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Die poli­ti­schen Schrif­ten des Gewis­sens-Mys­ti­kers und roman­ti­schen Demo­kra­ten Her­mann Hesse

"Die echten Künstler und Dichter werdet ihr daran erkennen, dass sie einen unbändigen Drang nach Unabhängigkeit haben und sofort zu arbeiten aufhören, wenn man sie zwingen will, die Arbeit anders als allein nach dem eigenen Gewissen zu machen. "

Hermann Hesse Politische SchriftenUnbrauch­bar zu blei­ben für den Anspruch der Macht, ist auch ein Enga­ge­ment; Abstand von dem, was andere für Poli­tik aus­ge­ben, auch eine poli­ti­sche Hal­tung. So Adolf Muschg in sei­ner Bespre­chung von Her­mann Hes­ses poli­ti­schen Schrif­ten, die in einer zweibändigen Edition des Suhrkamp-Verlags vor­lie­gen und erst­mals in Hes­ses 100. Geburts­jahr 1977 erschie­nen. Her­mann Hesse (1877 – 1962) war zeit­le­bens unbrauch­bar für die Macht und die Mäch­ti­gen, aber zugleich in höchs­tem Maße enga­giert. Er hielt Abstand zu allem, was als Poli­tik aus­ge­ge­ben wurde, pflegte aber eine dezi­diert poli­ti­sche Hal­tung.

Teile des ers­ten Ban­des – der die Jahre von 1914 – 1932 umfasst – sind eine Art poli­ti­sches Pro­pä­deu­ti­kum. Seit etwa 1896 las Her­mann Hesse regel­mä­ßig die Zeit­schrift „Sim­pli­cis­si­mus“ und knüpfte ab etwa 1905 Kon­takte zu des­sen Redak­ti­ons­mit­glie­dern. Aus­ge­rech­net wäh­rend einer der größ­ten poli­ti­schen Kata­stro­phen der Neu­zeit, in den Jah­ren des Ers­ten Welt­kriegs, ver­ar­bei­tete er sein poli­ti­sches Erwa­chen in Tage­buch­ein­trä­gen und Brie­fen, schärfte seine poli­ti­sche Auf­fas­sungs­gabe und suchte nach einer pas­sen­den Spra­che für sei­nen unge­bun­den-indi­vi­dua­lis­ti­schen, mys­tisch-spri­tu­el­len und roman­ti­schen Cha­rak­ter.

Hermann Hesse (* 2. Juli 1877 in Calw; † 9. August 1962 in Montagnola, Schweiz), war ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller, Dichter und Maler. 1946 erhielt er den Nobelpreis für Literatur und 1954 den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste.

Her­mann Hesse (* 2. Juli 1877 in Calw; † 9. August 1962 in Mon­ta­gnola, Schweiz), war ein deutsch-schwei­ze­ri­scher Schrift­stel­ler, Dich­ter und Maler. 1946 erhielt er den Nobel­preis für Lite­ra­tur und 1954 den Orden Pour le Mérite für Wis­sen­schaf­ten und Künste.

Wenn die Euro­päer tat­säch­lich, wie Christopher Clark meint, wie Schlaf­wand­ler in den ers­ten Welt­krieg stol­per­ten, so lässt sich das auf eine gewisse Weise auch am Bei­spiel Her­mann Hes­ses zei­gen. Der bewer­tete die Ereig­nisse ab der Julikrise 1914 aus sei­nem siche­rem Abstand in der Schweiz viel zu läs­sig und non­cha­lant, wenn auch mit gro­ßer inne­rer Anteil­nahme. In sei­nen Brie­fen und Noti­zen spie­gelt sich vage Betrüb­nis über die „ver­spä­tete Nation“ Deutsch­land, die – wie Hesse bemerkt – nie eine rich­tige demo­kra­ti­sche Revo­lu­tion voll­zo­gen hat und daher im Orches­ter der Welt­mächte nur schiefe Töne zu spie­len ver­mag. Erste düs­tere Vor­ah­nun­gen schlei­chen sich in den All­tag.

Natür­lich kann man das lebens­lange sub­jek­tive Außen­sei­ter­schick­sal des hoch­sen­si­blen, stark intro­ver­tier­ten Schrift­stel­lers nicht ver­ges­sen, das sich seit sei­nen schock­ar­ti­gen Jugend­er­leb­nis­sen mit elter­li­chem und staat­li­chem Zwang abge­zeich­net hatte. Der patrio­ti­sche Aus­bruch im „August­er­leb­nis“, die Trun­ken­heit der Volks­mas­sen, die Begeis­te­rung für einen Krieg, das Gebrüll von einer „gro­ßen Zeit“ – all das musste dem freund­li­chen Ein­zel­gän­ger instink­tiv zuwi­der­lau­fen. Den­noch – der junge Hesse ist Kos­mo­po­lit und Patriot zugleich. Ein Welt­krieg war auch für ihn die größt­mög­li­che Her­aus­for­de­rung. Daher sind gele­gent­li­che gedank­li­che Inkon­sis­ten­zen kaum zu über­le­sen.

Seit lan­gem wusste ich, dass es kei­nes­wegs die Ver­nunft ist, die die prak­ti­sche Welt regiert, aber die Bru­ta­li­tät des Krie­ges und das fast völ­lige Ver­sa­gen der ver­nünf­tig-fried­li­chen Kul­tur­kräfte ist doch über­aus trau­rig.

Die mora­li­schen Werte des Krie­ges schätze ich im Gan­zen sehr hoch ein. Aus dem blö­den Kapi­ta­lis­ten­frie­den her­aus­ge­ris­sen zu wer­den tat vie­len gut, grade auch Deutsch­land […].

Viel lie­ber als der Krieg ist mir das nor­male Leben der Her­den­men­schen auch nicht […].

Die Mei­nung, dass die­ser Krieg etwas Herr­li­ches und sogar Hei­li­ges sei, kann ich nicht tei­len.

Über den Krieg sel­ber aber mich zu freuen, ihn herr­lich zu fin­den, mir von ihm eine gol­dene Zukunft zu ver­spre­chen, ist mir nicht mög­lich.

Hermann Hesse im Jahr 1929

Her­mann Hesse im Jahr 1929

Der­ar­tige Such­be­we­gun­gen des Künst­lers wer­den nach dem ers­ten Welt­krieg rasch sel­te­ner. Spä­ter, im zwei­ten Band der poli­ti­schen Schrif­ten, der die Jahre von 1933 bis zu Hes­ses Tod 1962 umfasst, begeg­net uns längst der poli­tisch gereifte, meis­ter­haft skep­ti­sche Beob­ach­ter; Hes­ses eige­nem Ide­al­bild eines „dao­is­ti­schen Wei­sen“ nach­ei­fernd, der sich von kei­nem ein­zi­gen schril­len Ton in einer an schril­len Tönen über­rei­chen Zeit täu­schen lässt. Der sich durch nichts und nie­man­den von einer gele­gent­lich als stör­risch und eigen­bröt­le­risch gegei­ßel­ten Manier abbrin­gen lässt. Der gerade aus bös­wil­li­gen Anfein­dun­gen und Ver­leum­dun­gen sei­nes Namens und sei­ner Werke trot­zig neue Kraft schöpft. Der nicht mehr über die wah­ren Zusam­men­hänge von Wirt­schaft, Gesell­schaft, Poli­tik und Krieg irrt. Der die Kata­stro­phe des zwei­ten Welt­kriegs frü­her als andere her­auf­zie­hen sieht. Der aber auch nicht mehr sein gan­zes Den­ken von Bit­ter­keit über die Zustände beherr­schen und sich von der schrift­stel­le­ri­schen Arbeit abbrin­gen lässt.

Diese innere Ruhe musste Hesse sich hart erkämp­fen und sei­ner Seele abrin­gen. Der Rück­zug in die Schweiz war Teil einer Stra­te­gie, die­ses Ziel zu errei­chen. In vie­len Tage­buch­ein­trä­gen und Brie­fen wies er dar­auf hin, dass ihn, was die lite­ra­ri­sche Arbeit angeht, in Zei­ten poli­ti­scher Kri­sen eine Art von Läh­mung befiel. Ein Zustand inner­li­chen Auf­ge­wühltseins, in dem an Schrei­ben nicht zu den­ken war. Nicht zufäl­lig mehr­ten sich in sol­chen schwie­ri­gen Jah­ren seine Äuße­run­gen zum poli­ti­schen Gesche­hen. Als habe aus­ge­rech­net ihn, den Lieb­ha­ber fern­öst­li­cher Weis­heit, der berühmte chi­ne­si­sche Fluch getrof­fen: „Mögest du in inter­es­san­ten Zei­ten leben“. Im Juli 1933 schreibt Hesse:

[…] seit jener Zeit vor 12 Jah­ren […] habe ich kein Tage­buch mehr geführt, und wenn ich jetzt wie­der das Bedürf­nis zu ähn­li­chen Noti­zen habe, so kommt es wohl vor allem von der sehr ähn­li­chen Situa­tion: einer gro­ßen Sto­ckung in mei­ner Pro­duk­tion.

So ist ein Haupt­thema in Hes­ses poli­ti­schen Schrif­ten, neben dem Lei­den an der „ver­spä­te­ten Nation“ Deutsch­land, auch die Recht­fer­ti­gung einer rela­tiv abge­kap­sel­ten „vita contemplativa“, einem zurück­ge­zo­ge­nen Leben, einem geis­ti­gen Leben im Unter­schied zum Mate­ria­lis­mus, einem phi­lo­so­phi­schen Leben im Unter­schied zum Popu­lis­mus. Muße bedeu­tete für ihn dabei kei­nen Selbst­zweck, son­dern Schwung­ho­len für ein halb öffent­li­ches, halb pri­va­tis­ti­sches Enga­ge­ment – sei es für die Ber­ner Gefan­ge­nen­für­sorge wäh­rend des ers­ten Welt­kriegs, für publi­zis­ti­sche Akti­vi­tä­ten oder für viel­fäl­tige Brief­kor­re­spon­den­zen.

Als Recht­fer­ti­gung sei­nes zurück­ge­zo­ge­nen Lebens­stils und inne­ren Emi­gra­tion diente Hesse nicht ein­fach der objek­tiv schlechte Zustand der Welt, son­dern ein bestimm­tes Men­schen­bild und Künst­ler­ideal. Seine Hal­tung ent­spannte sich zwi­schen einer fast gren­zen­lo­sen Huma­ni­tät einer­seits, und einem radi­kal pes­si­mis­ti­schen Blick auf die Geschichte ande­rer­seits. Eine Hal­tung, die nie­mals ein­zelne Men­schen­schick­sale gegen die Geschichte abwä­gen würde, und die daher jeg­li­che Par­tei­lich­keit und Ver­ein­nah­mung ver­bie­tet.

[…] denn bekannt­lich hat im Zei­chen der Poli­tik und Par­tei der Mensch keine Ver­pflich­tung mehr zu mensch­li­chen, son­dern nur noch zu par­tei­li­chen und krie­ge­ri­schen Gefüh­len und Metho­den.

Mit Wör­tern wie „Denk­art aller Geis­ti­gen“ oder auch „Olig­ar­chie der Geis­tigs­ten“ klnigt Platons Ideal von den Philosophenkönigen an. Aller­dings sind für Hesse die Grund­über­zeu­gun­gen unab­hän­gi­ger künst­le­ri­scher Geis­ter „der Denk­art der Poli­ti­ker, der Gene­räle und ‚Füh­rer‘ genau ent­ge­gen­ge­setzt“. Seine kate­go­ri­sche Absage an die Macht und die Mäch­ti­gen bleibt bestehen, ganz dem Kant´schen Prinzip gemäß, dass der Mensch immer auch Selbst­zweck sein muss und nie bloß Mit­tel zum Zweck sein darf.

Sie wer­den aber ver­geb­lich einen Füh­rer zu die­ser Denk­art suchen, da kei­ner von uns den Ehr­geiz oder auch nur die Mög­lich­keit hat, „Füh­rer“ zu sein. Wir hal­ten vom Füh­ren nicht viel, vom Die­nen alles. Wir pfle­gen vor allen ande­ren Tugen­den die Ehr­furcht, aber wir brin­gen diese Ehr­furcht nicht Per­so­nen dar.

Der Dich­ter ist weder etwas Bes­se­res, noch etwas Gerin­ge­res als der Minis­ter, als der Inge­nieur, als der Volks­red­ner, aber er ist etwas voll­kom­men ande­res als sie.

Die ech­ten Künst­ler und Dich­ter wer­det ihr […] daran erken­nen, dass sie einen unbän­di­gen Drang nach Unab­hän­gig­keit haben und sofort zu arbei­ten auf­hö­ren, wenn man sie zwin­gen will, die Arbeit anders als allein nach dem eige­nen Gewis­sen zu machen. Sie wer­den weder für Zucker­brot noch für hohe Ämter käuf­lich sein und sich lie­ber tot­schla­gen als miss­brau­chen las­sen. Daran wer­det ihr sie erken­nen kön­nen.

Diese „Denk­art aller Geis­ti­gen“ als mensch­li­che Hal­tung ist für Hesse so uni­ver­sal und urwüch­sig, dass sie auch voll­kom­men ohne Vor­den­ker aus­käme und ohne Füh­rer, Leh­rer, Schu­len, Kanons und Vor­bil­der ihre Bah­nen in der Mensch­heits­ge­schichte zie­hen würde. Hesse spricht von einer „anony­men Brü­der­schaft“. Er selbst begreift sich als ler­nen­den Schü­ler die­ser inne­ren Hal­tung. Dass diese Hal­tung weni­ger der welt­li­chen als viel­mehr der spi­ri­tu­el­len Sphäre ent­stammt, erscheint Hesse als selbst­ver­ständ­lich:

Sie steht wun­der­bar genau […] aus­ge­drückt in den Evan­ge­lien, in den Sprü­chen der chi­ne­si­schen Wei­sen, vor allem des Kon­fu­zius und des Lao Tse und den Fabeln des Dschuang Dsi, in eini­gen indi­schen Lehr­ge­dich­ten wie der Bha­ga­vad-Gita. Heim­lich geht diese Denk­art durch die Lite­ra­tur aller Völ­ker.

Das, was Jesus das Reich Got­tes, was die Chi­ne­sen Tao nen­nen, ist nicht ein Vater­land, dem auf Kos­ten ande­rer Vater­län­der gedient wer­den soll. Es ist die Ahnung vom Gan­zen der Welt, samt allen ihren Wider­sprü­chen, ist die Ahnung von der gehei­men Ein­heit alles Lebens.

Hermann Hesse im Jahr der Verleihung des Nobelpreises 1946

Her­mann Hesse im Jahr der Ver­lei­hung des Nobel­prei­ses 1946

Diese „Ahnung vom Gan­zen der Welt“ und das Ideal von Brü­der­lich­keit füh­ren natur­ge­mäß zu einer Ableh­nung des Natio­nen­be­griffs und viel mehr noch zu einer Ableh­nung jeg­li­chen Natio­nal­stol­zes oder gar natio­na­len Über­le­gen­heits­ge­fühls. Auch Hes­ses eigene über­na­tio­nale Her­kunft – der Vater war Deutsch-Balte, die Mut­ter Fran­zö­sisch-Schwei­ze­rin – spielte bei der Aus­for­mung die­ses Welt­bür­ger­geis­tes eine Rolle. Von Beginn sei­ner schrift­stel­le­ri­schen Tätig­keit an – und das ist Teil sei­ner Unbe­stech­lich­keit – umwehte Hesse ein inter­na­tio­na­lis­ti­scher, pan­eu­ro­päi­scher Geist. Mit vie­len pazi­fis­ti­schen Freun­den wie dem fran­zö­si­schen Schrift­stel­ler Romain Rolland und der wie Hesse zeit­weise in die Schweiz gezo­ge­nen Annette Kolb; mit den vie­len deut­schen Emi­gran­ten wäh­rend des Drit­ten Reichs (dar­un­ter Tho­mas Mann und bei­der Ver­le­ger Gott­fried Ber­mann Fischer) hielt Hesse per­sön­li­chen und brief­li­chen Kon­takt. Noch viel mehr Men­schen schrie­ben ihm nach Mon­ta­gnola oder such­ten ihn dort auf.

Wenn Freunde und Brü­der sich über Nacht in feind­li­chen Lagern gegen­über­stan­den, wenn Men­schen aus ihrer Hei­mat ver­trie­ben wur­den, beob­ach­tete Hesse den Wahn­sinn und sorgte sich um diese Men­schen, sorgte sich auch immer schon um die schwie­rige Zeit des Auf­räu­mens nach dem Ende der poli­ti­schen Vaban­que­spiele.

Lächer­lich sind übri­gens die eif­ri­gen Ver­su­che aller Natio­nen, sich rein­zu­wa­schen und die Schuld am Kriege ein­an­der in die Schuhe zu schie­ben, lau­ter rein for­male Ver­su­che, deren kei­ner impo­niert, auch die deut­schen nicht.

Noch immer fällt es schwer, für eine Stunde den Krieg wirk­lich zu ver­ges­sen. […] Die Mauer von Hass und blö­dem Natio­nal­ei­fer, hin­ter der wir nun leben sol­len, wird jedem höher und fei­ner Leben­den als­bald uner­träg­lich wer­den; unsre Arbeit für viele Jahre wird sein, diese über Nacht ent­stan­dene Mauer lang­sam und müh­sam wie­der abzu­tra­gen.

Wir müs­sen nach­her so bald als mög­lich mit Eng­land und Frank­reich bes­ser Freund wer­den als vor­her, das scheint mir für die Zukunft unent­behr­lich, und das wäre ohne den Krieg bes­ser gegan­gen.

Beson­ders deut­lich brachte Hesse diese Gesin­nung in sei­nem Auf­ruf an die deut­schen Intel­lek­tu­el­len „O Freunde, nicht diese Töne!“ in der Neuen Zür­cher Zei­tung vom 03.11.1914 zum Aus­druck:

Krieg wird noch lange sein, er wird viel­leicht immer sein. Den­noch ist die Über­win­dung des Krie­ges nach wie vor unser edels­tes Ziel und die letzte Kon­se­quenz abend­län­disch-christ­li­cher Gesit­tung. Der For­scher, der das Mit­tel gegen eine Seu­che sucht, wird seine Arbeit nicht weg­wer­fen, wenn eine neue Epi­de­mie ihn über­rascht. Noch viel weni­ger wird „Friede auf Erden“ und Freund­schaft unter den Men­schen, die eines guten Wil­lens sind, jemals auf­hö­ren, unser höchs­tes Ideal zu sein.

In Zei­ten, in denen das Indi­vi­duum nichts und die Gemein­schaft alles zählt, in denen blin­der Gehor­sam, trun­ke­ner Natio­nal­ei­fer und über­stei­ger­ter Ego­is­mus der eige­nen Gruppe herr­schen; in sol­chen Zei­ten die natür­li­chen Rechte und Eigen­hei­ten des Indi­vi­du­ums zu ver­tei­di­gen, ohne es auch vor der Bar­ba­rei der Geschichte schüt­zen zu kön­nen; trotz der toben­den Kämpfe für eine freundliche Abrüstung des Ichs zu plädieren – das ist auch eine Form des Wider­stands.

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David Fos­ter Wal­lace über Acht­sam­keit und warum junge Men­schen zum mit­füh­len­den Den­ken ange­stif­tet wer­den müs­sen

"Es ist unvorstellbar schwer, dies zu tun: in der Welt der Erwachsenen tagein tagaus aufmerksam und lebendig zu bleiben."

Das hier ist WasserAm 21. Mai 2005 hielt der US-ame­ri­ka­ni­sche Autor David Fos­ter Wal­lace (1962−2008) eine kleine Fest­rede vor der Abschluss­klasse des Ken­yon Col­lege – einer pri­va­ten geis­tes- und kunst­wis­sen­schaft­li­chen Hoch­schule in Gam­bler, Ohio. Der noto­risch publi­kums­scheue Wal­lace musste zu die­ser Rede müh­sam über­re­det wer­den. Obwohl er sie vor einem eher klei­nen, fami­liä­ren Kreis hielt, bezeich­nete er sie als „große, ang­st­ein­flö­ßende Zere­mo­nie“. Bis zuletzt feilte er am Manu­skript und seine Ner­vo­si­tät ließ nicht nach. Es sollte eine der weni­gen Gele­gen­hei­ten in den Jah­ren vor sei­nem Tod blei­ben, bei wel­cher der Schrift­stel­ler einen so inti­men Ein­blick in seine Ansich­ten und Ein­stel­lun­gen zum Leben gab.

Schriftsteller David Foster Wallace 2006

David Fos­ter Wal­lace (* 21.02.1962 in Ithaca, New York; † 12.09.2008 in Cla­re­mont, Kali­for­nien) war ein US-ame­ri­ka­ni­scher Schrift­stel­ler.

Das Time Maga­zine nahm diese Rede im Jahr 2009 in seine Top 10 der besten Absolventen-Reden auf – neben ande­ren berühmt gewor­de­nen Abschluss-Reden u.a. von Win­ston Chur­chill und John F. Ken­nedy. (Weit über den eng­lisch­spra­chi­gen Raum hin­aus dürfte inzwi­schen der Auf­ruf von Steve Jobs geläu­fig sein: „Stay hungry, Stay foo­lish“.) Im Ver­gleich mit den ande­ren Reden ist gehört jene von David Fos­ter Wal­lace zu den per­sön­lichs­ten und ehr­lichs­ten. Eben­falls 2009 erschien der Text in Essay-Form unter dem sper­ri­gen, iro­nisch-erns­ten Titel This Is Water: Some Thoughts, Deli­ve­red on a Signi­fi­cant Occa­sion, about Living a Com­pas­sio­nate Life. Auf Deutsch liegt der Text der Rede in einer zwei­spra­chi­gen Aus­gabe vor: Das hier ist Wasser / This is Water: Anstiftung zum Denken.

Wal­lace begann seine Rede mit einer klei­nen Para­bel:

Zwei junge Fische schwim­men so vor sich hin und tref­fen zufäl­lig auf einen älte­ren Fisch, der in der Gegen­rich­tung unter­wegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: „Mor­gen, Jungs. Wie ist das Was­ser?“ Die zwei jun­gen Fische schwim­men eine Weile wei­ter, und schließ­lich wirft der eine dem ande­ren einen Blick zu und sagt: „Was zur Hölle ist Was­ser?“

Gleich zu Beginn also eine ver­meint­lich epis­te­mo­lo­gi­sche (erkennt­nis­theo­re­ti­sche) Frage: Was bedeu­tet es eigent­lich, dass ver­schie­dene Fische Men­schen unter­schied­li­che Erfah­run­gen machen? Aber auch: Wie kann es sein, dass Men­schen die natür­lichs­ten, all­täg­lichs­ten Dinge in ihrer Umge­bung nicht beach­ten, manch­mal nicht ein­mal erken­nen kön­nen?

Und noch eine wei­tere, dies­mal reli­giöse Para­bel führte Wal­lace kurz dar­auf ein – eine kleine Vari­ante der Großinquisitor-Parabel des Fjodor M. Dostojewski: Zwei Män­ner, ein Gläu­bi­ger und ein Athe­ist, unter­hal­ten sich darin über die Mög­lich­keit oder Unmög­lich­keit Got­tes bzw. des­sen Güte. Beide blei­ben stur bei ihrer per­sön­li­chen Mei­nung. Wal­lace gibt sei­ner Para­bel im Anschluss die fol­gende Deu­tung:

Tat­sa­che ist, dass reli­giöse Dog­ma­ti­ker das­selbe Pro­blem haben wie der Athe­ist in der Geschichte – Arro­ganz, blinde Gewiss­heit, eine Eng­stir­nig­keit, die wie eine Gefäng­nis­zelle so abso­lut ist, dass der Häft­ling nicht mal merkt, dass er ein­ge­sperrt ist.

Damit sind wir mit­ten­drin im Den­ken des David Fos­ter Wal­lace. Unsere Selbst­ge­wiss­hei­ten, unsere Eng­stir­nig­keit, unser Solip­sis­mus – das sind Fal­len, in die so gut wie alle Men­schen gehen.

Ich gebe Ihnen mal ein Bei­spiel für die kom­plette Unrich­tig­keit von etwas, des­sen ich mir auto­ma­tisch sicher bin. Meine unmit­tel­bare Erfah­rung stützt meine tief sit­zende Über­zeu­gung, dass ich der abso­lute Mit­tel­punkt des Uni­ver­sums bin, der ech­teste, leben­digste und bedeu­tendste exis­tie­rende Mensch. Wir den­ken sel­ten über diese natür­li­che, grund­le­gende Selbst­zen­triert­heit nach, weil sie sozial so absto­ßend ist, aber im Grunde ist sie bei uns allen ziem­lich gleich. Sie ist unsere Stan­dard­ein­stel­lung, die mit der Geburt in unse­ren psy­chi­schen Fest­plat­ten ver­drah­tet wird. Über­le­gen Sie mal: Sie haben nie eine Erfah­rung gemacht, bei der Sie nicht im abso­lu­ten Mit­tel­punkt stan­den. Die Welt, die Sie erfah­ren, liegt vor Ihnen oder hin­ter Ihnen, links oder rechts von Ihnen, auf Ihrem Fern­se­her, Ihrem Moni­tor oder sonst wo. Die Gedan­ken und Gefühle ande­rer Leute müs­sen Ihnen irgend­wie kom­mu­ni­ziert wer­den, aber Ihre eige­nen sind unmit­tel­bar, zwin­gend und wirk­lich. Sie wis­sen schon, was ich meine.

Mehr noch: in diese Fal­len tap­pen wir genau dann, wenn wir „erwach­sen wer­den“, wenn wir im Leben „durch­star­ten“ wol­len. Diese Stan­dard­ein­stel­lung (default set­ting) ist ein Man­tra des David Fos­ter Wal­lace. Er wie­der­holt es immer wie­der, weil er uns vor nichts so sehr war­nen möchte, wie vor uns selbst, vor der mensch­li­chen Natur. Unsere Stan­dard­ein­stel­lung lau­ert sogar dort, wo Stu­den­ten sie viel­leicht am wenigs­ten ver­mu­ten wür­den: in der aka­de­mi­schen Bil­dung. Sogar auf dem ver­meint­li­chen Olymp der Auf­klä­rung und der Weis­heit wer­den wir Men­schen blind und taub für unsere eigene Umwelt und blei­ben im Grunde stumm zurück:

Das viel­leicht Gefähr­lichste an einer aka­de­mi­schen Bil­dung ist – zumin­dest in mei­nem Fall –, dass es die Nei­gung zur Über­in­ter­pre­ta­tion ver­stärkt. Ich ver­liere mich in Abs­trak­tio­nen, statt auf das zu ach­ten, was sich vor mei­ner Nase abspielt. Statt auf das zu ach­ten, was sich in mir abspielt. Wie Sie alle garan­tiert längst wis­sen, ist es äußerst schwer, geis­tig rege und auf­merk­sam zu blei­ben und sich von dem stän­di­gen Mono­log im eige­nen Kopf nicht ein­lul­len zu las­sen. Sie wis­sen aber noch nicht, was bei die­sem Kampf alles auf dem Spiel steht. In den zwan­zig Jah­ren seit mei­nem eige­nen Uni-Abschluss habe ich lang­sam, aber sicher begrif­fen, wie hoch die­ser Ein­satz ist, und ver­stan­den, dass das geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Kli­schee, einem „das Den­ken bei­zu­brin­gen“, in Wirk­lich­keit die Abkür­zung einer sehr tie­fen und wich­ti­gen Wahr­heit ist. „Sel­ber den­ken ler­nen“ heißt in Wirk­lich­keit zu ler­nen, wie man über das Wie und Was des eige­nen Den­kens eine gewisse Kon­trolle aus­übt. Es heißt, selbst­be­wusst und auf­merk­sam genug zu sein, um sich zu ent­schei­den, wor­auf man ach­tet, und sich zu ent­schei­den, wie man aus Erfah­run­gen Sinn kon­stru­iert.

David Foster Wallace während einer Lesung für Booksmith in der All Saints Church, 2006

David Fos­ter Wal­lace wäh­rend einer Lesung für Books­mith in der All Saints Church, 2006

Als Kon­trast zu die­sem Kant´schen auf­klä­re­ri­schen Auf­ruf malt David Fos­ter Wal­lace das Hor­ror­sze­na­rio eines durch­schnitt­li­chen All­tags eines durch­schnitt­li­chen Erwach­se­nen an die Wand: furcht­bare Sze­nen vom Schlan­ge­ste­hen in einem Super­markt nach einem lan­gen und lang­wei­li­gen (wie­wohl aka­de­mi­schen) Arbeits­tag. Sze­nen vom Fei­er­abend­ver­kehr auf über­füll­ten Stra­ßen mit viel zu vie­len stin­ken­den Mit­tel­klas­se­wa­gen. Wal­lace warnt die Absol­ven­ten davor, dass sie noch gar nicht ermes­sen kön­nen, in wel­chen Trott sie ver­fal­len wer­den, wie sehr ihr All­tag sie von ihren hoch­flie­gen­den Plä­nen abhal­ten wird:

Jeder von Ihnen hat das natür­lich schon erlebt – aber bei Ihnen, die heute Ihren Abschluss machen, ist es noch nicht Tag für Woche für Monat für Jahr Teil des All­tags­trotts. Das wird es aber wer­den, zusam­men mit zahl­lo­sen ande­ren trost­lo­sen, ner­ven­den und schein­bar sinn­lo­sen Rou­ti­ne­tä­tig­kei­ten.

In einer sol­chen Situa­tion Acht­sam­keit zu üben und sogar mit den vielen gestressten Menschen mitzufühlen, erscheint uns als eso­te­ri­sches Kli­schee. Aber wie Wal­lace gleich bei sei­nen Para­beln zu Beginn der Rede bemerkte: „Tat­sa­che ist, dass Plat­ti­tü­den in den all­täg­li­chen Gra­ben­kämp­fen des Erwach­se­nen­da­seins eine lebens­wich­tige Bedeu­tung haben kön­nen.“

Es geht darum, dass genau bei die­sem bana­len, frus­trie­ren­den Klein­kram die Arbeit des Ent­schei­dens ein­setzt. Denn im Stau, in den ver­stopf­ten Gän­gen und in den Schlan­gen an der Kasse habe ich Zeit nach­zu­den­ken, und wenn ich mich nicht bewusst ent­scheide, woran ich den­ken und wor­auf ich ach­ten möchte, werde ich beim Ein­kau­fen jedes Mal sauer und nie­der­ge­schla­gen sein, weil sich sol­che Situa­tio­nen mei­ner ange­bo­re­nen Stan­dard­ein­stel­lung zufolge alle um mich dre­hen, um mei­nen Hun­ger, meine Erschöp­fung und mei­nen Wunsch, bloß end­lich nach Hause zu kom­men, und es hat ganz den Anschein, als stünde die ganze Welt mir im Weg. Wer zum Teu­fel sind diese gan­zen Leute, die mir im Weg ste­hen?

Unsere Uner­sätt­lich­keit, unsere mani­sche Ver­fol­gung der eige­nen Ziele, unser feh­len­des Mit­ge­fühl mit ande­ren, unsere Ein­sam­keit im ver­meint­li­chen Erfolg – das sind die Zuta­ten, die unser Leben ver­der­ben. Das sind die fal­schen Ideale, mit denen wir unser eige­nes Leben und das unse­rer Mit­men­schen auf den Abgrund zusteu­ern. Die Falle des Pres­ti­ges ist es, was uns von wirk­li­cher Frei­heit und von wirk­li­chem Frie­den abhält. Es han­delt sich im Grunde um eine Vari­ante des Lebens im Haben- oder im Seins-Modus, wie sie Erich Fromm beschrieben hat.

Strebe nach Macht, und du wirst dir ewig schwach und ängst­lich vor­kom­men, und du wirst immer mehr Macht über andere benö­ti­gen, um deine eigene Angst zu betäu­ben. Hul­dige dei­ner Intel­li­genz und dei­nem intel­lek­tu­el­len Sta­tus, und du wirst dir immer dumm vor­kom­men, wie ein Betrü­ger, stets kurz davor, ent­larvt zu wer­den. Doch das Heim­tü­cki­sche an die­sen fal­schen Kul­ten ist nicht, dass sie so böse und sün­dig sind, son­dern dass sie unbe­wusst ablau­fen. Es han­delt sich um Stan­dard­ein­stel­lun­gen.

In die Falle die­ser fal­schen Kulte rutscht man lang­sam und all­mäh­lich ab, indem man von Tag zu Tag immer selek­ti­ver in sei­ner Wahr­neh­mung und in sei­nen Wert­maß­stä­ben wird, ohne diese Ver­än­de­rung über­haupt zu bemer­ken.

Die soge­nannte Rea­li­tät in unse­rem All­tag wird uns übri­gens nicht davon abhal­ten, nach den Stan­dard­ein­stel­lun­gen zu leben, denn diese Rea­li­tät der Men­schen und des Gel­des und der Macht folgt fröh­lich den Prä­mis­sen der Angst und der Wut und der Frus­tra­tion und der Gier und dem fal­schen Kult des Selbst. Unsere gegen­wär­tige Kul­tur hat sich all diese Trieb­kräfte auf eine Art und Weise nutz­bar gemacht, die unglaub­li­chen Reich­tum und Kom­fort und per­sön­li­che Frei­hei­ten ermög­licht. Unser aller Frei­heit, Herr­scher über unser eige­nes klei­nes König­reich zu sein und ganz allein im Zen­trum der Schöp­fung zu ste­hen. Eine wahr­haft ver­lo­ckende Frei­heit. Natür­lich gibt es noch viele andere Arten von Frei­heit. Doch aus­ge­rech­net über die wert­volls­ten Arten von Frei­heit hört man nicht so viel, da drau­ßen in der Welt des Habens und des Erfolgs.

Die wahre Frei­heit erfor­dert Auf­merk­sam­keit und Acht­sam­keit und Dis­zi­plin und Mühe und die Empa­thie, andere Men­schen wirk­lich ernst zu neh­men und Opfer für sie zu brin­gen, wie­der und wie­der, auf unend­lich ver­schie­dene Arten und Wei­sen, völ­lig unsexy, tag­ein tag­aus.

Das ist wahre Frei­heit. Das heißt es, Den­ken zu ler­nen. Die Alter­na­tive ist die Gedan­ken­lo­sig­keit, die Stan­dard­ein­stel­lung, die Tret­mühle – das boh­rende Gefühl, ein­mal etwas unend­lich Wert­vol­les gehabt und ver­lo­ren zu haben.

Der Sinn jeg­li­cher Erzie­hung, Bil­dung und Aus­bil­dung liegt daher nicht in den Wis­sens­ber­gen, die wir anhäu­fen, oder in den Tri­umph­zü­gen, die wir für uns selbst ver­an­stal­ten, son­dern schlicht und ergrei­fend in „Acht­sam­keit“:

Der wirk­li­che Wert einer ech­ten Aus­bil­dung hat bei­nahe gar nichts mit Wis­sen zu tun, und bei­nahe alles mit schlich­ter Acht­sam­keit – jener Auf­merk­sam­keit gegen­über allem, was zugleich real und wich­tig ist und uns stän­dig umgibt, und sich den­noch so sehr vor unse­ren Augen ver­birgt, dass wir uns immer und immer wie­der an seine Exis­tenz erin­nern müs­sen:

‚Das hier ist Was­ser.‘

‚Das hier ist Was­ser.‘

Es ist unvor­stell­bar schwer, dies zu tun: in der Welt der Erwach­se­nen tag­ein und tag­aus auf­merk­sam und leben­dig zu blei­ben. Und das bedeu­tet, dass noch ein Kli­schee wahr ist: Wir ler­nen wirk­lich fürs Leben – und die Aus­bil­dung geht jetzt erst los.

Hier geht es zum Video der Rede: https://www.youtube.com/watch?v=8CrOL-ydFMI

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Kha­led Hoss­ei­nis Afgha­ni­stan-Roman Dra­chen­läu­fer ist eine Geschichte über Migra­tion und inter­kul­tu­relle Ver­stän­di­gung

"Es gibt eine Möglichkeit, es wieder gutzumachen."

Roman DrachenläuferEs gibt eine Menge Dinge an der Figur des „Baba“, des Vaters, die gro­ßen Ein­druck auf den klei­nen Amir machen – den jun­gen Prot­ago­nis­ten im Com­ing-of-Age-Roman Drachenläufer des afgha­nisch-ame­ri­ka­ni­schen Autors Kha­led Hoss­eini (* 1965). Es gibt eine Menge Dinge, die dem klei­nen Amir Angst machen und im Gedächt­nis hän­gen blei­ben. Da die Mut­ter bei der Geburt ver­starb, bleibt ihm nur die Vater­fi­gur – ein star­ker und stol­zer Vater, der aber auch ein Geheim­nis hütet, das er hin­ter der Maske einer unver­rück­ba­ren Natur­ge­walt ver­steckt. Ein west­lich gepräg­ter Vater, noch dazu ein athe­is­ti­scher Huma­nist, der Wai­sen­häu­ser finan­ziert und Bett­lern Geld gibt und die reli­giö­sen Eife­rer ver­ach­tet, mit denen es sein Sohn in der fünf­ten Klasse der Mit­tel­schule erst­mals zu tun bekommt. Die Mul­lahs träu­feln den Schul­kin­dern das Gift der Angst vor Sünde und Hölle ein. Ihr Auf­stieg an die Macht stellt in Afgha­ni­stan nie­mals – auch nicht zu den glück­lichs­ten Zei­ten des Lan­des – eine völ­lige Unmög­lich­keit dar. Der „Baba“ ver­sucht den klei­nen Amir so gut es geht vor­zu­be­rei­ten:

Wie ich sehe, ver­wech­selst du das, was du in der Schule lernst, mit tat­säch­li­cher Bil­dung“, sagte er mit sei­ner trä­gen Stimme. […] „Möch­test du wis­sen, was dein Vater über die Sünde denkt?“ […] „Dann werde ich es dir sagen“, erwi­derte er, „aber eins soll­test du wis­sen und es dir ein für alle Mal mer­ken, Amir: Du wirst von die­sen bär­ti­gen Idio­ten nie­mals irgend­et­was von Wert ler­nen.“ […] „Sie tun nichts ande­res, als ihre Gebets­per­len zu befin­gern und aus einem Buch auf­zu­sa­gen, das in einer Spra­che geschrie­ben ist, die sie nicht ein­mal ver­ste­hen.

Dann die Pro­phe­tie des Vaters:

Gott stehe uns bei, sollte Afgha­ni­stan jemals in ihre Hände fal­len.

Der Leit­spruch aber, die väter­li­che War­nung, die Amir den Weg ins Erwach­se­nen­le­ben ebnen soll, wird den Jun­gen tat­säch­lich für immer beglei­ten – im Guten wie im Schlech­ten:

Egal, was der Mul­lah auch leh­ren mag, es gibt nur eine Sünde, eine ein­zige Sünde. Und das ist der Dieb­stahl. Jede andere Sünde ist nur eine Varia­tion davon. […]

Wenn du einen Mann umbringst, stiehlst du sein Leben. Du stiehlst einer Frau das Recht auf einen Ehe­mann, raubst sei­nen Kin­dern den Vater. Wenn du eine Lüge erzählst, stiehlst du ande­ren das Recht auf die Wahr­heit. Wenn du betrügst, stiehlst du das Recht auf Gerech­tig­keit. […]

Es gibt keine erbärm­li­chere Tat als das Steh­len, Amir.

Khaled Hosseini (* 4. März 1965 in Kabul, Afghanistan) ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und Arzt tadschikischer und paschtunischer Abstammung aus Afghanistan.

Kha­led Hoss­eini (* 4. März 1965 in Kabul, Afgha­ni­stan) ist ein US-ame­ri­ka­ni­scher Schrift­stel­ler und Arzt tadschi­ki­scher und pasch­tu­ni­scher Abstam­mung aus Afgha­ni­stan.

Afgha­ni­stan wird im Laufe der fol­gen­den Jahre ver­schie­de­nen Unge­heu­ern in die Hände fal­len. All sei­nen Ein­woh­nern wird das Recht auf ein unbe­schwer­tes Leben gestoh­len, viele ver­lie­ren alles. In Hoss­ei­nis Roman wird sich in der Zwi­schen­zeit eine ganz andere Geschichte abspie­len, die schein­bar nur am Rande etwas mit den Mud­ja­he­din, den afgha­ni­schen Kom­mu­nis­ten und den Rus­sen zu tun hat, aber sehr viel mit der tief ver­wur­zel­ten Ver­ach­tung der pasch­tu­ni­schen Mehr­heit für die unter­drückte Volks­gruppe der Hazara, sehr viel mit den archai­schen Tra­di­tio­nen und Sit­ten Afgha­ni­stans, sehr viel mit dem All­tag des Lan­des in den sieb­zi­ger Jah­ren, in der Zeit der trü­ge­ri­schen Ruhe vor dem Sturm, bis schließ­lich der Über­gang von der Mon­ar­chie zur Repu­blik miss­lingt. Bis das Land end­gül­tig in die Müh­len der Block­kon­fron­ta­tion gerät und schließ­lich von der Sowjet­union und ande­ren Mäch­ten in einen Krieg gestürzt wird. Wie der eng­li­sche His­to­ri­ker und Schrift­stel­ler Peter Levi, der das Land vor 1970 besuchte, bemerkte, lag das Unheil einer Inva­sion damals schon in der Luft. Die­ser Höl­len­sturz wird den macht­gie­ri­gen Mul­lahs wie ein gött­li­ches Omen erschei­nen und sie dazu beflü­geln, für ihren teuf­li­schen Got­tes­staat zu kämp­fen.

Beide, Vater und Sohn, Baba und Amir, wer­den die Gräuel des Bür­ger­kriegs und die Tali­ban-Gewalt­herr­schaft weit­ge­hend aus der Ferne beob­ach­ten, müs­sen kaum etwas davon am eige­nen Leib erfah­ren. Beide haben zu die­sem Zeit­punkt längst eine Flucht – erst nach Paki­stan, spä­ter in die USA – hin­ter sich gebracht, und sich in Kali­for­nien ein neues Leben auf­ge­baut. Amir wird spä­ter, kurz vor dem Ende der Tali­ban­herr­schaft, in das geschun­dene Land zurück­keh­ren, um einen Men­schen zu ret­ten, um eine alte Schuld zu til­gen und um etwas wie­der gut­zu­ma­chen. Genauso übri­gens wie die nach Kanada emi­grierte afgha­ni­sche Jour­na­lis­tin Nelofer Pazira im Film Kandahar des ira­ni­schen Regis­seurs Moh­sen Makhmalbaf.

Film Drachenläufer (2007)

Film­pla­kat Dra­chen­läu­fer (2007)

In der Emi­gra­ti­ons­ge­schichte, die immer auch von Schuld­ge­füh­len über­la­gert wird, liegt der Erfolg von Kha­led Hoss­ei­nis Roman Drachenläufer begrün­det. Er erschien im Jahre 2003 mit per­fek­tem Timing – mit­ten im welt­weit erwach­ten Inter­esse an dem völ­lig ver­ges­se­nen Land Afgha­ni­stan, das mit dem 11. Sep­tem­ber schlag­ar­tig ins Licht der Welt­öf­fent­lich­keit gerückt war. Die Geschichte von Län­dern, die auf­grund von Krie­gen inter­na­tio­nal bekannt wer­den, ist immer auch die Geschichte der inter­na­tio­na­len Kriegs­flücht­linge, die sich auf den Weg machen müs­sen. Die gezwun­ge­ner­ma­ßen in Nach­bar­staa­ten oder auch in weit ent­fernte Län­der emi­grie­ren.

Hoss­ei­nis Buch bie­tet – neben den zahl­rei­chen klei­nen Details über den afgha­ni­schen All­tag in der Zeit vor der Kata­stro­phe, die bis heute anhält – eben auch diese Erkennt­nis: hin­ter jedem Flücht­ling oder Migran­ten steckt eine per­sön­li­che Geschichte vol­ler Leid und vol­ler Schuld. Man weiß nie beson­ders viel über die Motive der Flucht und noch weni­ger über die vie­len unsicht­ba­ren Fäden, die den Flücht­ling mit der Hei­mat ver­bin­den. In den Fern­seh­nach­rich­ten erfährt man nichts über die Tri­um­phe und Tra­gö­dien, die sich hin­ter den Gesich­tern der vie­len schein­bar namen­lo­sen Migran­ten ver­ber­gen.

Khaled Hosseini mit den Hauptdarstellern des Films

Autor Kha­led Hoss­eini mit den Haupt­dar­stel­lern des Films.

Viel­leicht steht da ein athe­is­ti­scher Huma­nist vor uns, der in unru­hi­gen oder gar aus­sichts­lo­sen Zei­ten ver­suchte, Würde und Anstand zu bewah­ren. Viel­leicht steht ein Fami­li­en­va­ter vor uns, der schon lange nur noch um das Wohl sei­ner Kin­der kämpft. Viel­leicht steht ein Hazara vor uns, der miss­han­delt wurde und nur durch viele glück­li­che Zufälle und ein paar hilf­rei­che Mit­men­schen in Sicher­heit gelan­gen konnte. Viel­leicht steht ein Kind vor uns, das Dra­chen hin­ter­her­läuft. Viel­leicht steht ein künf­ti­ger Arzt vor uns. Viel­leicht ein künf­ti­ger Schrift­stel­ler. Viel­leicht ein künf­ti­ger Mitt­ler zwi­schen den Kul­tu­ren.

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