­krise. Ein Bei­spiel: Alle sind besorgt dar­über, wie die Finanz­märkte mor­gen auf Regie­rungs­be­schlüsse reagie­ren wer­den. Und dies führt zu der Ansicht, Märkte seien mäch­tige Mecha­nis­men. Aber Märkte sind keine mäch­ti­gen Mecha­nis­men, son­dern von Angst getrie­bene Mecha­nis­men. Sie ver­lan­gen nach Füh­rung. Sie ver­lan­gen nach poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­gern, die ihnen die Rich­tung vor­ge­ben. Und in der jet­zi­gen Situa­tion muss die Welt wis­sen, in wel­che Rich­tung sie steu­ern will.

Nur durch eine adäquate Füh­rung funk­tio­nie­ren die Märkte auf ihre beste Weise. […] wenn ihnen nie­mand die Rich­tung vor­gibt, dann wer­den sie sich von ihrer schlimms­ten Seite zei­gen.

Las­sen sich Märkte im gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus wirk­lich von der Poli­tik beein­flus­sen oder gar steu­ern? Natür­lich sind ein­zelne Staa­ten­len­ker oder die Regie­run­gen klei­ner Volks­wirt­schaf­ten ohne­hin voll­kom­men macht­los. Daher das Man­tra von der „Welt­ge­mein­schaft“. Daher die große Medi­en­wirk­sam­keit infor­mel­ler Gesprächs­fo­ren wie dem Welt­wirt­schafts­fo­rum in Davos. Aber ist es nicht eine Illu­sion zu glau­ben, kon­zer­tierte Aktio­nen von mäch­ti­gen Wirt­schafts­na­tio­nen könn­ten dem unge­zähm­ten Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus die Leine anle­gen, den Tiger rei­ten?

Für Prof. Dr. Tania Sin­ger, Direk­to­rin der Abtei­lung Soziale Neu­ro­wis­sen­schaft am Leip­zi­ger Max-Planck-Insti­tut für Kogni­ti­ons- und Neu­ro­wis­sen­schaf­ten, ist klar, dass Altru­is­mus und Mit­ge­fühl schon längst in die Wirt­schaft gehö­ren. Als Beleg nennt sie eine Reihe von neu­ro­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen und For­schungs­er­geb­nis­sen, dar­un­ter zur Empa­thie, zum Phä­no­men der Spie­gel­neu­ro­nen und zum Erfolg von Medi­ta­ti­ons- und men­ta­len Trai­nings­tech­ni­ken. Sin­ger plä­diert auf Basis des kogni­ti­ons­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­stan­des für eine Syn­these der Vor­stel­lun­gen von Makro­öko­no­men – nach denen gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung durch insti­tu­tio­nelle Ver­än­de­run­gen erreicht wird – und jenen von Psy­cho­lo­gen – nach denen jeder Wan­del beim ein­zel­nen Indi­vi­duum beginnt.

Kön­nen wir […] die Befunde von Psy­cho­lo­gie und Neu­ro­wis­sen­schaf­ten nut­zen […], um das Bild vom Homo oeco­no­mi­cus – was ein rela­tiv ver­al­te­tes Bild ist – zu revi­die­ren […] und es dann aber auch zu nut­zen, um zu gucken, ob man Wirt­schafts­mo­delle inso­fern ver­än­dern kann, dass das Haupt­ziel von Wirt­schafts­sys­te­men die Sorge um die Welt wird.

Gestresster Manager im Retreat beim Atmen

Gestress­ter Mana­ger im Retreat beim Atmen

Der Aus­stieg aus dem Hams­ter­rad allein jedoch hilft nur – und das macht der Film auf ver­steckte Weise, viel­leicht sogar unab­sicht­lich deut­lich – den Indi­vi­duen, die ihn sich leis­ten kön­nen. Den kon­ver­tier­ten ehe­ma­li­gen Invest­ment­ban­kern, die das Start­ka­pi­tal für einen Berg­gast­hof in üppi­ger Alpen­land­schaft auf­brin­gen kön­nen. Den Füh­rungs­kräf­ten, die äußer­lich wie inner­lich ihr Busi­ness­hemd mit der bud­dhis­ti­schen Mala kom­bi­nie­ren. Den­je­ni­gen, die mit dem Fir­men­wa­gen zum Retreat ins Bene­dik­ti­ner­klos­ter fah­ren. All das erzeugt schöne Bil­der davon, wie ver­meint­lich gesell­schaft­li­cher „Wan­del“ und „Sorge um die Welt“ ent­steht.

Doch tut er das? Die im Dunk­len sieht der Film nicht und zeigt sie auch nicht. Hier lau­ert die Falle eines sich über den Umweg der Psy­cho-Rei­ni­gung selbst ver­stär­ken­den kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems, das die Ursa­chen sei­ner Krank­heit – seine öko­lo­gisch und psy­cho­lo­gisch frag­wür­dige Ratio­na­li­tät – bloß ver­drängt und nicht heilt. Diese Falle wird von eini­gen Prot­ago­nis­ten des Films zwar benannt:

Wie stellt man sicher, dass diese Medi­ta­tio­nen nicht falsch benutzt wer­den? Dass man die kon­tem­pla­ti­ven Übun­gen nicht für ein grund­sätz­lich pro­ble­ma­ti­sches und manch­mal zutiefst besorg­nis­er­re­gen­des Wirt­schafts­mo­dell ein­spannt? Ich glaube, dass wir das Wirt­schafts­mo­dell ändern müs­sen, d.h. unser Ver­ständ­nis davon, was es heißt, einen öko­no­mi­schen Nut­zen für­ein­an­der zu haben.

Der Spur folgt der Film aller­dings nicht und unter­bie­tet die geweck­ten Erwar­tun­gen durch eso­te­ri­sche Belie­big­keit und „Mana­ger­sprech“. Das klingt etwa so:

Ange­mes­sen wirt­schaft­lich zu arbei­ten bedeu­tet mei­ner Ansicht nach, dass öko­no­mi­sche Trans­ak­tio­nen von gegen­sei­ti­ger Für­sorge geprägt sind. Es geht also nicht um den Ver­such, den jeweils ande­ren aus­zu­nut­zen, son­dern um einen für­sorg­li­chen Umgang mit­ein­an­der, ob als Her­stel­ler eines Pro­dukts oder als Dienst­leis­ter. Wir müs­sen essen, wir brau­chen einen Platz, wo wir schla­fen und wo wir leben kön­nen. Kön­nen wir das denn nicht auf eine geschwis­ter­li­che Art und Weise tun?

…ich denke, es ist auch an der Zeit, dass sich Dinge ver­än­dern und dass in Wirt­schaft und Gesell­schaft das hier­ar­chi­sche Den­ken über­wun­den wird, und dass man mehr dazu kommt, Bewusst­sein zu bil­den, dia­lo­gisch mit­ein­an­der umzu­ge­hen und im Kon­sens die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen statt ein­same hoch­herr­schaft­li­che hier­ar­chi­sche Ent­schei­dun­gen.

Das heißt für mich dann wie­derum als Gebiets­ver­ant­wort­li­cher auch ganz bewusst dar­auf zu schauen – neben allen Kenn­zah­len, die wir haben, und wo es ja auch darum geht, etwas zu errei­chen und auch finan­zi­elle Anfor­de­run­gen zu haben – dann auch zu sehen: Wo steht der Mensch gerade und wie kann der sich viel­leicht mal her­aus­neh­men […] und nicht immer pro­duk­ti­ver, immer pro­duk­ti­ver abar­bei­ten…?

Für einen wirk­li­chen gesell­schaft­li­chen Wan­del bedarf es aber ganz sicher wei­te­rer Anstren­gun­gen als nur eines Bewusst­seins­wan­dels im mitt­le­ren Manage­ment und eines huma­ne­ren Umgangs mit Ange­stell­ten. Es bedarf vie­ler Anstren­gun­gen insti­tu­tio­nel­ler und glo­ba­ler Natur, die an den Grund­fes­ten eines fra­gil-dyna­mi­schen und ent­glei­sen­den, wie­wohl jahr­hun­der­te­al­ten und gelähm­ten Wirt­schafts­sys­tems rüt­teln. Die gro­ßen Fra­gen wer­den vom Film zwar ange­ris­sen, dann aber ver­lau­fen sich die Fäden im Indi­vi­du­el­len.

dm-Gründer und Milliardär Götz Werner

dm-Grün­der und Mil­li­ar­där Götz Wer­ner

Lei­der bie­tet der Film nur wenig gesell­schaft­li­che Ana­lyse und kaum Stra­te­gien, die nicht dem Arse­nal der all­ge­gen­wär­ti­gen Men­tal-Coa­ches und Füh­rungs­kräfte-Trai­ner ent­stam­men. Das Coa­ching tritt einem hier als neue Kir­che des entfremdeten Leistungssubjekts ent­ge­gen und die Trai­ner als deren post­mo­derne Pries­ter­schaft.

Im Grunde pos­tu­liert der Film frei her­aus, dass sich unser Wirt­schafts­sys­tem nach dem Bei­spiel des dm-Grün­ders Götz Wer­ner von innen her­aus, durch eine ethi­sche Hal­tung und etwas Phi­lo­so­phie, durch das gute Bei­spiel quasi „erleuch­te­ter“ Füh­rungs­kräfte, refor­mie­ren lässt. Ob dies aber tat­säch­lich gelin­gen kann, wel­che enor­men Wider­stände einem sol­chen uto­pi­schen Pro­jekt ent­ge­gen­ste­hen, the­ma­ti­siert der Film kaum.

Ten­zin Gyatso (gebür­tig Lhamo Dön­d­rub, * 6. Juli 1935 in Takt­ser, Pro­vinz Amdo, Ost­ti­bet), der 14. Dalai Lama.

Etwas ärger­lich und beson­ders auf­fäl­lig ist das Ver­har­ren in einem strikt abend­län­di­schen Dis­kurs. Die Lamas in Dha­ram­sala wer­den zwar gezeigt, kom­men aber nicht zu Wort. Dafür die west­li­chen Pro­fes­so­ren und Dok­to­ren, natür­lich ver­diente wie Jon Kabat-Zinn. Es sind aber die­je­ni­gen, die fern­öst­li­che reli­giöse Weis­heit in abend­län­disch-athe­is­ti­sche Hap­pen zer­tei­len und sie den gestress­ten Leis­tungs­sub­jek­ten ser­vie­ren – natür­lich gegen Hono­rar, das von den Fir­men bezahlt wird. Ein Geschäfts­mo­dell, das auf der Psy­cho-Politk der Kon­zerne beruht – kann das die Lösung sein?

Ein brei­te­rer wis­sen­schaft­li­cher Ansatz und ein tie­fe­rer Ein­stieg in The­men wie Bud­dhis­mus, Zen und Medi­ta­tion einer­seits, in die kon­kre­ten Mecha­nis­men und Stra­te­gien des Übergangs vom Lebensmodell des Habens zum Lebensmodell des Seins ande­rer­seits hät­ten dem Film gut­ge­tan. Dann würde viel­leicht noch deut­li­cher, wie die Ver­hal­tens­än­de­run­gen ein­zel­ner Indi­vi­duen mit einer doch ziem­lich erstarr­ten und in alten Mus­tern gefan­ge­nen Gesell­schaft wech­sel­wir­ken und vor allem, wo die Gren­zen aller sys­tem­kon­for­men Ansätze lie­gen.

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Die Gret­chen­frage Euro­pas und der Umgang mit der isla­mi­schen Her­aus­for­de­rung

"Nun sag, wie hast du's mit der Aufklärung?"

Fragen über Fra­gen. Hat der gesamte Islam einen anti­west­li­chen Reflex, oder nur der Isla­mis­mus? Hat der gesamte Wes­ten einen anti­is­la­mi­schen Reflex, oder nur ein Teil des Wes­tens? Das Miss­trauen auf bei­den Sei­ten sitzt tief. Kann man dem Ande­ren – dem man auf der Straße, im Beruf oder im Fern­se­hen begeg­net – über­haupt noch ver­trauen? Kann man auf seine Huma­ni­tät bauen, mit sei­ner Mensch­lich­keit rech­nen?

Auch in Europa fin­det ein Kli­ma­wan­del im Umgang mit dem Islam statt. Auch hier erhitzt sich der Debat­ten­pla­net auf­grund einer Ver­gif­tung der Atmo­sphäre. Auch hier ver­sucht man, die Erwär­mung mög­lichst auf wenige Grad zu beschrän­ken. Die ver­gif­te­ten Fra­gen lau­ten: Wel­cher der bei­den ideo­lo­gi­schen Ent­würfe ist dem ande­ren gegen­über eigent­lich feind­li­cher gesinnt – der Wes­ten dem Islam gegen­über oder umge­kehrt? Wel­cher der bei­den ideo­lo­gi­schen Ent­würfe bedroht den Libe­ra­lis­mus, die Frei­heit aller Men­schen, eigent­lich stär­ker? Wel­cher der bei­den ideo­lo­gi­schen Ent­würfe ent­hält mehr vom Kern einer zukünf­ti­gen freien, gerech­ten Welt­ge­sell­schaft?

Die Her­aus­ge­ber

Der Per­len­tau­cher ist ein deutsch­spra­chi­ges Online-Maga­zin für kul­tu­relle The­men, ins­be­son­dere für Lite­ra­tur. Gegrün­det wurde der Per­len­tau­cher im Jahr 1999 von den Jour­na­lis­ten Anja See­li­ger und Thierry Cher­vel.

www.perlentaucher.de

Islam in Europa, her­aus­ge­ge­ben von den Grün­dern der Web­seite Per­len­tau­cher, erschien 2007 als medi­en­his­to­ri­sches Novum: die erste feuil­le­to­nis­ti­sche Debatte her­aus­ra­gen­der zeit­ge­nös­si­scher Intel­lek­tu­el­ler, die voll­stän­dig vir­tu­ell in einem Online-Medium geführt wurde – beweg­li­cher und schnel­ler, als das bei tra­di­tio­nel­len Debat­ten in den tra­di­tio­nel­len Medien mög­lich gewe­sen wäre. Ent­zün­det hatte sich der Streit an den The­sen des fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Pas­cal Bruck­ner in Erwi­de­rung auf ein Buch des nie­der­län­di­schen Jour­na­lis­ten Ian Buruma über den Mord an Theo van Gogh und einen Essay des bri­ti­schen His­to­ri­kers Timo­thy Gar­ton Ash.

Zum Glück lässt sich diese Debatte bequem in gedruck­ter Form nach­le­sen. Und das lohnt sich: ihre Leit­fra­gen sind auch zehn Jahre spä­ter noch in höchs­tem Maße aktu­ell und wer­den es viel­leicht in wei­te­ren zehn Jah­ren immer noch sein. Sie lau­ten wie folgt:

  • Wen soll der Wes­ten unter­stüt­zen: Gemä­ßigte Isla­mis­ten wie Tariq Rama­dan oder isla­mi­sche Dis­si­den­ten wie Ayaan Hirsi Ali?
  • Kann eine Gruppe andere oder gar höhere Rechte bean­spru­chen als ein Indi­vi­duum?
  • Bedroht der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus die Errun­gen­schaf­ten der Auf­klä­rung?
  • Gibt es einen (anti­is­la­mi­schen) „Fun­da­men­ta­lis­mus der Auf­klä­rung“?
  • Gibt es einen (anti­auf­klä­re­ri­schen) „Ras­sis­mus der Anti­ras­sis­ten“?

Ayaan Hirsi Ali [Bild © Gage Skidmore | CC-BY-SA 3.0]

Ayaan Hirsi Ali

Das Buch beginnt mit dem Abdruck einer kur­zen Rede der nie­der­län­di­schen Islam­kri­ti­ke­rin soma­li­scher Her­kunft Ayaan Hirsi Ali im Jahre 2006 in Ber­lin – auf dem Höhe­punkt des Streits um die Ver­öf­fent­li­chung der Moham­med-Kari­ka­tu­ren in der däni­schen Zei­tung Jyl­lands Pos­ten im Sep­tem­ber 2005. Ayaan ver­tei­digt darin „das Recht, zu belei­di­gen“ und ihre Über­zeu­gung, dass „die fra­gile Unter­neh­mung, die wir Demo­kra­tie nen­nen, ohne freie Rede, beson­ders in den Medien, nicht exis­tie­ren kann“, nicht zuletzt des­halb, „weil Men­schen in ande­ren Hemi­sphä­ren diese Frei­heit ver­wei­gert wird“.

Sie kri­ti­siert west­li­che Intel­lek­tu­elle, die von der Rede­frei­heit leben, aber Zen­sur bis hin zur frei­wil­li­gen Selbst­zen­sur üben und ihre Feig­heit und Mit­tel­mä­ßig­keit hin­ter Begrif­fen wie „Ver­ant­wor­tung“ und „Takt­ge­fühl“ ver­ste­cken. Sie kri­ti­siert eine „nicht unbe­deu­tende Min­der­heit“ von Mus­li­men in Europa, die das Sys­tem der libe­ra­len Demo­kra­tie nicht ver­steht oder akzep­tie­ren will. Für die Ex-Mus­lima und Neu-Athe­is­tin Hirsi Ali bedroht der Isla­mis­mus – der sich gele­gent­lich auch hin­ter der Maske eines Reform-Islams ver­birgt – die offene Gesell­schaft. Sie wür­digt einige posi­tive, kri­ti­siert aber illi­be­rale und fun­da­men­ta­lis­ti­sche Aus­sa­gen des Pro­phe­ten Moham­med, wie z.B. den Irr­tum, „dass eine gute Gesell­schaft nur auf dem Fun­da­ment sei­ner Ideen errich­tet wer­den könne“.

Ihr Vor­trag in der Mau­er­stadt Ber­lin endet zag­haft opti­mis­tisch, „dass die vir­tu­elle Mauer zwi­schen denen, die die Frei­heit lie­ben, und denen, die der Ver­füh­rung und Sicher­heit tota­li­tä­rer Ideo­lo­gien erlie­gen, eines Tages eben­falls ein­stür­zen wird“.

Stel­len sol­che The­sen einer Islam­kri­ti­ke­rin also einen „Fun­da­men­ta­lis­mus der Auf­klä­rung“ dar, wie Timo­thy Gar­ton Ash ihn in sei­nem Essay Der Islam in Europa dia­gnos­ti­ziert?

Gar­ton Ash spricht über ein drän­gen­des Pro­blem, mit dem sich Europa kon­fron­tiert sehe, und zwar „…die tief­grei­fende Ent­frem­dung vie­ler Mus­lime – beson­ders der zwei­ten und drit­ten Genera­tion von Immi­gran­ten­fa­mi­lien, jun­ger Män­ner und Frauen also, die in Europa gebo­ren sind…“.

Wenn sich die Dinge so schlecht wei­ter­ent­wi­ckeln, wie sie im Moment ste­hen, könnte diese Ent­frem­dung […] das soziale Geflecht der meis­ten eta­blier­ten Demo­kra­tien aus­ein­an­der­rei­ßen.

Man muss sich daran erin­nern, dass die Debat­ten­bei­träge Ende 2006 bis Anfang 2007 ent­stan­den. Zu die­sem Zeit­punkt waren die USA noch nicht aus dem Irak abge­zo­gen, weder gab es einen „Isla­mi­schen Staat“ noch einen Bür­ger­krieg in Syrien, weder Mas­sen­flucht noch Flücht­lings­deal. Die Anschläge auf Char­lie Hebdo, auf das Bata­clan in Paris, auf Pas­san­ten in Nizza oder Ber­lin lagen noch in wei­ter Ferne. Sehr wohl aber erin­nerte man sich zu die­ser Zeit an andere, wesens­ver­wandte Ereig­nisse: die Ermor­dung des nie­der­län­di­schen Fil­me­ma­chers Theo van Gogh (2004), um die es in Ian Burumas Buch ging. An die Ter­ror­an­schläge in Madrid (2004) und in Lon­don (2005) und auch an die Unru­hen in Frank­reich (2005). Und sehr wohl begann zu die­ser Zeit der par­tei­po­li­ti­sche Auf­stieg popu­lis­ti­scher islam­feind­li­cher Strö­mun­gen in vie­len euro­päi­schen Län­dern.

Gar­ton Ashs Hoff­nung (und im Falle des Schei­terns seine größte Furcht) beschreibt er fol­gen­der­ma­ßen:

Wenn wir, die – ein bes­se­rer Begriff fällt mir nicht ein – tra­di­tio­nel­len Euro­päer, den gegen­wär­ti­gen Trend umkeh­ren und Men­schen wie Abde­la­ziz [einen marok­ka­nisch-fran­zö­si­schen Poli­tak­ti­vis­ten, den Gar­ton Ash besuchte] und sei­nen Kin­dern die Mög­lich­keit geben wol­len, sich als neue mus­li­mi­sche Euro­päer hei­misch zu füh­len, dann könn­ten sie zu einer Quelle viel­fäl­ti­ger kul­tu­rel­ler Impulse und einer öko­no­mi­schen Dyna­mi­sie­rung wer­den, die dem Abwärts­sog der rasch altern­den euro­päi­schen Bevöl­ke­rung ent­ge­gen­wirkt. Soll­ten wir aber schei­tern, wer­den wir es mit vie­len wei­te­ren Explo­sio­nen zu tun bekom­men.

Timothy Garton Ash

Timo­thy Gar­ton Ash

Der Teu­fels­kreis, in dem sich laut Gar­ton Ash die Söhne und Töch­ter mus­li­mi­scher Ein­wan­de­rer in Europa befin­den, ist der einer „schi­zo­phre­nen“ Hei­mat­lo­sig­keit: Halb im Islam, halb im Athe­is­mus des Wes­tens, halb in den Ursprungs­län­dern der Eltern, halb in der neuen west­li­chen Gesell­schaft, aber nir­gends rich­tig zu Hause. Und die­ser Befund betrifft eben nicht nur die radi­ka­li­sier­ten, unter den Ein­fluss isla­mis­ti­scher Pre­di­ger gera­te­nen „ver­lo­re­nen See­len“ und Atten­tä­ter, son­dern poten­zi­ell alle mehr schlecht als recht inte­grier­ten jun­gen Mus­lime.

Hier wie da fin­den wir zunächst die Annä­he­rung an die euro­päi­sche säku­lare Kul­tur, dann ihre wütende Ableh­nung, egal ob es sich um die nie­der­län­di­sche, die deut­sche, spa­ni­sche oder bri­ti­sche Vari­ante han­delte, denn die Ver­füh­rung durch sexu­elle Frei­zü­gig­keit, Dro­gen, Alko­hol und Enter­tain­ment ist über­all ähn­lich; hier wie da haben wir den Schmerz der Zer­ris­sen­heit zwi­schen zwei Wel­ten, die beide nicht wirk­lich ein Zuhause bie­ten; der Ein­fluss eines radi­ka­len Imams und isla­mis­ti­schen Mate­ri­als aus dem Inter­net […]; das Gefühl einer glo­ba­len mus­li­mi­schen Opfer­rolle […]; das Grup­pen­den­ken eines klei­nen Krei­ses von Freun­den, der die eigene Ent­schlos­sen­heit noch ver­stärkt.

Gar­ton Ashs Dia­gnose ist frei von Über­ra­schun­gen und stimmt in wei­ten Tei­len mit den Dia­gno­sen von Ayaan Hirsi Ali (der es vor allem um die Befrei­ung der Frau vom Islam) und Ian Buruma (der sich fragt, was aus sei­ner libe­ra­len Hei­mat Nie­der­lande gewor­den ist) über­ein. Gar­ton Ash dankt Hirsi Ali aus­drück­lich dafür, „dass sie unsere Auf­merk­sam­keit auf die­sen Hor­ror lenkt [gemeint sind Zwangs­hei­ra­ten, Geni­tal­ver­stüm­me­lung u.a.], auf die dunkle Seite eines ver­meint­lich tole­ran­ten ‚Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus‘“.

Zugleich weist er auf mus­li­mi­sche Frauen hin, die sich nicht von Hirsi Ali reprä­sen­tiert fühl­ten, sich nicht von ihr „ret­ten“ las­sen woll­ten und die behaup­te­ten, dass ihnen gerade der (mus­li­mi­sche) Glaube die nötige Kraft zum Durch­hal­ten gege­ben habe. Hirsi Ali, die frü­her selbst mit dem radi­ka­len Islam in Berüh­rung gekom­men war, sei heute „eine mutige, frei­mü­tige und etwas schlicht argu­men­tie­rende Fun­da­men­ta­lis­tin der Auf­klä­rung“. Sie sei also immer noch die­selbe Radi­kale, die bloß die Sei­ten gewech­selt habe und „von einem Extrem ins andere gefal­len“ sei.

Viele wei­tere Bei­spiele die­ses Typs „Fun­da­men­ta­lis­ten der Auf­klä­rung“ stün­den Gar­ton Ash zufolge heute den Fun­da­men­ta­lis­ten des Islams gegen­über. Teil­weise ver­stün­den sie nicht, dass ihre ver­meint­lich huma­nis­tisch-auf­ge­klärte Hal­tung reli­giö­sen Mus­li­men ebenso into­le­rant erschiene, wie umge­kehrt der Islam ihnen.

Aber unser Glaube, wird der Fun­da­men­ta­list der Auf­klä­rung pro­tes­tie­ren, beruht doch auf der Ver­nunft! Kann schon sein, wer­den sie ant­wor­ten – unse­rer beruht auf der Wahr­heit!

Von den Kin­dern der isla­mi­schen Migra­tion die Auf­gabe des Glau­bens ihrer Väter und Müt­ter zu erwar­ten, sei bes­ten­falls naiv. Wenn man sie heute vor die Wahl stellte, wür­den sie sich gegen Europa ent­schei­den. Gar­ton Ash plä­diert daher für eine Abrüs­tung in der Form und in der Sache, sogar für einen neuen Rela­ti­vis­mus:

Wir müs­sen uns dar­über klar wer­den, was wir für unse­ren euro­päi­schen Lebens­stil als wesent­lich betrach­ten und was als ver­han­del­bar. […] Das Ver­bot des Hid­schab in Frank­reich scheint mir genauso frag­wür­dig wie die Vor­schrift des Iran, den Hid­schab zu tra­gen, und zwar aus ein und dem­sel­ben Grund: In einer freien und moder­nen Gesell­schaft soll­ten erwach­sene Män­ner und Frauen tra­gen dür­fen, was sie wol­len.

Die Rede­frei­heit hin­ge­gen sei natür­lich nicht ver­han­del­bar. „Zen­sur im Namen der Har­mo­nie zwi­schen den unter­schied­li­chen Gemein­schaf­ten“ sei der Weg in die Unfrei­heit. Man müsse die mili­tan­ten isla­mi­schen Imame genauer beob­ach­ten. Man müsse aber auch mehr Jobs und echte Chan­cen­gleich­heit vor allem für junge Mus­lime schaf­fen.

Ver­han­deln möchte Gar­ton Ash die euro­päi­schen Werte mit den Ver­tre­tern eines Reform-Islams, der „mit den Grund­sät­zen des moder­nen, libe­ra­len und demo­kra­ti­schen Europa ver­ein­bar“ sei. Dass die­ser refor­mierte und refor­mier­bare Islam exis­tiert, scheint für Gar­ton Ash außer Frage zu ste­hen – im Unter­schied zu Ayaan Hirsi Ali, aber zum Bei­spiel auch im Unter­schied zu Necla Kelek, die sich in einem spä­te­ren Bei­trag zu Wort mel­det.

"Reformsalafist" Tariq Ramadan

„Reform­sala­fist“ Tariq Rama­dan

Gar­ton Ash ruft aller­dings aus­ge­rech­net den äußerst kon­tro­ver­sen Phi­lo­so­phen Tariq Rama­dan als Ver­hand­lungs­part­ner auf, den Enkel des Grün­ders der radi­ka­len Mus­lim­bru­der­schaft, der sich selbst als „Reform­sala­fis­ten“ bezeich­net und damals noch nicht Ziel von Ver­ge­wal­ti­gungs­vor­wür­fen (2017) ist. Auch Ian Buruma stellt uns diese schil­lernde Figur in einem Bei­trag lei­der allzu aus­ge­wo­gen – und damit posi­tiv – vor. Tariq Rama­dan ver­mischt vor­sätz­lich refor­me­ri­sche Töne (Im Wes­ten lebende Mus­lime müs­sen sich an die dor­ti­gen Gesetze hal­ten) mit einer unkla­ren Hal­tung zur Scha­ria und mit dem Spreng­stoff der post­ko­lo­nia­len Klage: „Gegen­über neo­li­be­ra­ler Wirt­schafts­po­li­tik lässt der Islam nur eine Ant­wort zu, den Wider­stand“. Rama­dan ist sich auch nicht zu schade, die Ideen ande­rer für seine eige­nen Ziele und Ziel­grup­pen zu ver­fäl­schen. Als sol­cher­art Betrof­fe­ner spricht ihm Bassam Tibi die angeb­li­che Islam-Reform schlicht ab.

Ver­mut­lich auch weil Gar­ton Ash die Türe des Rela­ti­vis­mus einen Spalt offen­ste­hen lässt, kommt es zum wüten­den Ton in der Replik von Pas­cal Bruck­ner, dem wie­derum vor­ge­wor­fen wird, wie ein Betrun­ke­ner zu argu­men­tie­ren, was die eska­lie­rende Situa­tion natür­lich alles andere als ent­schärft. Bei aller Pole­mik ent­spinnt sich aber im Fol­gen­den eine Debatte genau im Schnitt­punkt der Posi­tio­nen Hirsi Alis, Gar­ton Ashs, Ian Buru­mas und Pas­cal Bruck­ners, deren Reiz darin liegt, beson­ders scho­nungs­los auf die oben gestell­ten Gret­chen­fra­gen ein­zu­ge­hen. Die inter­es­san­tes­ten Gesprächs­run­den erge­ben sich oft, wenn alle Betei­lig­ten mun­ter drauf­los argu­men­tie­ren, weil sie sich im Grunde einig sind, dass es keine Lösung gibt.

Necla Kelek zum Bei­spiel fin­det, dass der Islam nicht ganz so viel­fäl­tig ist, wie Ian Buruma es stell­ver­tre­tend für andere „Mul­ti­kul­tu­ra­lis­ten“ behaup­tet: „Das mit den Unter­schie­den mag im Detail stim­men, im Grund­satz nicht“. Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam, die von 45 mus­li­mi­schen Staa­ten unter­zeich­net wurde und die Scha­ria zum Maß­stab erhebt, spre­che eine andere Spra­che als die 40 Jahre zuvor von den Ver­ein­ten Natio­nen ver­ab­schie­dete Allgemeine Erklärung der MenschenrechteAuf dem Unter­schied müsse der Wes­ten bestehen. Europa droht Kelek zufolge auf die Folk­lore her­ein­zu­fal­len, wäh­rend es eigent­lich um sein Recht strei­ten müsste.

Paul Cli­teur zufolge führt die Gleich­set­zung von radi­ka­ler Auf­klä­rung und radi­ka­lem Islam in genau jene post­mo­derne Belie­big­keit, über die reli­giöse Eife­rer nur lachen. Denn sie ver­tre­ten ja die Wahr­heit gegen­über einer euro­päi­schen Zivi­li­sa­tion, die „seit der Auf­klä­rung auf der grund­le­gend fal­schen Spur“ ist [sic!]. Cli­teur kri­ti­siert die krä­me­ri­sche Ten­denz, mus­li­mi­schen Reli­gi­ons­fun­da­men­ta­lis­mus nach­sich­tig mit den Ver­bre­chen des Wes­tens zu ver­rech­nen und sich bei den Wer­ten der Auf­klä­rung her­un­ter­han­deln zu las­sen. Mit einer anti­au­to­ri­tä­ren Welt­sicht sei das Pro­blem der reli­giö­sen Gewalt nicht zu lösen. „Krie­ger mit Schwert und Mes­ser“ wie der Mör­der Theo van Goghs woll­ten nicht das­selbe wie „Krie­ger mit dem Stift“ wie Hirsi Ali.

Ian Buruma ent­geg­net diese Kri­tik mit dem­sel­ben Argu­ment, das Gar­ton Ash bereits ein­ge­führt hatte: „Wenn wir reli­giö­sen Extre­mis­mus iso­lie­ren und besie­gen wol­len, müs­sen wir den Main­stream der euro­päi­schen Mus­lime als Ver­bün­dete gewin­nen“. Pole­mi­scher, auf­klä­re­ri­scher Dog­ma­tis­mus sei nicht dazu geeig­net, die Mus­lime da abzu­ho­len, wo sie nun ein­mal stün­den. Stuart Sim lässt die Kri­tik an den Post­mo­der­nis­ten und dem Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus nicht gel­ten und sieht das Pro­blem eben­falls beim Dog­ma­tis­mus. Lars Gustafs­son und Ulrike Acker­mann fürch­ten sich wie­derum eher vor dem Rela­ti­vis­mus.

Philosoph und Aufklärer <strong>Voltaire</strong><br /><div class='copyright'>Bild © Public Domain</div>

Es ist klar, dass jeder, der einen Men­schen, sei­nen Bru­der, wegen des­sen abwei­chen­der Mei­nung ver­folgt, eine erbärm­li­che Krea­tur ist.

Phi­lo­soph und Auf­klä­rer Vol­taire

Einig schei­nen sich alle Autoren zu sein, dass der Islam sich wan­deln werde und dass man die „rich­ti­gen“ Mus­lime beim Vor­an­trei­ben die­ses Wan­dels unter­stüt­zen müsse. Je nach eige­ner Cou­leur im Spek­trum zwi­schen auf­klä­re­ri­schem Dogma und post­mo­der­nem Rela­ti­vis­mus sehen die Autoren dann natür­lich eher die ver­meint­lich schril­len Dis­si­den­ten oder die ver­meint­lich gemä­ßig­ten Refor­mer an ihrer Seite. Es gibt aber auch eine nicht kleine Anzahl von Autoren, die für Mit­tel­wege und Zwi­schen­wege plä­die­ren: Auf­klä­rung und Tole­ranz, Vol­taire und Les­sing, Schutz des Indi­vi­du­ums und Schutz von Grup­pen.

Den in die­ser Hin­sicht viel­leicht glaub­wür­digs­ten – weil in Bezug auf den Islam kennt­nis­reichs­ten – Bei­trag steu­ert Bassam Tibi bei. Er lehnt sowohl die schril­len The­sen der Ex-Mus­lima Hirsi Ali als auch jene des selbst­er­nann­ten Refor­mers Tariq Rama­dan ab. Tibi ver­langt, die Sache „Europa und der Islam“ von ein­zel­nen Per­so­nen zu tren­nen. Die Iden­ti­tät Euro­pas und die Iden­ti­tät der Zuwan­de­rer seien dafür beide zu wich­tig und bewah­rens­wert, und außer­dem abso­lut ver­ein­bar.

Die Isla­mis­ten wol­len keine Inte­gra­tion, sie wol­len Europa durch Dji­had isla­mi­sie­ren. Die Euro­päer kön­nen dies nur zusam­men mit den Euro-Mus­li­men ver­hin­dern. [...] Ein post­mo­der­ner Wer­te­re­la­ti­vis­mus ist nicht die Öff­nung, die Europa benö­tigt ... . Die EU ist eine Wer­te­ge­mein­schaft. [...] Ent­we­der euro­päi­siert Europa den Islam oder der Islam isla­mi­siert Europa.

Übri­gens ent­hält das Per­len­tau­cher-Buch auch kleine essay­is­ti­sche Per­len, die dem schau­ri­gen Sog der mono­chro­men Glau­bens­fra­gen wider­ste­hen. Der fan­tas­ti­sche Bei­trag der nie­der­län­di­schen Schrift­stel­le­rin Mar­griet de Moor hält aus Per­spek­tive der lako­nisch-zufrie­de­nen, post­mo­dern-müden West­eu­ro­päe­rin dem Thema Islam in Europa den Spie­gel vor: die nach innen wie außen bru­tale Geschichte des alten Kon­ti­nents, die einst blut­trie­fende Frage nach dem reli­giö­sen Selbst­ver­ständ­nis, die heute kei­nen tra­di­tio­nel­len Euro­päer (s. Gar­ton Ash) mehr so rich­tig inter­es­siert, die aber vom Islam wie­der her­vor­ge­kit­zelt wird. De Moor ver­mu­tet, dass eine isla­mi­sche Refor­ma­tion – wenn es sie geben wird – nicht vom Nahen Osten, son­dern von West­eu­ropa aus­ge­hen wird, viel­leicht sogar von einer weib­li­chen Refor­ma­to­rin.

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