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Theo­dor W. Adorno über die Per­sön­lich­keits­struk­tur dem­ago­gi­scher Het­zer und ihre psy­cho­lo­gi­schen Tricks

Faschistische Agitatoren verschaffen den Menschen jene irrationale Genugtuung, die ihnen durch die heutigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse vorenthalten wird.

Studien zum Autoritären CharakterVn Georg Lukács stammt das Bon­mot (aus dem Jahr 1962), die Mit­glie­der der Frank­fur­ter Schule leb­ten bequem in einem „Grand Hotel Abgrund“, von des­sen Ter­rasse aus sie bei einem guten Getränk das Elend der Welt besprä­chen. Er warf ihnen im Grunde die Miss­ach­tung von Karl Marx´ berühm­ter Maxime vor: „Die Phi­lo­so­phen haben die Welt nur ver­schie­den inter­pre­tiert, es kommt dar­auf an, sie zu ver­än­dern.“ (Adorno wie­derum hatte Lukács 1961 mit der Bemer­kung gefoppt, die­ser rede über Nietz­sche so über­heb­lich wie ein „wil­hel­mi­ni­scher Pro­vin­zi­al­schul­rat“.)

Lukács´ Kri­tik an der kri­ti­schen Theo­rie war zugleich treff­si­cher und über­zo­gen, ebenso wie Marx´ Gene­ral­ab­rech­nung mit der Phi­lo­so­phie. Natür­lich weht oft ein Hauch von poli­ti­scher Resi­gna­tion und gemüt­li­chem Eska­pis­mus um den aka­de­mi­schem Elfen­bein­turm, das ist schon zu kri­ti­sie­ren. Nach moder­nem Ver­ständ­nis gibt es eine gewisse Arbeits­tei­lung zwi­schen Theo­rie und Pra­xis. Aber die Sphä­ren von Macht und Den­ken sind nicht strikt getrennt. Auf antike Den­ker wie Pla­ton und Poli­ti­ker wie Seneca oder Marc Aurel geht die Vor­stel­lung zurück, dass ein Aus­tausch zwi­schen bei­den Sphä­ren wün­schens­wert ist. Nicht jeder bril­lante Ana­ly­ti­ker muss sich gleich ins „Schlacht­ge­tüm­mel“ wer­fen, aber er sollte den­noch die prak­ti­schen Begren­zun­gen des Lebens und der Welt ken­nen. Und jedem macht­be­wuss­ten Polit­ker würde es sicher­lich nicht scha­den, sich ein­mal mit ethi­schen Grund­pro­ble­men zu beschäf­ti­gen.

Max Horkheimer und Theodor Adorno auf dem Max-Weber-Soziologentag 1964 in Heidelberg [© Jjshapiro | CC-BY-SA-3.0]

Max Hork­hei­mer und Theo­dor Adorno auf dem Max-Weber-Sozio­lo­gen­tag 1964 in Hei­del­berg

Irgend­wie hatte Lukács auch Recht, wenn er das Niveau der Frank­fur­ter Schule Anfang der sech­zi­ger Jahre kri­ti­sierte. Das eins­tige Flagg­schiff der deut­schen Sozi­al­for­schung ruhte sich nicht nur sei­ner Mei­nung nach etwas zu sehr auf alten Lor­bee­ren aus. Im erstarr­ten gesell­schaft­li­chen Klima Nach­kriegs­deutsch­lands hat­ten die inzwi­schen um die sech­zig­jäh­ri­gen Pro­fes­so­ren ein biss­chen ihren „Drive“ ver­lo­ren. Die gro­ßen Namen zogen zwar immer noch viel Auf­merk­sam­keit auf sich. Doch Hork­hei­mer gab sich Mühe, das Insti­tut zu ent­ra­di­ka­li­sie­ren, und Adorno wid­mete sich vor allem sei­nen ästhe­tisch-theo­re­ti­schen Pro­jek­ten. Die rele­vante sozio­lo­gi­sche For­schung aber fand in Ame­rika statt.

Die­ser prak­tisch-phi­lo­so­phi­sche „Drive“ war in der Früh- und die Exil­phase des Frank­fur­ter Insti­tuts noch vor­han­den. Die emi­grierte „deut­sche Intel­li­gen­sia“ (Lukács) trieb in New York, Ber­ke­ley und Los Ange­les gemein­sam mit ame­ri­ka­ni­schen Kol­le­gen bahn­bre­chende Stu­dien voran – unter dem alles beherr­schen­den Ein­druck der Ver­führ­bar­keit des Men­schen durch Faschis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus. Man ver­knüpfte die psy­cho­lo­gi­schen und sozio­lo­gi­schen Rea­li­tä­ten der Men­schen erst­mals auf Basis von qua­li­ta­ti­ven und quan­ti­ta­ti­ven Erhe­bun­gen. Zu die­sen Stu­dien zählt auch Ador­nos kleine Ana­lyse über Die psy­cho­lo­gi­sche Tech­nik in Mar­tin Luther Tho­mas´ Rund­funk­re­den – 1950 im Rah­men des Mam­mut-Werks The Authoritarian Personality ver­öf­fent­licht (das nie voll­stän­dig auf Deutsch her­aus­ge­ge­ben wurde). Auf Deutsch ist sie in dem Adorno-Band Studien zum autoritären Charakter ent­hal­ten.

Theodor W. Adorno, Zeichnung von Leandro Gonzalez de Leon [© Primitivojumento | CC-BY-SA-3.0]

Theo­dor W. Adorno, Zeich­nung von Lean­dro Gon­za­lez de Leon

Theo­dor W. Adorno (11. Sep. 1903 – 6. Aug. 1969) hatte sich nach der Emi­gra­tion aus Deutsch­land jeweils ein paar Jahre in Oxford (1934 – 1938) und New York (1938 – 1941) auf­ge­hal­ten und lebte im Anschluss in Kali­for­nien (1941 – 1949). Als Teil der soge­nann­ten „Los-Ange­les-Gruppe“ der Frank­fur­ter Schule arbei­tete er dort mit Max Hork­hei­mer an der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, die 1947 erschien. In der­sel­ben Zeit wur­den von Adorno und eini­gen ande­ren Mit­ar­bei­tern unter dem Arbeits­ti­tel „Psy­cho­lo­gie destruk­ti­ver Ten­den­zen in der zivi­li­sier­ten Gesell­schaft“ auch Reden und Arti­kel faschis­ti­scher ame­ri­ka­ni­scher Agi­ta­to­ren der drei­ßi­ger Jahre zusam­men­ge­stellt. Leo Löwen­thal, der sich 1943 für einige Monate in Los Ange­les auf­hielt, steu­erte eine Ana­lyse über den Faschis­ten und Anti­se­mi­ten George Alli­son Phelps bei und besorgte spä­ter die sozio­lo­gi­sche Auf­ar­bei­tung des gesam­ten Mate­ri­als in sei­nem Werk Fal­sche Pro­phe­ten. Stu­dien zum Auto­ri­ta­ris­mus.

Anlass all die­ser Stu­dien war das ab 1943 gemein­sam von der Uni­ver­sity of Ber­ke­ley und dem Insti­tute of Social Rese­arch betrie­bene groß­an­ge­legte For­schungs­pro­jekt zum Thema Anti­se­mi­tis­mus unter der Lei­tung der Sozi­al­psy­cho­lo­gen R. Nevitt San­ford und Daniel J. Lev­in­son. Ziel der Stu­dien war es, die psy­cho­lo­gisch-retho­ri­schen „Tricks“ faschis­ti­scher Agi­ta­to­ren auf­zu­de­cken und deren Publi­kum durch eine auch für Laien ver­ständ­li­che Dar­stel­lung der wis­sen­schaft­li­chen Ergeb­nisse gegen die Het­zer zu immu­ni­sie­ren, also – ganz im Sinne von Lukács oder auch Marx – prak­ti­sche Auf­klä­rung zu leis­ten.

Renais­sance der Dem­ago­gie im 21. Jahr­hun­dert

Fast for­ward in unsere Gegen­wart: In der gesell­schaft­li­chen Eupho­rie der 90er und frü­hen 00er Jahre schien es so, als ob Faschis­mus und Anti­se­mi­tis­mus für alle Zeit besiegt seien. Die eins­ti­gen Haupt­the­men der Frank­fur­ter Schule gehör­ten zu einem ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert. Doch es ist nicht zu über­se­hen: Nach der Ernüch­te­rung durch (islamo-)faschistischen Ter­ror und neue west­li­che Kriege, durch ver­fehlte neo­li­be­rale Wirt­schafts­po­li­tik und die welt­weite Finanz­krise, klopft das Gespenst des Auto­ri­ta­ris­mus wie­der an die Türe der Welt­ge­schichte. Die Wahl Donald Trumps in den USA ist dafür ein Indiz, ebenso die vie­len ande­ren Agi­ta­to­ren und Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, die in allen west­li­chen Län­dern aus dem Boden sprie­ßen.

In den USA gehö­ren dazu vor allem die radi­kale Alt-Right-Bewe­gung mit ihren Red­dit-Foren und ihrem Think Tank „Natio­nal Policy Insti­tute“, das „Breit­bart News Net­work“ des ultra­rech­ten Trump-Bera­ters Steve Ban­non, und der chau­vi­nis­ti­sche Radio­mo­de­ra­tor und Unter­neh­mer Alex Jones (mit sei­nem Unter­neh­men „Info​Wars​.com“ und der „Alex Jones Show“). Der ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Michael Bar­kun bezeich­net Jones als den „füh­ren­den ame­ri­ka­ni­schen Ver­schwö­rungs­un­ter­neh­mer der Gegen­wart“. In Öster­reich for­miert sich die neo-ras­sis­ti­sche „Iden­ti­täre Bewe­gung“. In Ost­eu­ropa gibt es stark christ­lich-faschis­tisch geprägte Abwehr­be­we­gun­gen gegen mus­li­mi­sche Flücht­linge.

In Deutsch­land bie­tet sich ein ähn­li­ches Bild. Hier tum­meln sich neben Pegida und AfD die ver­schie­de­nen Autoren des Kopp-Ver­lags, Jür­gen Elsäs­ser mit sei­nem Maga­zin „Com­pact“, der Fern­seh- und Rund­funk­mo­de­ra­tor Ken Jeb­sen mit sei­nem Online-Sen­der „KenFM“, sowie einer Vor­den­ker der „Iden­ti­tä­ten Bewe­gung“, Götz Kubit­schek, mit sei­nem schein­wis­sen­schaft­li­chen „Insti­tut für Staats­po­li­tik“, das dreis­terweise die Logo-Typo­gra­phie des Frank­fur­ter Insti­tuts für Sozi­al­for­schung nach­ahmt – also eines Insti­tuts, das die Nazis in Deutsch­land ver­bo­ten haben. In fast allen ande­ren euro­päi­schen Län­dern gibt es ver­gleich­bare Bewe­gun­gen und Per­sön­lich­kei­ten.

Alle diese Dem­ago­gen und Pro­pa­gan­dis­ten pfle­gen ihre anti­de­mo­kra­ti­schen Ver­schwö­rungs­theo­rien und ihre ver­meint­li­che Opfer­rolle im Staat, füh­len sich in aller Regel als „Weiße“ dis­kri­mi­niert. Sie insze­nie­ren sich, wie Die­ter Groh 1987 schrieb, als „gute Men­schen, denen Böses zustößt“. Da sie sich unter­drückt füh­len, glau­ben sie sich zu einer Gegen­re­ak­tion beru­fen. Den zu bekämp­fen­den Unter­drü­cker-Staat stel­len sie als über­mäch­tig und über­le­gen und gleich­zei­tig als schwach und ver­dor­ben dar. Je lau­ter ihre Gegen­re­ak­tion aus­fällt, desto wider­sprüch­li­cher erschei­nen auch sie selbst: gegen die schwere Last ihrer Opfer­kom­plexe weh­ren sie sich mit Ges­ten der Macht.

Dar­über hin­aus bekla­gen die Agi­ta­to­ren das angeb­li­che Mono­pol der „Staats­me­dien“ und suchen sich alter­na­tive Ver­brei­tungs­ka­näle. In den 1930er Jah­ren, zu Beginn des Zeit­al­ters der Mas­sen­me­dien, erfüllte diese Funk­tion das Radio. Heute sind moderne Dem­ago­gen auf ihren eige­nen Web­sites, auf You­Tube und in ande­ren sozia­len Netz­wer­ken aktiv. Man­che erhal­ten von soge­nann­ten alter­na­ti­ven Medien wie dem rus­si­schen Nach­rich­ten­un­ter­neh­men „Rus­sia Today“ Raum für ihre kru­den Theo­rien.

Es ist erschre­ckend, wie sehr die psy­cho­lo­gisch-rhe­to­ri­schen „Tricks“ unse­rer heu­ti­gen Agi­ta­to­ren ihren Vor­gän­gern aus den drei­ßi­ger Jah­ren ähneln. Daher über­rascht es auch kaum, dass die sozio­lo­gi­schen Ana­ly­sen der ame­ri­ka­ni­schen und deut­schen For­scher aus den 1940er Jah­ren stel­len­weise hoch­ak­tu­ell sind.

Theodor W. Adorno, Zeichnung von Arturo Espinosa [© Arturo Espinosa | Public Domain]

Theo­dor W. Adorno, Zeich­nung von Arturo Espi­nosa

Die heute ver­ges­sene Per­son Mar­tin Luther Tho­mas, mit der sich Adorno Anfang der 1940er Jahre beschäf­tigte, war in den drei­ßi­ger Jah­ren ein in den USA bekann­ter faschis­ti­scher Dem­agoge aus dem Umfeld der „christ­li­chen Rech­ten“, ins­be­son­dere pres­by­te­ria­ni­scher Wie­der­erwe­ckungs­kir­chen – ein kaum ver­hoh­le­ner Anti­se­mit und Ras­sist, der sich durch Pre­dig­ten in sei­ner Kir­che, vor allem aber durch Anspra­chen im Radio an seine Gefolg­schaft wen­dete.

Adorno teilte seine Ana­lyse die­ser Per­son in vier Teile auf: Ers­tens die „Selbst­cha­rak­te­ri­sie­rung des Agi­ta­tors“ und mit wel­chen Tricks er seine Erschei­nung mani­pu­liert. Zwei­tens die spe­zi­fi­sche „Methode“ sei­ner Pro­pa­ganda. Drit­tens die Beson­der­heit von „Reli­gion als Medium“ sei­ner Dem­ago­gie. Und schließ­lich vier­tens eine Dar­stel­lung der Ele­mente sei­ner „Ideo­lo­gi­schen Hetze“. Das vierte Kapi­tel war im Ori­gi­nal abwei­chend als „Ideo­lo­gi­cal Bait“ beti­telt – also als der „Ideo­lo­gi­sche Köder“, den der Dem­agoge aus­wirft.

Ein wie­der­keh­ren­des Motiv in Ador­nos Ana­lyse ist der sich auf­drän­gende Ver­gleich des „christ­li­chen Faschis­ten“ Mar­tin Luther Tho­mas mit dem „nihi­lis­ti­schen Faschis­ten“ Adolf Hit­ler, was sie nur noch inter­es­san­ter macht, zumal auch die Unter­schiede zwi­schen bei­den Typen von Agi­ta­to­ren deut­lich wer­den. Die Stu­die lie­fert einen drei­fa­chen Mehr­wert: sie ent­hält Ansätze zu einer Theo­rie des Faschis­mus und des Anti­se­mi­tis­mus, lie­fert eine Methode zur Ana­lyse von moder­nen Mas­sen­me­dien und ver­gleicht nicht zuletzt die poli­ti­sche Kul­tur auf bei­den Sei­ten des Atlan­tiks.

Obwohl Adorno häu­fig an der Ober­flä­che der „psy­cho­lo­gi­schen Tech­nik“ bleibt, lotet er auch die tie­fere per­sön­li­che Psy­cho­lo­gie sowohl des faschis­ti­schen Füh­rers wie der von ihm erreich­ten Zuhö­rer aus. Gerade das ist eine Stärke sei­ner rela­tiv kur­zen Stu­die, in der das Res­sen­ti­ment sozu­sa­gen im lau­fen­den „Betrieb“ dar­ge­stellt wird. Eine voll­stän­dige Ana­lyse z.B. des Anti­se­mi­tis­mus gedachte Adorno in ande­ren Arbei­ten nach­zu­lie­fern (und tat dies mit dem Anti­se­mi­tis­mus-Kapi­tel in der gemein­sam mit Hork­hei­mer ver­fass­ten Dia­lek­tik der Auf­klä­rung).

Die Psy­cho-Tech­nik auto­ri­tä­rer Agi­ta­to­ren hat sich kaum ver­än­dert

Wie Adorno die Ziel­gruppe von Mar­tin Luther Tho­mas defi­niert, ent­spricht erschre­ckend genau der Anhän­ger­schaft von US-Prä­si­dent Donald Trump im Bible-Belt, im Mitt­le­ren Wes­ten und aus dem Reser­voir der soge­nann­ten „white trash“, also der wei­ßen unte­ren Mit­tel­schicht:

[Tho­mas] ist wohl­un­ter­rich­tet über die Mani­pu­la­tion des eige­nen Ichs für pro­pa­gan­dis­ti­sche Zwe­cke und hat die Hit­ler­sche Ent­hül­lungs- und Bekennt­nis­tech­nik dem ame­ri­ka­ni­schen Schau­platz und den emo­tio­na­len Bedürf­nis­sen sei­nes Publi­kums – den älte­ren und alten Ange­hö­ri­gen der unte­ren Mit­tel­klasse mit einem streng bibel­gläu­bi­gen oder sek­tie­re­ri­schen Hin­ter­grund – geschickt ange­passt.

Der „Faschis­ten­füh­rer“ spricht „die Spra­che des Vol­kes“ und neigt „zu geschwät­zi­gen Erklä­run­gen über die eigene Per­son“. Er ver­mei­det und ver­leum­det jeden objek­ti­ven Dis­kurs inklu­sive der Ver­pflich­tung zur Wahr­heit und zu Fak­ten – aber nicht wegen per­sön­li­cher Unfä­hig­keit, Stu­pi­di­tät oder Gefühls­schwä­che, son­dern aus purer Berech­nung. Er redet sich in Rage und ges­ti­ku­liert und zeigt sein Tem­pe­ra­ment, weil er weiß, dass „kalte“ objek­tive Argu­mente bei sei­nen Zuhö­rern das Gefühl der Unter­le­gen­heit und des Aus­ge­lie­fert­seins ver­stär­ken wür­den. Adorno spricht ähnlich wie Erich Fromm von einem „Gefühl der Ver­zweif­lung, der Iso­lie­rung und Ein­sam­keit, unter dem im Grunde jedes Indi­vi­duum heute lei­det“, und „dem es zu ent­kom­men trach­tet, wenn es öffent­li­chen Anspra­chen zuhört“.

Die Faschis­ten haben das begrif­fen, ihre Spra­che ist per­sön­lich.

Raf­fi­niert wer­den die Men­schen zu der Über­zeu­gung gebracht, dass die Initia­tive bei ihnen liegt und bei ihrem Vor­bild, dem Red­ner.

Dabei lebt der Faschis­mus und der faschis­ti­sche Agi­ta­tor von einem „Man­gel an emo­tio­na­ler Befrie­di­gung in der Indus­trie­ge­sell­schaft“ und „ver­schafft den Men­schen jene irra­tio­nale Genug­tu­ung […], die ihnen durch die heu­ti­gen sozia­len und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nisse vor­ent­hal­ten wird“.

Je unper­sön­li­cher unsere gesell­schaft­li­che Ord­nung ist, desto bedeu­tungs­vol­ler wird Indi­vi­dua­li­tät als Ideo­lo­gie. Je aus­schließ­li­cher der Ein­zelne auf das bloße „Räd­chen im Getriebe“ redu­ziert wird, desto nach­drück­li­cher muss als Aus­gleich für seine Ohn­macht die Idee sei­ner Ein­zig­ar­tig­keit, sei­ner Auto­no­mie und sei­ner Wich­tig­keit unter­stri­chen wer­den.

[Im Grunde dient Tho­mas´] ganze geschau­spie­lert per­sön­li­che Hal­tung […] einer Art emo­tio­na­lem Aus­gleich für das kalte, selbst­ent­frem­dete Leben der meis­ten Men­schen und ins­be­son­dere der zahl­lo­sen iso­lier­ten Indi­vi­duen der unte­ren Mit­tel­schicht.

Die­ser „Gefühls-Befrei­ungs-Trick“, wie Adorno ihn nennt, ist ein­fach und er funk­tio­niert – auch heute noch. Indem der faschis­ti­sche Anfüh­rer Werte wie Selbst­be­herr­schung dis­kre­di­tiert, spricht er direkt ein Gefühl an, das seine Zuhö­rer ken­nen, näm­lich das­je­nige des Kon­troll­ver­lusts und der Auf­gabe des kohä­ren­ten Selbst­be­wusst­seins von auto­no­men Teil­neh­mern am Sozi­al­le­ben. Genom­men wird den Men­schen ihre Eigen­stän­dig­keit, ihre Indi­vi­dua­li­tät und ihr Stolz – ins­be­son­dere durch die Zumu­tun­gen der Indus­trie­ge­sell­schaft und den damit ein­her­ge­hen­den Zwang zur Kon­for­mi­tät und Unter­ord­nung. Die Indi­vi­duen wer­den gezwun­gen, sich nicht nur öko­no­misch, son­dern auch psy­cho­lo­gisch dem Markt aus­zu­lie­fern, um zu über­le­ben. Mit ihrem Stolz ver­lie­ren sie ihre Hem­mun­gen. Der selbst auf­er­legte Wille zu Kon­trolle und Beschei­den­heit ver­kehrt sich in das unter­drückte Bedürf­nis, end­lich die Ket­ten spren­gen und die eige­nen Gefühle „befreien“ zu dür­fen.

Adorno ver­gleicht die „Tricks“ des Agi­ta­tors mit dem von Walt­her Moede und ande­ren auf die indus­tri­elle Moderne ange­wand­ten Begriff der „Psy­cho-Tech­nik“. Gemeint ist damit ein Phä­no­men der ratio­nel­len Orga­ni­sa­tion in moder­nen Fabri­ken und Büros – ein aus­ge­klü­gel­tes Sys­tem von „Zucker­brot und Peit­sche“, also von Beloh­nun­gen und Zumu­tun­gen, bei denen mit den irra­tio­na­len Gefüh­len der Men­schen unter­neh­me­risch-ratio­nal geplant wird, um sie für die Welt der Arbeit und der Pro­duk­tion ver­füg­bar zu machen und ver­füg­bar zu hal­ten.

Der Agi­ta­tor erfüllt die­sen Wunsch zunächst als Stell­ver­tre­ter, ermu­tigt seine Zuhö­rer aber immer auch, es ihm nach­zu­tun – sei es sofort oder in der Zukunft. Man wird unwei­ger­lich an Sze­nen im US-Wahl­kampf 2016 erin­nert, als Donald Trump sein Publi­kum zu einem ein­heit­li­chen, fre­ne­ti­schen Sprech­chor mit den Wor­ten „Lock her up!“ auf­peitschte – also „Sperrt sie ein!“, womit seine Kon­kur­ren­tin Hil­lary Clin­ton gemeint war. Und in den­sel­ben Zusam­men­hang ord­nen sich Äuße­run­gen von AfD-Poli­ti­kern in der Art von „Wir wer­den sie jagen“ im deut­schen Bun­des­tags­wahl­kampf 2017 ein.

Der Effekt des Tricks ist […] die auf­ge­zeig­ten Reak­tio­nen […] gesell­schaft­lich akzep­ta­bel zu machen, ein schon wan­ken­des Tabu auf­zu­he­ben und den Men­schen das Gefühl zu geben, das sozial Rich­tige zu tun, wenn sie ihre Selbst­be­herr­schung fah­ren las­sen.

...
Der Dem­agoge insze­niert sich als guter Mensch, dem Böses zustößt

In der Ver­si­che­rung sei­ner Unab­hän­gig­keit und Unbe­stech­lich­keit vari­iert der ame­ri­ka­ni­sche Agi­ta­tor Mar­tin Luther Tho­mas ein Motiv Hit­lers, der gera­dezu obses­siv behaup­tete, nie­man­dem Rechen­schaft schul­dig zu sein und seine „Bewe­gung“ quasi im Allein­gang, aus eige­nen Mit­teln und aus klei­nen Spen­den sei­ner Anhän­ger zu finan­zie­ren. Adorno nennt das den „Ein­sa­mer-Wolf-Trick“ und zitiert Mar­tin Luther Tho­mas:

„Ich habe keine Gön­ner, und kein Poli­ti­ker steckte jemals einen Dol­lar in diese Bewe­gung.“ […]

Adorno meint dazu:

Die Erklä­rung [...] läuft auf die Behaup­tung hin­aus, dass die eige­nen Aus­füh­run­gen [...] noch nicht von mono­po­lis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen diri­giert sind.

Dies erin­nert frap­pie­rend an die wie­der­holte Ver­si­che­rung Donald Trumps, er finan­ziere sei­nen Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf selbst und sei daher unab­hän­gig – ganz im Gegen­satz zu sei­ner Kon­kur­ren­tin Clin­ton, hin­ter der angeb­lich die Inter­es­sen von Wall-Street-Ban­ken stün­den. Tat­säch­lich sam­melte Donald Trump nur rund halb so viele Wahl­kampf­gel­der ein wie Hil­lary Clin­ton, dar­un­ter aber auch Groß­spen­den von Kon­zer­nen, und gele­gent­lich ging ihm das Geld aus. Und er erhielt bei wei­tem nicht so viele kleine Spen­den von sei­nen Anhän­gern wie behaup­tet.

All diese Stra­te­gien die­nen noch einem wei­te­ren Zweck, den Adorno den „Trick der ver­folg­ten Unschuld“ nennt. Faschis­ti­sche Füh­rer stel­len sich selbst immer als das Opfer von zwar eben­bür­ti­gen oder sogar über­le­ge­nen, aber mora­lisch schwä­che­ren Geg­nern dar. Statt der mäch­ti­gen Insti­tu­tio­nen und Per­so­nen aus Poli­tik und Wirt­schaft steht hin­ter dem Agi­ta­tor nur die breite Masse des angeb­lich mani­pu­lier­ten und unter­drück­ten Volks­wil­lens. Geschickt stellt er es so dar, dass er sich als des­sen Stell­ver­tre­ter gerne ver­fol­gen und bekämp­fen lässt – um des heh­ren Ziels wegen, die Mani­pu­la­tion der Mäch­ti­gen auf­zu­de­cken:

Die Dif­fa­mie­rung der Mani­pu­la­tion ist das Mit­tel zur Mani­pu­la­tion.

Dazu pas­send bau­schen Agi­ta­to­ren ihre eigene Reich­weite in der Bevöl­ke­rung auf:

Wäh­rend sie mit dem all­ge­mei­nen Miss­trauen gegen die Mani­pu­la­tion durch die gegen­wär­ti­gen Mächte in [...]Medien und in der Par­tei­po­li­tik spie­len, sug­ge­rie­ren sie [...], dass tat­säch­lich sehr viel hin­ter ihnen steht, näm­lich die wirk­li­chen Kräfte, die den offi­zi­el­len Macht­ha­bern ent­ge­gen­ar­bei­ten.

Wer fühlt sich nicht an die Behaup­tung Donald Trumps erin­nert, an sei­ner Inau­gu­ra­ti­ons­feier hät­ten mehr Men­schen teil­ge­nom­men als an der Ver­ei­di­gung Barack Oba­mas? Ein „false fact“, der anhand von Fotos leicht als reine Auf­schnei­de­rei oder Lüge zu ent­lar­ven ist.

Und wer erin­nert sich bei Ador­nos fol­gen­der Aus­sage nicht an Donald Trumps per­ma­nente Ver­leum­dung Clin­tons als „Betrü­ge­rin“?

Da Tho­mas selbst, wie sei­nes­glei­chen, alle Merk­male des poli­ti­schen Schwind­lers trägt, ist er um so ängst­li­cher dar­auf bedacht, das Odium des Poli­ti­ker­be­rufs auf jene abzu­wäl­zen, von denen er sich abzu­son­dern vor­gibt. Je hef­ti­ger er Betrü­ge­reien anpran­gert, um so weni­ger glaubt er für einen Betrü­ger gehal­ten zu wer­den.

Adorno wei­ter:

Eines der auf­fäl­ligs­ten Kenn­zei­chen faschis­ti­scher [...] Pro­pa­gan­dis­ten ist die gera­dezu zwang­hafte Beschul­di­gung ihrer Opfer des­sen, was sie selbst tun oder zu tun vor­ha­ben. Auf­gabe der Gegen­pro­pa­ganda wäre es, ihnen dies kon­kret nach­zu­wei­sen.

Wer fühlt sich da nicht an den US-Prä­si­den­ten erin­nert, der von Russ­land-Ver­bin­dun­gen und damit dem Vor­wurf des Lan­des­ver­rats abzu­len­ken ver­sucht, indem er auf einer E-Mail-Affäre sei­ner Kon­tra­hen­tin her­um­rei­tet und deren angeb­li­chen Lan­des­ver­rat anpran­gert. Wer fühlt sich nicht an regel­mä­ßige Tweets des US-Prä­si­den­ten erin­nert, in denen die­ser sei­nen Geg­nern exakt das zurück­wirft, was sie ihm vor­wer­fen? Gepaart mit der Schwie­rig­keit, die­ses Repe­tier­ge­wehr der soge­nann­ten „alter­na­ti­ven Fak­ten“ mit den Mit­teln von Recher­che und „Gegen­pro­pa­ganda“ zum Schwei­gen zu brin­gen.

Schließ­lich weist der faschis­ti­sche Agi­ta­tor pene­trant auf seine eigene Opfer­be­reit­schaft hin. Er inves­tiere gera­dezu über­mensch­lich viel Ener­gie in „die gemein­same Sache“, so dass er schein­bar mit Fug und Recht das­selbe Maß an Akti­vi­tät von sei­nen Zuhö­rern ein­for­dern darf. Adorno nennt diese beson­ders raf­fi­nierte Beein­flus­sungs­tech­nik den „Trick der Uner­müd­lich­keit“, der viel wei­ter geht als das pro­tes­tan­ti­sche Arbeits­ge­bot oder die Pflicht zum pro­duk­ti­ven Dasein, und der vor allem über­haupt nicht so abs­trakt ist, wie der plär­rende Red­ner es vor­gibt:

Die faschis­ti­sche Abnei­gung gegen den Schlaf, im wei­te­ren Sinn die Bos­heit, nichts in Ruhe las­sen zu kön­nen, wird durch des Faschis­ten­füh­rers Beto­nung sei­ner Uner­müd­lich­keit reflek­tiert, die für die Gefolg­schaft Bei­spiel sein soll. Uner­müd­lich­keit ist eine psy­cho­lo­gi­sche Äuße­rung des Tota­li­ta­ris­mus. Ruhe kann es nicht geben, bevor nicht alles erobert, erfasst und orga­ni­siert ist. Und da die­ses Ziel nie­mals erreicht wird, bedarf es der end­lo­sen Bemü­hun­gen aller Gefolgs­leute.

Der „Mar­ke­ting-Cha­rak­ter“ des Dem­ago­gen

In einer inter­es­san­ten Fuß­note erläu­tert Adorno seine Ver­mu­tung, wie der faschis­ti­sche Agi­ta­tor in der eige­nen Psy­che den Wider­spruch zwi­schen den irra­tio­na­len Ele­men­ten sei­ner bös­wil­li­gen Mas­sen­hyp­nose und den vor­geb­lich ratio­na­len Zie­len sei­ner Bewe­gung schein­bar auf­löst und sei­nem Publi­kum dar­auf­hin schein­bar wider­spruchs­frei prä­sen­tie­ren kann:

Vor allem kann faschis­ti­sche Pro­pa­ganda [...] nicht gänz­lich ratio­nal sein. Der Faschis­mus bezweckt eine […] ant­ago­nis­ti­sche Gesell­schaft, hat also ein [...] irra­tio­na­les Ziel. Ratio­nal ist er nur, wo es sich um die Inter­es­sen ein­zel­ner Grup­pen oder Indi­vi­duen han­delt. Die Dis­kre­panz [...] wird deut­lich spür­bar. Wahr­schein­lich erzeugt das geheime Bewusst­sein von der Irra­tio­na­li­tät der End­ziele der „Bewe­gung“ so etwas wie ein schlech­tes Gewis­sen bei dem ein­zel­nen Faschis­ten […]. Er hört auf zu den­ken, weil er […] den Zwie­spalt [...] nicht ein­ge­ste­hen will. Er hört auf zu den­ken, weil es „ratio­nal“ unbe­quem für ihn ist. Und um nicht sein Pseu­do­ver­trauen zu ver­lie­ren, muss er immer wie­der Gehäs­sig­keit, einen Bestand­teil sei­nes „Glau­bens“, ein­schal­ten. Faschis­ti­sche Hyp­nose ist in hohem Maße Selbst­hyp­nose.

Man kann die von Adorno ent­larv­ten Tech­ni­ken und „Tricks“ auch in die Kate­go­rien „Wirt­schafts­psy­cho­lo­gie“ oder gar „Mar­ke­ting“ ein­ord­nen. Erich Fromm hatte in Die Kunst des Lie­bens (1956) erst­mals vom Men­schen-Typus des „Mar­ke­ting-Cha­rak­ters“ gespro­chen. Zu des­sen Cha­rak­ter­zü­gen gehör­ten eine ein­ge­schränkte Bin­dungs­fä­hig­keit und eine Fle­xi­bi­li­tät bis hin zur völ­li­gen Gleich­gül­tig­keit und Belie­big­keit. In der Tat geht es dem Agi­ta­tor um den Ver­kauf eines Pro­dukts: er ver­kauft ein bestimm­tes Image sei­ner selbst als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur und er ver­kauft die Zuge­hö­rig­keit zu einer Marke, näm­lich die von ihm ange­führte „Bewe­gung“. Die Ziele die­ser „Bewe­gung“ jedoch lässt er bewusst im Dun­keln. Adorno schrieb Anfang der 1940er Jahre:

Für Tho­mas, wie für die meis­ten sei­ner Inter­es­sen­ge­nos­sen ist die Methode [...] wich­ti­ger als der Inhalt [...]. Sein wah­res Geschäft ist, Men­schen zu mani­pu­lie­ren, sie zu Par­tei­gän­gern sei­ner Orga­ni­sa­tion zu for­men […]. Ideen und Pos­tu­late sind blo­ßer Köder und haben nur gerin­ges objek­ti­ves Gewicht.

[…] sein poli­ti­scher Stand­ort […] ist ver­schwom­men und abs­trakt, oder naiv und absurd.

Indes­sen, Tho­mas ist geris­sen, und es wäre falsch, schriebe man die feh­lende dis­kur­sive Logik einem Man­gel an intel­lek­tu­el­ler Fähig­keit zu; sie beruht auf durch­chaus logi­schen Refle­xio­nen über die Psy­cho­lo­gie sei­ner Zuhö­rer und die beste Methode, sie zu errei­chen.

Tho­mas ist Wer­be­fach­mann auf hoch­spe­zia­li­sier­tem Gebiet, der Umwand­lung reli­giö­ser Bigot­te­rie in poli­ti­schen und Ras­sen­hass.

Seine wah­ren Absich­ten und seine tat­säch­li­che Welt­an­schau­ung ent­hüllt der faschis­ti­sche Agi­ta­tor nur in – wie Adorno sie nennt – „eso­te­ri­schen“ Reden, die also nur für einen enge­ren Kreis bestimmt sind. In ihnen liegt laut Adorno auch der geheime Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis der her­un­ter­ge­pe­gel­ten, voll­stän­dig öffent­li­chen („exo­te­ri­schen“) Reden, in denen sich der Red­ner ver­stellt und bei­spiels­weise auf Schmä­hun­gen und Schimpf­worte ver­zich­tet. Auch ver­zich­tet er in öffent­li­chen Sen­dun­gen auf anti­se­mi­ti­sche Äuße­run­gen und ersetzt sie durch „augen­zwin­kernde“ Andeu­tun­gen (sein Publi­kum ver­steht den Wink), durch Iden­ti­fi­ka­tion mit „Kom­mu­nis­ten“, „Radi­ka­len“ oder auch nebu­lö­sen „Mäch­ten“:

Sprach­mo­du­la­tion und ora­to­ri­sche Hal­tung deu­ten dar­auf hin, dass die Juden gemeint sind, wenn er von „die­sen Kräf­ten“ spricht, und dass seine Hörer­schaft es weiß.

Sym­bo­lisch ent­spre­chen die öffent­li­chen Reden in etwa der „Reklame“ für das Pro­dukt des Agi­ta­tors; die „eso­te­ri­schen“ hin­ge­gen ent­spre­chen quasi dem „Kun­den­ser­vice“ für seine bereits gewon­ne­nen Anhän­ger.

Oft geht Tho­mas´ metho­di­sche Ratio­na­li­tät auf Kos­ten der argu­men­ta­ti­ven Ratio­na­li­tät – sprich: dem Red­ner Mar­tin Luther Tho­mas geht es aus­schließ­lich um den Effekt sei­ner Anspra­che, kaum um deren Inhalt, und schon gar nicht um argu­men­ta­tive Strin­genz oder gar Logik. Müsste Tho­mas seine Argu­mente erklä­ren, würde er ihren Effekt zer­stö­ren und seine Zuhö­rer ver­prel­len. Er greift daher auf ein klei­nes, sorg­sam ent­wi­ckel­tes Reper­toire aus Gemein­plät­zen und nebu­lö­sen Andeu­tun­gen zurück. Adorno ent­deckt eine „gewisse Affi­ni­tät zwi­schen dem sicher­lich ver­wor­re­nen Den­ken der Hörer und dem des Red­ners“. Tho­mas hält ledig­lich ein „der Form nach ratio­na­les Den­ken auf­recht, indem er The­sen durch Bei­spiele belegt und dem Schein nach Deduk­tio­nen macht“:

Alles ist ent­schie­den, bevor das Argu­ment beginnt. In sei­nen ver­wor­re­nen Ideen herrscht so etwas wie eine tota­li­täre Ord­nung. Alles ist gere­gelt, steht fest, was gut und böse ist […]. […] Geg­ner wer­den nicht wider­legt, The­sen nicht ratio­nal gerecht­fer­tigt. Bloße Iden­ti­fi­ka­tion, ja Klas­si­fi­ka­tion ist der logi­sche Pro­zess.

Auch die von Adorno so genannte „Fait-accom­pli-Tech­nik“ – also die Sug­ges­tion, man würde sich einer Sache ver­schrei­ben, die ohne­hin nur gewin­nen kann, gehört in diese Kate­go­rie und „berührt einen zen­tra­len Mecha­nis­mus faschis­ti­scher Mas­sen­psy­cho­lo­gie: die Trans­for­ma­tion des Gefühls der Ohn­macht in das von Macht“. Sie ist der Prä­de­sti­na­ti­ons­lehre ver­wandt, bei der ins­be­son­dere im Umfeld des cal­vi­nis­ti­schen Pro­tes­tan­tis­mus von welt­li­chem, auch finan­zi­el­lem Erfolg, auf die Prä­senz eines gött­li­chen Segens geschlos­sen wird.

Anti­de­mo­kra­ti­sche Hetze birgt die größte Spreng­kraft

Auch „Hetze gegen Regie­rung und Prä­si­den­ten“ ent­larvt Adorno als agi­ta­to­ri­schen Trick des fun­da­men­ta­lis­ti­schen Radio-Pre­di­gers Mar­tin Luther Tho­mas, und auch hier gibt es zeit­ge­nös­si­sche Par­al­le­len, bei­spiels­weise zur Euro­päi­schen Union. Wenn reak­tio­näre Poli­ti­ker in den Natio­nal­staa­ten (genannt seien als Bei­spiele Marine Le Pen in Frank­reich, Geert Wil­ders in den Nie­der­lan­den und Lech Kac­zyń­ski in Polen), wenn reak­tio­näre Medien die angeb­li­che „Bür­ger­fremde“, die „Abge­ho­ben­heit“ der „Eli­ten“ und die „teure, nutz­lose Büro­kra­tie“ in Brüs­sel bekla­gen, dann han­delt es sich ja nicht um Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, die sich logisch aus der schie­ren Größe der Euro­päi­schen Union erge­ben, son­dern eben­falls um psy­cho­lo­gi­sche Tricks. Lei­der ver­fängt die Pro­pa­ganda teil­weise und das Schein­ar­gu­ment begeg­net einem inzwi­schen auch unter gemä­ßig­ten, demo­kra­tisch gesinn­ten Euro­pä­ern. Adorno schreibt dazu:

Ein demo­kra­ti­sches Régime kann immer als „indi­rekt“, dem Volk ent­frem­det, kalt und insti­tu­tio­nell geschil­dert wer­den. Seine zen­tra­lis­ti­sche Natur lässt sich stets als gegen die Inter­es­sen des Vol­kes gerich­tet hoch­spie­len und beson­ders gegen die der­je­ni­gen in ent­fern­ten Lan­des­tei­len Leben­den.

Mit den „ent­fern­ten Lan­des­tei­len“ meint Adorno natür­lich die gleich­sam innen-lie­gende „Peri­phe­rie“ der USA – also den Rust-Belt und den Mitt­le­ren Wes­ten – die auch bei der Wahl Donald Trumps wie­der eine ent­schei­dende Rolle spielte. Die­sem öko­no­misch und kul­tu­rell abge­häng­ten geo­gra­fi­schen Raum ent­spre­chen in der EU die vie­len Regio­nen in Ost­deutsch­land, Por­tu­gal oder Süd­ita­lien, die sich lang­sam ent­völ­kern, weil tra­di­tio­nelle Indus­trien und mit ihnen die jun­gen Leute abwan­dern. Bei den „Ver­ges­se­nen“, den „Übrig-Geblie­be­nen“, den „Über­flüs­si­gen“, haben die Popu­lis­ten leich­tes Spiel. Adorno schreibt:

Immer kann der „Popanz“ Büro­kra­tis­mus aus­ge­gra­ben wer­den, wo das zen­tra­li­sierte demo­kra­ti­sche Régime mit den Sub­ti­li­tä­ten des Ver­nunft­ge­set­zes und des Ver­fas­sungs­rechts sich mes­sen muss. Stets kann es der Kost­spie­lig­keit und Kor­rup­tion bezich­tigt wer­den. „Ver­schwen­de­risch“ wird jede Aus­gabe dem klei­nen Mann erschei­nen, der Steu­ern zahlt und nicht sieht, wie sein Geld ihm unmit­tel­bar zugute kommt. […] …im anony­men Staat, der unfä­hig ist, das Leben der­je­ni­gen zu garan­tie­ren, von denen er nimmt, erzeugt die Ein­zie­hung von Steu­ern impli­zit ein Gefühl der Unge­rech­tig­keit.

Die „Men­ta­li­tät des über­for­der­ten Steu­er­zah­lers“ wird selbst armen und gering­ver­die­nen­den frus­trier­ten Bür­gern erfolg­reich ein­ge­re­det und ent­wi­ckelt sich zu einem regel­rech­ten „Glau­bens­be­kennt­nis“ reak­tio­nä­rer Grup­pen. Hinzu gesellt sich die Ableh­nung der demo­kra­tisch gewähl­ten Exe­ku­tiv­ge­walt von Prä­si­den­ten, Kanz­lern und Minis­tern, die man expli­zit der „Über­schrei­tung ihrer Gren­zen“ und impli­zit des „Stre­bens nach der Dik­ta­tur“ beschul­digt. Man erweckt den Ein­druck einer feh­len­den Legi­ti­ma­tion durch das Volk und dass ihre „Auto­ri­tät nicht der genuine Aus­druck der gegen­wär­ti­gen grund­le­gen­den Macht­ver­hält­nisse ist“.

Darum wünscht der Faschist, sie zu zer­stö­ren. Alte Remi­nis­zen­zen an die abso­lu­tis­ti­sche Legi­ti­ma­tion sind in die von Goeb­bels ein­mal inter­pre­tierte Idee kon­ver­tiert wor­den, dass nur, wer seine Macht gebrau­che, sie ver­diene – das heißt, wer sie aus­beu­tet zum Zweck unbarm­her­zi­ger Unter­drü­ckung. Der Prä­si­dent, als Möch­te­gern-Dik­ta­tor ange­pran­gert, wird eigent­lich ver­ach­tet, weil er nicht dik­ta­to­risch han­deln kann und will, weil er ein Sys­tem und Grup­pen ver­tritt, die wesent­lich anti-dik­ta­to­risch sind.

Zum Beweis, dass der­ar­tige „Hetze“ gegen demo­kra­ti­sche Staa­ten, gegen deren Regie­rungs­mit­glie­der und auch gegen die Büro­kra­tie, ein Pro­blem mit erheb­li­cher poli­ti­scher Spreng­kraft dar­stellt, dürfte ein Blick in die Geschichte, vor allem der deut­schen Geschichte, genü­gen. Zum Beweis, dass die­ser Hass auf den Staat wie ein unto­ter Geist wie­der­kehrt, kaum ver­deckt hin­ter über­zo­ge­ner Demo­kra­tie­kri­tik und soge­nann­ter „Poli­ti­ker­ver­dros­sen­heit“ – dafür genügt ein Blick in die deut­sche, euro­päi­sche und US-ame­ri­ka­ni­sche Gegen­wart.

Ein Haupt-Unter­schied zwi­schen US-Prä­si­dent Donald Trump und den meis­ten faschis­ti­schen Agi­ta­to­ren wird übri­gens eben­falls deut­lich. Es han­delt sich um deren osten­ta­tiv „aske­ti­sches, anti-hedo­nis­ti­sches Geba­ren“, das von Vege­ta­ris­mus bis hin zu fröm­meln­der Armut rei­chen kann – und sei es auch nur vor­ge­täuscht. Von solch einem Ver­hal­ten lässt sich bei Trump nun wirk­lich nicht spre­chen, prahlt er ja gera­dezu mit sei­nem Hedo­nis­mus und sei­nem angeb­li­chen Reich­tum. Damit wird gerade der­je­nige Zug in der Per­son Donald Trumps, der am meis­ten Auf­merk­sam­keit und Geläch­ter her­vor­ruft – sein kin­di­scher Hedo­nis­mus – zu einem Merk­mal sei­ner rela­ti­ven Unge­fähr­lich­keit. Er erscheint uns als Knirps, den man nicht ernst nimmt, weil er kei­ner­lei Gra­ti­fi­ka­ti­ons­auf­schub dul­det.

Ob Trump wirk­lich nur gerin­gen his­to­ri­schen Scha­den anrich­ten wird muss sich erst noch erwei­sen. Das­selbe gilt für die vie­len ande­ren auto­ri­tä­ren Poli­ti­ker heu­ti­ger Zeit – vom tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten Erdo­gan und sei­nem Neo-Sul­ta­nat im Auf­bau, bis hin zum abso­lu­tis­ti­schen Herr­scher Nord­ko­reas, Kim Jong-un. Die Autoritarismusstudien Theodor W. Adornos und vie­ler ande­rer For­scher aus dem Umkreis der Frank­fur­ter Schule mah­nen jeden­falls zur Wach­sam­keit und for­dern zum Wider­stand auf.

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Byung-Chul Han über den Zen-Bud­dhis­mus, die Phi­lo­so­phie der Leere und der Freund­lich­keit

Die ganze Erde und der ganze Himmel wohnen in einem Tautropfen auf einem Grashalm, in einem einzigen Wassertropfen.

Philosophie des Zen-BuddhismusDer Phi­lo­soph Byung Chul Han (*1959) ist ein Mann der Gegen­sätze und ein Wand­ler zwi­schen Wel­ten. Gebo­ren in Süd­ko­rea, zog er nach einem begon­ne­nen Metall­ur­gie-Stu­dium in Seoul nach Deutsch­land und stu­dierte Phi­lo­so­phie, deut­sche Lite­ra­tur und katho­li­sche Theo­lo­gie. Nach der Pro­mo­tion über Hei­deg­ger und seit der Jahr­tau­send­wende eine Reihe von erfolg­rei­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen zu zeit­ge­nös­si­schen Mega-The­men, immer am Puls der Zeit und den­noch leicht ent­rückt, geschult in der Kunst des Ver­wei­lens, des Spa­zie­rens und tie­fen Nach­den­kens. Wer wäre bes­ser geeig­net, ein Buch über die schwie­rige Bezie­hung zwi­schen west­li­cher Phi­lo­so­phie und dem Zen-Bud­dhis­mus zu schrei­ben? In Philosophie des Zen-Buddhismus (2002) arbei­tet Han die unter­schied­li­chen Denk­wei­sen des abend­län­di­schen und des fern­öst­li­chen Den­kens her­aus und zeigt, wo sie sich kon­tras­tie­rend berüh­ren und wo sie sich fremd blei­ben.

Autor:

Byung-Chul Han (* 1959 in Seoul, Süd­ko­rea) ist ein deut­scher Autor mit korea­ni­schen Wur­zeln. Er arbei­tet als Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie und Kul­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät der Künste Ber­lin.

Im Zen-Bud­dhis­mus, einer japa­ni­schen Vari­ante des chi­ne­si­schen Chán-Bud­dhis­mus, ver­schmel­zen Ein­flüsse des aus Indien impor­tier­ten Maha­yana-Bud­dhis­mus mit Ele­men­ten des chi­ne­si­schen Tao­is­mus. Sym­bo­li­siert wird die­ser Ent­wick­lungs­weg durch die mythi­sche Figur des rei­sen­den Mönchs Bodhi­darma, der den Bud­dhis­mus um 500 n. Chr. von Indien nach China brachte. Von dort ver­brei­tete sich seine Lehre über Korea und Viet­nam wei­ter nach Japan, wo sie etwa im 12. Jahr­hun­dert auf die tra­di­tio­nelle japa­ni­sche Shintō-Reli­gion traf.

Erst viel spä­ter wurde der Zen-Bud­dhis­mus von Japan aus in den Wes­ten expor­tiert, wo er auf das abend­län­disch-christ­li­che Welt­bild traf. Ein lan­ger unter­ir­d­iri­scher Fluss trat in Europa an die Ober­flä­che, des­sen Quel­len in Indien lie­gen und des­sen Was­ser durch viele kul­tu­relle Fluss­bette Ost­asi­ens geflos­sen war. Etwa seit dem Zeit­al­ter der Ent­de­ckun­gen waren im Fahr­was­ser von For­schungs­rei­sen und Kolo­nial-Com­pa­gnien bereits andere bud­dhis­ti­sche Schu­len und asia­ti­sche Phi­lo­so­phien wie der Kon­fu­zia­nis­mus in Europa bekannt gewor­den, wo sie auf das wohl­wol­lende Inter­esse z.B. Leib­niz´ (der regen Brief­kon­takt mit jesui­ti­schen Mis­sio­na­ren in China pflegte), Arthur Scho­pen­hau­ers und ande­rer tra­fen. Aber auch auf den über­heb­li­chen Chau­vi­nis­mus Imma­nuel Kants bei­spiels­weise.

Bodhidharma und Huike (Sesshu Toyo, 1496) Public Domain]

Bodhi­d­harma und Huike (Sesshu Toyo, 1496)

Stets erfolgte in Europa die Ein­ord­nung fern­öst­li­cher Denk­tra­di­tio­nen unter west­li­che Kate­go­rien des Den­kens – auf der Basis eines selbst­ver­ständ­li­chen Euro­zen­tris­mus, der gele­gent­lich – wie eben bei Kant – in Ras­sis­mus umschlug. Ver­kom­pli­ziert wurde dies dadurch, dass viele west­li­che Autoren der Auf­kläung, aber auch des 19. Jahr­hun­derts, nur auf eine unzu­rei­chende Quel­len­lage mit teils feh­ler­haf­ten Über­set­zun­gen zurück­grei­fen konn­ten. Der Sie­ges­zug der Kolo­ni­al­mächte und deren Beherr­schung der gesam­ten Welt erle­digte schließ­lich den Rest. West­li­che Phi­lo­so­phen von Rang wur­den auf den Thron der Geschichte beför­dert, von dem sie sich heute nur müh­sam wie­der her­ab­sto­ßen las­sen.

Hans Phi­lo­so­phie des Zen-Bud­dhis­mus ist eine Dar­stel­lung des Zen-Bud­dhis­mus im Lichte die­ses letz­ten his­to­ri­schen Schritts – der Berüh­rung mit der west­li­chen Kul­tur. Er spricht im Vor­wort von einer kom­pa­ra­tis­tisch ange­leg­ten Stu­die, in der er „die Phi­lo­so­phie von Pla­ton, Leib­niz, Fichte, Hegel, Scho­pen­hauer, Nietz­sche und Hei­deg­ger u.a. [...] mit den phi­lo­so­phi­schen Ein­sich­ten des Zen-Bud­dhis­mus“ kon­fron­tie­ren möchte. Es sei erneut dar­auf hin­ge­wie­sen, dass allen behan­del­ten Phi­lo­so­phen keine Schrif­ten zum Zen-Bud­dhis­mus im Beson­de­ren, und nur wenige Quel­len zum Bud­dhis­mus im All­ge­mei­nen vor­la­gen. Han hätte sicher­lich expli­zi­ter auf die­sen für seine wis­sen­schaft­li­che Methode wich­ti­gen Umstand ein­ge­hen kön­nen. Wesent­li­che Erkennt­nisse des Buchs sind trotz­dem wert­voll.

Han beginnt mit G. W. Hegel, einem der Dreh- und Angel­punkte der (kon­ti­nen­ta­len) west­li­chen Phi­lo­so­phie. Indem Hegel mit onto-theo-logi­schen Begrif­fen wie Sub­stanz, Wesen, Gott, Macht, Herr­schaft und Schöp­fung ope­riere, ver­fehle er den Kern des Bud­dhis­mus, des­sen „Nichts“ eben nicht mit irgend­ei­ner Sub­stanz ver­gleich­bar sei. Han schreibt:

Hegel ver­wi­ckelt das bud­dhis­ti­sche Nichts unzu­läs­si­ger­weise in ein Reprä­sen­ta­ti­ons- und Kau­sal­ver­hält­nis. Sein Den­ken, das sich an „Sub­stanz“ und „Sub­jekt“ ori­en­tiert, ver­mag das bud­dhis­ti­sche Nichts nicht zu erfas­sen.

Der Bud­dhis­mus ist für Hegel eine „Reli­gion des Insich­seins“. Hier sam­melt sich Gott in sein Inne­res. Die „Bezie­hung auf Ande­res“ ist nun „abge­schnit­ten“.

In der medi­ta­ti­ven Ver­sen­kung wird nach Hegel die „Stille des Insich­seins“ ange­strebt. Man geht „in sich“, indem man jede „Bezie­hung auf Ande­res“ abschnei­det. So ist die Medi­ta­tion eine „Selbst­be­schäf­ti­gung mit sich“, ein „Zurück­ge­hen in sich“.

Nichts könnte weni­ger über­ra­schen als die­ser Irr­tum Hegels, liegt er doch im dua­lis­ti­schen Welt­bild des Abend­lan­des begrün­det. Von Pla­ton, vor allem sei­nem Dia­log „Phi­le­bos“, über Aris­to­te­les, Plo­tin, die mit­tel­al­ter­li­che Scho­las­tik, Des­car­tes bis hin zu Freud ist das Leib-Seele-Pro­blem ein roter Faden in der euro­päi­schen Geis­tes­ge­schichte. Zu sagen „Cogito ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich“ – gilt als ein Höhe­punkt der west­li­chen Phi­lo­so­phie, ist aber eigent­lich ebenso gehalt­voll wie „in den Him­mel zu bli­cken und zu sagen ‚Ich glaube es wird reg­nen, also bin ich‘ “, wie Lud­wig Witt­gen­stein pole­mi­sierte. René Des­car­tes medi­tiert zwar „in sich hin­ein“ und zwei­felt an allem, darin ist er ein moder­ner Über­win­der des tran­szen­den­ten Welt­bil­des des Mit­tel­al­ters, aber aus Sicht des Bud­dhis­mus zwei­felt er noch nicht radi­kal genug und medi­tiert nicht tief genug. Byung-Chul Han schreibt:

Der Zen-Meis­ter Dôgen würde Des­car­tes ans Herz legen, dass er mit sei­ner Medi­ta­tion fort­fah­ren, sei­nen Zwei­fel noch vor­an­trei­ben, ver­tie­fen möge, bis es zu jenem gro­ßen Zwei­fel kommt, bis er selbst der große Zwei­fel wird, in dem sowohl das ‚Ich‘ als auch die Idee ‚Got­tes‘ gänz­lich zer­bre­chen. Ange­langt an die­sem gro­ßen Zwei­fel würde Des­car­tes womög­lich vor Freude aus­ge­ru­fen haben: neque cogito neque sum [...].

„Weder denke ich, noch bin ich“. Das beschreibt die Leere, das „Nichts“ des Zen-Bud­dhis­mus. Im Vor­wort zu Phi­lo­so­phie des Zen-Bud­dhis­mus spricht Byung-Chul Han davon, dass die Seins- und Bewusst­seins­er­fah­run­gen, auf wel­che die zen-bud­dhis­ti­sche Pra­xis hin­ar­beite, sich nicht gänz­lich in eine begriff­li­che Spra­che ein­ho­len lie­ßen. An einem Bei­spiel im Kapi­tel über die „Leere“ ver­an­schau­licht Han, was damit gemeint ist:

In den Sûtren der Berge und Flüsse bringt Dôgen eine beson­dere Land­schaft der Leere zur Spra­che, in der „die blauen Berge wan­dern“: „Schmähe die Berge nicht, indem du sagst, die blauen Berge kön­nen nicht wan­dern oder der öst­li­che Berg kann nicht übers Was­ser schrei­ten. Nur ein Mensch mit gro­bem Ver­ständ­nis bezwei­felt das Wort ‚Die blauen Berge wan­dern‘. Es ist wegen der Armut an Erfah­run­gen, dass man sich ver­wun­dert über ein sol­ches Wort wie ‚flie­ßende Berge‘.“ Der Aus­druck „flie­ßende Berge“ ist hier keine ‚Meta­pher‘. Dôgen würde sagen, dass die Berge ‚wirk­lich‘ flie­ßen. Meta­pho­risch wäre die Rede vom „flie­ßen­den Berg“ nur auf der Ebene der ‚Sub­stanz‘, wo der Berg sich vom Fluß unter­schei­det. Im Feld der Leere aber, wo Berge und Flüsse inein­an­der spie­len, näm­lich auf der Ebene der In-Dif­fe­renz fließt der Berg ‚wirk­lich‘.

Dazu schreibt Han:

Der Zen-Bud­dhis­mus wen­det die bud­dhis­ti­sche Reli­gion auf die radi­kalste Weise in die Imma­nenz: „Weit auf­ge­räumt. Nichts Hei­li­ges.“

Das Nichts des Bud­dhis­mus bie­tet nichts zum Fest­hal­ten, kei­nen fes­ten ‚Grund‘, des­sen man sich ver­si­chern, sich ver­ge­wis­sern, nichts, woran man sich fest­klam­mern könnte. Die Welt ist ohne Grund [...]. Mit einem Schlag bricht jäh der große Him­mel in Trüm­mer. Hei­li­ges, Welt­li­ches spur­los ent­schwun­den. [...].

Es gibt keine höhere Seins­ebene, die der Erschei­nung, der Phä­no­me­na­li­tät vor­ge­la­gert wäre. Jenes Nichts bewohnt die­selbe Seins­ebene wie die erschei­nen­den Dinge.

Der Zen-Bud­dhis­mus ist die „Reli­gion der Imma­nenz“. Ihm fehlt jeg­li­cher tran­szen­den­ter Bezugs­punkt, und erst recht die Vor­stel­lung eines Got­tes. Das unter­schei­det sie auch noch von den west­li­chen Phi­lo­so­phien, deren „Gott“ oder „Causa sui“ (letzte Ursa­che) dem „Nichts“ noch am nächs­ten kommt. Han nennt hier die Mys­tik Meis­ter Eck­harts. Auch wohnt all die­sen mys­ti­schen Got­tes­be­grif­fen und Reli­gi­ons­kon­struk­tio­nen ein nar­ziss­ti­sches Ele­ment inne, das dem Bud­dhis­mus fremd ist:

Die Tie­fen­schicht des Begeh­rens, mit Gott ganz zu ver­schmel­zen, weist eine nar­ziss­ti­sche Struk­tur auf. In der Unio mys­tica [Ver­ei­ni­gung von Gott und Mensch] gefällt sich der Mensch in Gott. Er erblickt sich in Gott, nährt sich gleich­sam von die­sem. Der Zen-Bud­dhis­mus ist frei von jeder nar­ziss­ti­schen Selbst­be­züg­lich­keit. Es gäbe nichts, mit dem ich ‚ver­schmel­zen‘ könnte, kein gött­li­ches Gegen­über, was mein Selbst zurück­spie­geln würde.

Die Philosophie Martin Heideggers spielt eine Hauptrolle in Hans Denken [© Andreas Praefke]

Die Phi­lo­so­phie von Mar­tin Hei­deg­ger spielt eine Haupt­rolle in Hans Den­ken

Der Zen-Bud­dhis­mus kreist um die Figur der „Leere“. Diese Leere oder das „Nichts“ ist „keine ein­fa­che Nega­tion des Sei­en­den, keine For­mel des Nihi­lis­mus oder Skep­ti­zis­mus“, nicht die bloße Abwe­sen­heit von etwas. Sie ist auch kein Man­gel. „Sie drückt viel­mehr ein dyna­mi­sches Gesche­hen aus“ ohne sich als ‚etwas‘ zu zei­gen. Das unter­schei­det den Zen-Bud­dhis­mus auch noch von den west­li­chen Phi­lo­so­phien, die ein star­kes Ele­ment der „Leere“ beinhal­ten wie die Inner­lich­keits- und Ver­or­tungs-Phi­lo­so­phie Mar­tin Hei­deg­gers: „Die zen-bud­dhis­ti­sche Leere ist lee­rer als die Leere Hei­deg­gers“.

Der Zen-Bud­dhis­mus ist auch die Geis­tes­hal­tung des exis­ten­zi­el­len Geläch­ters. Nichts kann den Geist des Zen-Meis­ters anhaf­ten las­sen, er lacht jedes Begeh­ren ein­fach hin­weg. Das unter­schei­det ihn von den west­li­chen Phi­lo­so­phien, die das exis­ten­zi­elle Lachen eben­falls pre­di­gen. Han nennt hier den Zara­thus­tra von Fried­rich Nietz­sche als Bei­spiel. Die­ser lacht zwar eben­falls über das Begeh­ren, aber in einem heroi­schen Sinn. Zara­thus­tra will das mensch­li­che Herz nicht ent­lee­ren und „zum Gewöhn­li­chen erwa­chen“, son­dern es erfül­len, ihm die Krone auf­set­zen. Die mensch­li­che Seele soll bei ihm „zu Höhe­rem erwa­chen“.

Das mäch­tige Lachen von Yüe-shan ist dage­gen weder hero­isch noch tri­um­phie­rend. Yüe-shan würde über Zara­thu­stras Lachen erneut in ein mäch­ti­ges Lachen aus­bre­chen. Er würde Zara­thus­tra ans Herz legen, er möge auch sein Lachen weg­la­chen; er möge ins All­täg­li­che, ins Gewöhn­li­che zurück­la­chen.

Das „ent­leerte Herz“ oder auch das „fas­tende Herz“ – also die aske­ti­sche Ver­wei­ge­rung jeder hoch­tra­ben­den, berech­nen­den Gefühls­re­gung und der Rück­zug auf eine freund­li­che, zärt­li­che und gegen­wär­tige Hal­tung kenn­zeich­net den Zen-Bud­dhis­mus.

Das Herz soll nach nichts stre­ben, auch nicht nach ‚Bud­dha‘. Das Stre­ben ver­fehlt gerade den Weg. Die unge­wöhn­li­che For­de­rung des Zen-Meis­ters Linji, ‚Bud­dha‘ zu töten, ver­weist auf jenen all­täg­li­chen Geist. Es gilt das Herz frei­zu­räu­men, es auch vom ‚Hei­li­gen‘ frei­zu­ma­chen. Absichts­los-gehen ist selbst der Weg.

Diese Offen­heit, Fried­lich­keit und Zurück­ge­nom­men­heit ent­spricht auch der Kunst des Hai­kus, das sich jeder west­lich-lyri­schen Deu­tung mit all ihren Sche­mata, Hebun­gen, Sym­bo­len und Meta­phern enzieht.

Die Leere als der Ort des Haiku ent-leert sowohl das Ich als auch das Es. So ist das Haiku weder ‚per­so­nal‘ noch ‚imper­so­nal‘.

Der Zen-Bud­dhis­mus macht den Men­schen im Grunde ein Ange­bot: In einer Welt, in der uns unsere eigene Exis­tenz gesi­chert erscheint, in der sich jedoch die Exis­tenz Got­tes (als Prin­zip oder als per­so­na­les, letzt­li­ches Gegen­über) nicht bewei­sen lässt, son­dern nur inner­lich, imma­nent, im Inne­ren des Indi­vi­du­ums tran­szen­dent erfah­ren lässt – wäre es in einer sol­chen Welt nicht ehr­li­cher und eine Befrei­ung für alle Men­schen – für das Indi­vi­duum wie für die Gemein­schaft – auf jede äußere Tran­szen­denz – sprich: Kir­che, Reli­gion und „Hei­li­ges“ – zu ver­zich­ten? Ver­spricht es nicht ein viel schö­ne­res Leben, im „Nichts“ hei­misch zu wer­den? Ver­spricht es nicht ein fried­li­che­res Leben, die Exis­tenz in der mate­ri­el­len Welt „blind“ zu genie­ßen? Die Frage nach der Tran­szen­denz ruhig und unbe­ant­wor­tet auf sich zukom­men zu las­sen?

Das Grund­lose in einen sin­gu­lä­ren Halt und Auf­ent­halt zu ver­wan­deln, das Nichts zu bewoh­nen, den gro­ßen Zwei­fel in ein Ja zu wen­den, in die­ser sin­gu­lä­ren Wen­dung bestünde die geis­tige Kraft des Zen-Bud­dhis­mus.

Der japanische Haiku-Dichter Bashō (Zeichnung von Yosa Buson) [© Public Domain]

Der japa­ni­sche Haiku-Dich­ter Bashō (Zeich­nung von Yosa Buson)

Nichts läuft der euro­pä­isch-abend­län­di­schen Geis­tes­hal­tung und ihren Begrif­fen von der Sub­stanz und vom Selbst stär­ker zuwi­der. Auf eine Weise könnte man sagen, dass der Zen-Bud­dhis­mus etwas vom Kon­zept des Bud­dhis­mus betont, dass ihn weni­ger kom­men­sura­bel ist für die west­li­che Kul­tur macht. Etwas am Zen-Bud­dhis­mus ent­zieht sich dem dua­lis­ti­schen Den­ken des west­li­chen Men­schen stär­ker noch als andere Schu­len des Bud­dhis­mus. Etwas am Zen-Bud­dhis­mus ent­zieht sich jeg­li­chen Ver­su­chen der Beein­flus­sung und Ver­wäs­se­rung durch New-Age-Ele­mente.

Man sollte nicht ver­ges­sen, dass Zen-Bud­dhis­mus nicht ein­fach aus „Nichts“ besteht, son­dern eine Spiel­art des Bud­dhis­mus ist, der auf den „Vier Edlen Wahr­hei­ten“ des Sid­dharta Gaut­ama und der zen­tra­len Ein­sicht vom „Nicht-Selbst“ beruht. Bud­dha baut seine Lehre auf der ein­fa­chen Erkennt­nis auf, dass das kör­per­li­che Leben auf der Erde von einer alles durch­drin­gen­den Müh­sal geprägt ist, die bei den meis­ten Men­schen ein tief­grei­fen­des Gefühl der Unzu­frie­den­heit erzeugt. Die­sen Zustand bezeich­nete er als „dukkha“ – was wört­lich über­setzt so viel wie „schwer zu ertra­gen“ bedeu­tet, also „schmerz­haft“, „leid­voll“, oder schlicht: „Lei­den“. Die erste der Vier Edlen Wahr­hei­ten lau­tet daher: „Alles Leben ist Lei­den“.

Eine der ältesten Darstellungen des Buddha aus der Graeco-buddhistischen Periode in Zentralasien (1.-2. Jh. n. Chr.) [© Public Domain]

Eine der ältes­ten Dar­stel­lun­gen des Bud­dha aus der Graeco-bud­dhis­ti­schen Peri­ode in Zen­tral­asien (1. – 2. Jh. n. Chr.)

Danach stellte er sich die Frage: Warum ist das so? Was ist die Ursa­che für diese Unzu­frie­den­heit? Im Laufe der Zeit wur­den ver­schie­dene Begriffe für diese Ursa­che allen Lei­dens ver­wen­det, der heute gebräuch­lichste ist jedoch „Anhaf­tung“. Woran klam­mern sich die Men­schen? Die meis­ten Men­schen ver­su­chen, das Schöne, das Gute und leicht zu Ertra­gende fest­zu­hal­ten, und das Schlechte, Schäd­li­che und das schwer zu Ertra­gende von sich fern­zu­hal­ten. In die Spra­che der Psy­cho­lo­gie über­setzt: Wir klam­mern uns ent­we­der an das hehre Bild, das wir uns von uns selbst machen – unser Ego – des­sen hohe Erwar­tun­gen wir aber nie erfül­len kön­nen, und ent­wi­ckeln Angst vor dem Ver­sa­gen. Oder wir füh­len uns iso­liert, ein­sam, getrennt von der übri­gen Welt und haben vor der dar­aus ent­ste­hen­den Unsi­cher­heit Angst.

Die dritte Edle Wahr­heit ist die Ein­sicht, dass es einen Weg zur dau­er­haf­ten Been­di­gung die­ses Lei­dens gibt – eine Kur oder „Medi­zin“ gegen die Angst und die Anhaf­tung. Die Erleuch­tung. Die Erlö­sung. Nivana. Die erste der Vier Edlen Wahr­hei­ten lau­tet nun nicht mehr „Alles Leben ist Lei­den“, son­dern „Das Leben der uner­leuch­te­ten Men­schen ist vol­ler Leid“. Der Weg, den ein Mensch beschrei­ten muss, um Erleuch­tung zu erlan­gen, ist die vierte Edle Wahr­heit, der Edle Acht­fa­che Pfad, auf den sich alle bud­dhis­ti­schen Schu­len bezie­hen. Der Zen-Bud­dhis­mus steht mit sei­ner Beto­nung des „Nichts“ genau am Dreh- und Angel­punkt des bud­dhis­ti­schen Den­kens, des­sen zen­tra­ler Lehr­satz lau­tet „Es gibt gar kein Selbst“. Erleuch­tung – japa­nisch „Satori“ – tritt laut herr­schen­der Lehr­mei­nung des Zen-Bud­dhis­mus meist blitz­ar­tig auf, wenn auch nach jah­re­lan­ger Vor­be­rei­tung durch „Zazen“ – die Sitz­me­di­ta­tion.

Japanischer buddhistischer Sōtō-Mönch bei der Zazen-Meditation [© Public Domain]

Japa­ni­scher bud­dhis­ti­scher Sōtō-Mönch bei der Zazen-Medi­ta­tion

Sowohl außer­halb als auch inner­halb des Bud­dhis­mus besteht Unsi­cher­heit und Ver­wir­rung über das Kon­zept des Selbst. Den Kon­flikt zwi­schen einem erfüll­ten Selbst ver­sus einer voll­stän­di­gen Über­win­dung und Ent­lee­rung des mensch­li­chen Egos könnte man auch als den Kon­flikt zwi­schen einem Kon­zept der „Fülle“ gegen­über einem Kon­zept der voll­stän­di­gen „Leere“, des Nichts, inter­pre­tie­ren. Die­ser Gegen­satz muss aber kei­nes­wegs auf­ge­löst wer­den – das wäre dua­lis­ti­sches west­li­ches Den­ken – son­dern aus­ge­hal­ten und auf dem Weg zur Erleuch­tung genutzt wer­den. Ja – der Gegen­satz hält über­haupt erst den Ansporn bereit, sich auf den Weg zu machen. Ein Indi­vi­duum, das den Kon­flikt nicht wahr­nimmt, ver­schanzt sich in sei­nem Selbst und ver­ur­sacht in sei­ner Umge­bung Leid, weil es das eigene Leid nach außen lenkt, exter­na­li­siert.

Die­ser zutiefst mensch­li­che, nicht leicht auf­zu­lö­sende Kon­flikt ist ein Ele­ment, das den Bud­dhis­mus so anzie­hend macht. Zum einen steht der Bud­dhis­mus damit im Zen­trum der con­di­tio humana, die sich immer um das Ego, das Selbst, die Sub­stanz dreht. Zum ande­ren beschreibt der Bud­dhis­mus kei­nen sta­ti­schen Zustand, son­dern einen Weg, eine Lebens- und Bil­dungs­reise des Indi­vi­du­ums. Nie­mals aber kehrt ein Mensch in dem­sel­ben Zustand von die­sem Weg zurück, wie er ihn ange­tre­ten ist. Ganz so wie der tibe­ti­sche Refor­ma­tor Je Tsong­khapa (1357 – 1419) sein „Erleuch­tungs­er­leb­nis“ in ein Lehr­ge­dicht fasste, wel­ches die Erfah­rung aus­drückt, dass alles was man vor der Erleuch­tung für wahr hielt, eigent­lich falsch war und sich sogar das genaue Gegen­teil davon als wahr her­aus­stellt.

Dōgen, Begründer des Sōtō-Zen, beim Betrachten des Mondes (Hōkyōji-Kloster, ca. 1250) [© Public Domain]

Dōgen, Begrün­der des Sōtō-Zen, beim Betrach­ten des Mon­des (Hōkyōji-Klos­ter, ca. 1250)

Wenn es also im Bud­dhis­mus heißt „Es gibt kein Selbst“, dann stellt sich die Frage, warum über­haupt auf diese Tat­sa­che hin­ge­wie­sen wer­den muss. Der Grund ist ein­fach: „Es gibt kein Selbst“ ist kein sta­ti­scher Zustand, son­dern eine Erkennt­nis, die sich erst auf dem Weg zur Erleuch­tung ein­stellt. Für den uner­leuch­te­ten Men­schen gibt es sehr wohl ein Selbst und defi­ni­tiv klam­mert er sich daran. Die­ser Weg von der Illu­sion des Selbst, des Egos, von der jedes Indi­vi­duum, auch jeder Schü­ler des Bud­dhis­mus betrof­fen ist, bis zur Erleuch­tung ist in der bud­dhis­ti­schen Lehre prä­sent, er ist ihr essen­ti­el­ler Bestand­teil.

Die Leere, shun­yata oder sûn­yatâ, lei­tet sich von der Wort­wur­zel im Sans­krit für einen schwan­ge­ren Mut­ter­leib her – es han­delt sich also ver­meint­lich um eine frucht­bare Leere, um eine Leben spen­dende Kraft des „Nichts“. Aus Sicht west­li­cher Phi­lo­so­phie, phä­no­me­no­lo­gisch gespro­chen, han­delt es sich um kein Vakuum, son­dern um ein Ur-Poten­zial, das neue For­men und Erschei­nun­gen her­vor­bringt. Schein­bar also ist die „Leere“ anschluss­fä­hig an west­li­che Kate­go­rien, zum Bei­spiel der Psy­cho­ana­lyse. Der Mensch ent­leert sich im Rah­men der Erleuch­tungs-Pra­xis und schafft dadurch Platz für etwas Neues, eine Art von Wie­der­ge­burt. Byung-Chul Han jedoch inter­pre­tiert die Leere aus Sicht des Zen-Bud­dhis­mus anders. Bei ihm haf­tet der „Leere“ kei­ner­lei Sub­stanz an, noch nicht ein­mal poten­ti­ell mög­li­che Sub­stanz:

Der bud­dhis­ti­sche Zen­tral­be­griff sûn­yatâ (‚Leer­heit‘) stellt in viel­fa­cher Hin­sicht den Gegen­be­griff zur Sub­stanz dar. Die Sub­stanz ist gleich­sam voll. [...] Die Leere stellt jedoch kein Ent­ste­hungs­prin­zip, keine erste ‚Ursa­che‘ dar, aus der alles Sei­ende, alles Form­hafte ‚ent­stünde‘. Ihr wohnt keine ‚sub­stan­ti­elle Macht‘ inne, von der eine ‚Wir­kung‘ aus­ginge.

Ande­rer­seits:

Die wech­sel­sei­tige Durch­drin­gung im Feld der Leere zieht kein gestalt- und form­lo­ses Durch­ein­an­der nach sich. Sie bewahrt die Gestalt. Leere ist Form: „Meis­ter Yun­men sagte ein­mal: ‚Die wahre Leere ver­nich­tet nicht das, was ist. Wahre Leere ist nicht ver­schie­den vom Gestal­t­haf­ten.‘ “ Die Leere ver­hin­dert nur, dass das Ein­zelne sich auf sich ver­steift. Sie löst die sub­stanz­hafte Starre. Die Sei­en­den flie­ßen inein­an­der, ohne dass sie zu einer sub­stanz­haf­ten ‚Ein­heit‘ verschmöl­zen.

Die „wahre Leere“ ist also der Abglanz einer Form, inso­fern als sie die Ver­wandt­schaft aller For­men mit­ein­an­der in sich schließt. Nicht aber ist sie gestal­t­haft in der Form einer Sub­stanz, die rea­li­ter ist und ande­res Sei­en­des gebiert. Die „Schwan­ger­schaft“ der „Leere“ ist also wie­derum ver­schie­den von einer Schwan­ger­schaft im sub­stanz­haf­ten Den­ken, es ist eine „sub­stanz­lose Schwan­ger­schaft“.

Die Leere bedeu­tet also keine Nega­tion des Ein­zel­nen. Die erleuch­tete Sicht sieht jedes Sei­ende in sei­ner Ein­zig­ar­tig­keit leuch­ten. Und nichts herrscht. [...] Die Leere oder das Nichts des Zen-Bud­dhis­mus ist also keine ein­fa­che Nega­tion des Sei­en­den, keine For­mel des Nihi­lis­mus oder des Skep­ti­zis­mus. Sie stellt viel­mehr eine äußerste Beja­hung des Seins dar. Ver­neint wird nur die sub­stanz­hafte Abgren­zung, die gegen­sätz­li­che Span­nun­gen erzeugt.

In die­ser Stim­mung wird selbst noch der Tod zu einem Akt der Freund­lich­keit und ver­liert jeden Schre­cken, ja über­haupt jede Rele­vanz. Er ist frei von jeder heroi­schen Emphase wie bei Fichte und frei von jeder nar­ziss­ti­schen Selbst­er­fah­rung wie bei Hei­deg­ger. Und er ist noch nicht ein­mal mehr eine Art von Über­gang wie bei Pla­ton. Der Tod ist keine Kata­stro­phe mehr, weil man die rich­tige Kata­stro­phe, das Ster­ben-ler­nen im Leben bereits hin­ter sich gebracht hat; weil man ein Nie­mand gewor­den ist. Im Zen-Bud­dhis­mus heißt das der „große Tod“, im Gegen­satzu zum „klei­nen Tod“ des rein kör­per­li­chen Ver­ge­hens. Was übrig bleibt, ist ganz ein­fach die Vor­aus­set­zung für Leben:

In der „Erläu­te­rung des Gesan­ges“ zum 41. Bei­spiel zitiert Yüan-wu ein Zen-Wort: „Erst wenn der Tote in dir ganz und gar getö­tet ist, erblickst du dich als Leben­den; und erst wenn der Lebende in dir ganz und gar leben­dig ist, erblickst du dich als Toten“ Der Lebende bleibt ein Toter, solange der ‚Tod‘ nicht getö­tet ist, d.h. solange er den ‚Tod‘ dem ‚Leben‘ ent­ge­gen­setzt. Erst nach dem Töten des ‚Todes‘ ist man ganz leben­dig, d.h. man lebt ganz, ohne den ‚Tod‘ als das Andere des ‚Lebens‘ anzu­star­ren. Ganz leben­dig misst sich nicht an ‚ewig‘ oder ‚unsterb­lich‘. Es fällt viel­mehr mit ganz sterb­lich zusam­men.

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Erich Fromm über das Men­schen­bild bei Marx: Wider­stand gegen die Zer­stö­rung der Liebe in der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit

"Nicht nur die Welt der Gegenstände wird zum Herrscher über den Menschen, auch die gesellschaftlichen und politischen Umstände, die er hervorbringt, unterwerfen ihn."

Das Menschenbild bei MarxVor 170 Jah­ren erschien die Erst­aus­gabe des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests (1848) – ein Doku­ment, das die Welt­ge­schichte ver­än­derte. Und vor 200 Jah­ren wurde Karl Marx gebo­ren – ein Mensch, der die Welt­ge­schichte ver­än­derte. Die poli­ti­sche Theo­rie von Karl Marx (1818 – 1883) und sei­nem kon­ge­nia­len Freund Fried­rich Engels (1820 – 1895) wurde in Tei­len zu Recht kri­ti­siert oder ver­wor­fen, vor allem nach ihrem Miss­brauch durch die skru­pel­lose Nomen­kla­tura ver­schie­dens­ter Län­der und Epo­chen. Andere Teile die­ser Theo­rie dien­ten Gelehr­ten als hoch spe­zia­li­sier­ter aka­de­mi­scher Zeit­ver­treib – Mar­xis­mus als „Opium für Intel­lek­tu­elle“, wie Ray­mond Aron pole­misch for­mu­lierte.

Erich Fromm (1974)

Erich Fromm (* 23. März 1900 in Frank­furt am Main; † 18. März 1980 in Mur­alto, Schweiz) war ein deutsch-US-ame­ri­ka­ni­scher Psy­cho­ana­ly­ti­ker, Phi­lo­soph und Sozi­al­psy­cho­loge. Bereits seit Ende der 1920er Jahre ver­trat er einen huma­nis­ti­schen, demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus.

Der eigen­wil­lige Stil und der Inhalt sowohl der Marx´schen Schrif­ten als auch man­cher Sekun­där­li­te­ra­tur kön­nen unzu­gäng­lich, sper­rig und ver­al­tet wir­ken, gerade wenn Marx eine Wei­ter­ent­wick­lung der zu sei­ner Zeit domi­nie­ren­den öko­no­mi­schen Theo­rien – vor allem von Adam Smith, Ben­t­ham und Mill – im Lichte der zu sei­ner Zeit gän­gi­gen Phi­lo­so­phien – v.a. Hegel und Feu­er­bach – lie­fert. Man­che Erkennt­nisse, die Marx und sei­nen Zeit­ge­nos­sen daher als bahn­bre­chend erschei­nen muss­ten, sind im Zuge der Wei­ter­ent­wick­lung von Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten und kapi­ta­lis­ti­scher Gesell­schafts­ord­nung zu Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten und teil­weise sogar zu sprach­li­chem All­ge­mein­gut gewor­den. Vie­les andere ist aber auch heute noch hoch­ak­tu­ell.

Wie kaum eine andere Beschrei­bung des Men­schen Karl Marx und der Fol­gen sei­ner Phi­lo­so­phie wird Erich Fromms Buch Das Menschenbild bei Marx (1961) dem Anlass des dop­pel­ten Jubi­lä­ums gerecht. Erich Fromm (1900 – 1980) hatte als Mit­glied und Vor­den­ker des mar­xis­tisch gepräg­ten Frank­fur­ter Insti­tuts für Sozi­al­for­schung in sei­nen frü­hen Wer­ken auf dem Gebiet der empi­ri­schen Sozi­al­psy­cho­lo­gie maß­geb­lich an den Grund­la­gen der „Kri­ti­schen Theo­rie“ mit­ge­ar­bei­tet. Gemein­sam mit dem Insti­tut war Fromm nach Ame­rika emi­griert (und hatte sich 1939 im Streit von ihm getrennt), kehrte aber anders als seine ehe­ma­li­gen Kol­le­gen nach dem Krieg nicht ins befrie­dete Europa zurück, son­dern lebte und lehrte in Mexiko und in den USA. Inzwi­schen publi­zierte er auf Eng­lisch und kannte die Gesell­schaf­ten und Kul­tu­ren bei­der­seits des Atlan­tiks.

Titelblatt der Originalausgabe des Manifests der Kommunistischen Partei (1848)

Titel­blatt der Ori­gi­nal­aus­gabe des Mani­fests der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei von Karl Marx und Fried­rich Engels (1848)

Mit Das Men­schen­bild bei Marx soll­ten vor allem ame­ri­ka­ni­sche Leser ange­spro­chen wer­den, auch um dort gras­sie­rende Miss­ver­ständ­nisse und fal­sche Deu­tun­gen des Marx´schen Werks aus­zu­räu­men. Das Buch lie­ferte eine der ers­ten eng­li­schen Über­set­zun­gen von Tei­len der wich­tigs­ten frü­hen phi­lo­so­phi­schen Arbei­ten, die von Karl Marx kurz vor dem Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest ver­fasst wur­den. Es ent­hält Aus­züge aus den Öko­no­misch-phi­lo­so­phi­schen Manu­skrip­ten (1844 ver­fasst), aus der Deut­schen Ideo­lo­gie (1845−46 ver­fasst) und aus der Schrift Zur Kri­tik der Hegel­schen Rechts­phi­lo­so­phie (1843−44 ver­fasst und publi­ziert), die Fromm mit einer umfas­sen­den Ein­lei­tung ver­sah.

Fromm betrach­tet die Marx´sche Phi­lo­so­phie als zwei auf­ein­an­der auf­bau­ende Teile: das Men­schen­bild, die phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie, einer­seits, und die sozia­lis­ti­sche Theo­rie, die poli­ti­sche Uto­pie, ande­rer­seits. Marx´ sozia­lis­ti­sche Uto­pie – so sehr man sie im Ein­zel­nen auch kri­ti­sie­ren kann – ist untrenn­bar mit sei­nem Men­schen­bild ver­bun­den, und die­sem Men­schen­bild stimmt Fromm weit­ge­hend zu. Die wich­tigs­ten Gedan­ken zu sei­ner phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie ent­wi­ckelte Marx bereits in den Früh­schrif­ten, vor allem in den Öko­no­misch-phi­lo­so­phi­schen Manu­skrip­ten, die lei­der lange ver­schol­len waren und bis 1932 über­haupt nicht rezi­piert wur­den. Aus ihrem Geist her­aus ent­stand schließ­lich der Basis­text sei­ner sozia­lis­ti­schen Uto­pie: das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest.

Erich Fromms Das Men­schen­bild bei Marx ist somit keine Recht­fer­ti­gung der Marx´schen Theo­rie. Es ist viel­mehr die Ehrung des her­aus­ra­gen­den Phi­lo­so­phen und Huma­nis­ten und auch des vor­bild­haf­ten Men­schen Karl Marx.

Ich habe dar­auf ver­zich­tet, dar­zu­le­gen, inwie­weit ich mit dem Marx´schen Den­ken nicht über­ein­stimme, denn bezüg­lich sei­nes huma­nis­ti­schen Exis­ten­zia­lis­mus habe ich wenig Wider­spruch anzu­mel­den. In einer Reihe von Punk­ten, die seine sozio­lo­gi­schen und öko­no­mi­schen Theo­rien betref­fen, kann ich Marx nicht fol­gen.

Das Men­schen­bild bei Marx ist auch ein Buch über Fromms eige­nes Men­schen­bild und wie­viel davon er Karl Marx ver­dankt. Fromm inter­es­sierte sich wie Marx für die mäch­ti­gen, das Wesen des Men­schen zutiefst betref­fen­den und ver­än­dern­den Lebens­um­stände; für Phä­no­mene, die den Men­schen immer wei­ter von sich selbst und von sei­nen Mit­men­schen ent­frem­den. Der Ent­frem­dungs­be­griff, den Hegel ein­ge­führt und den Marx radi­kal neu gedeu­tet hatte, steht auch in Fromms Phi­lo­so­phie an zen­tra­ler Stelle. Er schreibt:

Ent­frem­dung bedeu­tet für Marx, dass der Mensch sich selbst in sei­ner Aneig­nung der Welt nicht als Urhe­ber erfährt, son­dern dass die Welt (die Natur, die ande­ren, und er selbst) ihm fremd blei­ben. Sie ste­hen als Gegen­stände über ihm und ihm gegen­über [...]. Ent­frem­dung heißt, die Welt und sich selbst wesent­lich pas­siv, rezep­tiv, in der Tren­nung von Sub­jekt und Objekt zu erfah­ren.

Mit sei­nem Pro­test gegen die Ent­frem­dung des Men­schen sieht Fromm in Marx daher einen exis­ten­zia­lis­ti­schen Phi­lo­so­phen:

Die Phi­lo­so­phie von Marx ist wie exis­ten­zia­lis­ti­sches Den­ken ein Pro­test gegen die Ent­frem­dung des Men­schen, gegen den Ver­lust sei­ner Selbst und sei­ner Ver­wand­lung in ein Ding. Die­sen Pro­test erhebt sie gegen die Dehu­ma­ni­sie­rung und Auto­ma­ti­sie­rung des Men­schen, die mit der Ent­wick­lung des west­li­chen Indus­tria­lis­mus ver­bun­den ist.

Marx´ Phi­lo­so­phie ist eine Pro­test­phi­lo­so­phie; ein Pro­test, der getra­gen ist vom Glau­ben an den Men­schen, an seine Fähig­keit, sich selbst zu befreien und seine ihm inne­woh­nen­den Mög­lich­kei­ten zu ver­wirk­li­chen.

Der Sozia­lis­mus war für Marx, wie etwa Paul Til­lich for­mu­lierte, „eine Wider­stands­be­we­gung gegen die Zer­stö­rung der Liebe in der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit“.

Diese gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit, mit der Fromm sich beschäf­tigte, bestand vor allem in den Phä­no­me­nen Kapi­ta­lis­mus, Büro­kra­tie, Faschis­mus sowie der moder­nen Kon­sum­ge­sell­schaft. Ihm ent­ging nicht die Destruk­ti­vi­tät, die allen die­sen Gesell­schafts­mo­del­len inne­wohnt. Ihm ent­ging nicht die – ver­schlei­erte oder offene – Resi­gna­tion der Men­schen. Der Zivi­li­sa­ti­ons­bruch des ers­ten Welt­kriegs, der euro­päi­sche Bür­ger­krieg, die poli­tisch erstarrte Nach­kriegs­ord­nung – sie alle hat­ten das Ver­trauen der Men­schen in den his­to­ri­schen Fort­schritt zutiefst erschüt­tert. Zynis­mus und grim­mi­ger Über­le­bens­wille waren an die Stelle von Opti­mis­mus und fes­tem Glau­ben an die Zukunft getre­ten. Fromm schreibt:

Die­ser Glaube [an den Men­schen] ist ein Zug des Marx­schen Den­kens, der für die Vor­stel­lungs­welt der west­li­chen Kul­tur vom spä­ten Mit­tel­al­ter bis zum neun­zehn­ten Jahr­hun­dert cha­rak­te­ris­tisch war und der heute so sel­ten ist.

Der Durch­schnitts­mensch ist auf der ver­zwei­fel­ten Suche nach Schutz; er ver­sucht, der Frei­heit zu ent­flie­hen und im Schoß des gro­ßen Staats und des gro­ßen Ver­bands Sicher­heit zu fin­den.

Die Phi­lo­so­phie Marx´, gerade weil sie sich mit The­men wie Ent­frem­dung und Aus­beu­tung als eine Art „Pro­test­phi­lo­so­phie“ um mensch­li­che Abgründe drehte, nennt Fromm daher auch „einen geis­ti­gen Exis­ten­zia­lis­mus in säku­la­rer Spra­che“. Er betont das spe­zi­fisch Geis­tige an Marx´ Phi­lo­so­phie, das wir sonst nur aus den Reli­gio­nen ken­nen. Mit Wur­zeln in der abend­län­di­schen christ­lich-huma­nis­ti­schen Tra­di­tion ist sie eine Phi­lo­so­phie der Hoff­nung und der Uto­pie, oder wie Fromm auch sagt, ein „pro­phe­ti­scher Mes­sia­nis­mus in der Spra­che des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts“. Obwohl sie sich um die Abgründe der Mensch­heits­ge­schichte drehte, ist sie eine opti­mis­ti­sche Phi­lo­so­phie.

Das Ziel von Marx war die geis­tige Eman­zi­pa­tion des Men­schen, seine Befrei­ung von den Fes­seln der wirt­schaft­li­chen Bestimmt­heit, die Wie­der­her­stel­lung sei­ner mensch­li­chen Ganz­heit, um ihn zu befä­hi­gen, zur Ein­heit und Har­mo­nie mit sei­nen Mit­men­schen und der Natur zu fin­den. Marx´ Phi­lo­so­phie [...] zielte auf die volle Ver­wirk­li­chung des Indi­vi­dua­lis­mus, gerade jenes Ziel, das das west­li­che Den­ken seit der Renais­sance und Refor­ma­tion bis weit ins neun­zehnte Jahr­hun­dert gelei­tet hat.

Philosoph Erich Fromm

Phi­lo­soph Erich Fromm

Zyni­scher­weise wurde aus­ge­rech­net Marx selbst eine mate­ria­lis­ti­sche Welt­sicht vor­ge­wor­fen. Er über­be­tone die mate­ri­el­len Bedürf­nisse und das öko­no­mi­sche Stre­ben als den grund­le­gen­den Trieb des Men­schen; und er ver­nach­läs­sige das Indi­vi­duum sowie des­sen geis­tige Bedürf­nisse und seine Frei­heit. Die geis­tige Her­kunft und Qua­li­tät des huma­nis­ti­schen Den­kens bei Marx wei­sen aber laut Fromm dar­auf hin, dass die­ser weit ver­brei­tete Vor­wurf nicht halt­bar ist. Marx´ Ziel war nicht eine reli­giös des­il­lu­sio­nierte, uni­forme Gesell­schaft von zwar mate­ri­ell befrie­dig­ten, aber unfreien Men­schen unter der Knute einer all­mäch­ti­gen staat­li­chen Büro­kra­tie – also eine Art „Para­dies für Skla­ven“. Eben die­je­ni­gen Zustände, die man in Sys­te­men wie dem tota­li­tä­ren Sowjet­kom­mu­nis­mus und den mao­is­ti­schen Regimes besich­ti­gen konnte.

In einer Art dop­pelt iro­ni­schen Wen­dung stel­len die Vor­würfe gegen den angeb­lich „mate­ri­el­len“ Mar­xis­mus und gegen die angeb­lich unfreie gesell­schaft­li­che Vision des Sozia­lis­mus eine exakte Beschrei­bung der Rea­li­tät in der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­sum­ge­sell­schaft dar, näm­lich den „nur dünn ver­hüll­ten“ Mate­ria­lis­mus unse­res Zeit­al­ters. Die unred­li­che Kri­tik an Marx ver­rät sich durch die Spra­che, die sie ver­wen­det, selbst, und das ist eben die Spra­che des „Mate­ria­lis­mus“, der „Code“ des herr­schen­den Gesell­schafts­sys­tems. Diese Kri­tik fun­giert wie ein Spie­gel, den sich der Kapi­ta­lis­mus selbst vor­hält. Fromms Beschrei­bung die­ser Rea­li­tät der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­sum­ge­sell­schaft trifft auch heute noch zu:

Das Han­deln der Mehr­zahl der Men­schen ist moti­viert vom Wunsch nach grö­ße­ren mate­ri­el­len Gewin­nen, nach Kom­fort und nach Din­gen des „geho­be­nen Ver­brauchs“, und die­ser Wunsch wird nur ein­ge­schränkt von dem Ver­lan­gen nach Sicher­heit und der Ver­mei­dung von Risi­ken. Sie sind zuneh­mend sowohl in der Sphäre der Pro­duk­tion wie in der des Ver­brauchs mit einem vom Staat und den gro­ßen Ver­bän­den und deren jewei­li­gen Büro­kra­tien regu­lier­ten und mani­pu­lier­ten Leben zufrie­den; sie haben einen Grad der Kon­for­mi­tät erreicht, der die Indi­vi­dua­li­tät weit­ge­hend aus­ge­löscht hat.

Der mate­ria­lis­ti­sche Trieb des Men­schen, das Stre­ben nach Pro­fit und Eigen­tum, gehört für Marx zu den „rela­ti­ven Trie­ben“. Diese rela­ti­ven Triebe sind im Gegen­satz zu den „fest­ste­hen­den Trie­ben“ (wie Sexua­li­tät und Nah­rungs­auf­nahme) ver­än­der­lich, das heißt von den jewei­li­gen gesell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Umstän­den, unter denen ein Mensch lebt, abhän­gig. Ana­log zu den rela­ti­ven und den kon­stan­ten Trie­ben sprach Marx auch von der unver­än­der­li­chen „mensch­li­chen Natur im All­ge­mei­nen“ und der in jeder his­to­ri­schen Epo­che „modi­fi­zier­ten Men­schen­na­tur“. Nie­mals, so Fromm, wäre es Marx ein­ge­fal­len, den Trieb nach maxi­ma­lem öko­no­mi­schen Gewinn als kon­stan­ten Trieb oder als unver­än­der­lich hin­zu­neh­men. Exakt dies aber war schon zu Marx Zei­ten die vor­herr­schende Ansicht in der bür­ger­lich-mate­ria­lis­ti­schen Geschichts­auf­fa­sung und in der bür­ger­li­chen Wis­sen­schaft der Natio­nal­öko­no­mie, den heu­ti­gen Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten.

Marx´ ganze Kri­tik des Kapi­ta­lis­mus ist ja gerade, dass die­ser das Inter­esse an Geld und an mate­ri­el­lem Gewinn zum Haupt­mo­tiv des Men­schen gemacht hat [u.a. weil im Kapi­ta­lis­mus alles, auch der arbei­tende Mensch und alle seine Lebens­äu­ße­run­gen, Waren sind, und alles einen Preis hat]. Seine Kon­zep­tion des Sozia­lis­mus jedoch ist gerade die­je­nige einer Gesell­schaft, in der die­ses mate­ri­elle Inter­esse auf­hö­ren würde, das beherr­schende zu sein.

Gerade heute ist der durch Fromm beson­ders emble­ma­tisch her­aus­ge­ar­bei­tete Gegen­satz zwi­schen den Exis­ten­zwei­sen des Habens und des Seins so über­aus bedeut­sam und fol­gen­schwer. Bezeich­nen­der­weise haben laut From...

...sowohl die Kom­mu­nis­ten wie die meis­ten der sozia­lis­ti­schen Par­teien (mit eini­gen bemer­kens­wer­ten Aus­nah­men ...) das allen kapi­ta­lis­ti­schen Sys­te­men zugrunde lie­gende Prin­zip akzep­tiert, dass maxi­male Pro­duk­tion und maxi­ma­ler Kon­sum die unbe­streit­ba­ren Ziele der Gesell­schaft seien.

Man würde jedoch Fromm und auch Marx miss­ver­ste­hen, wenn man aus die­ser Argu­men­ta­ti­ons­weise eine Absage an jeg­li­chen Kon­sum und jeg­li­che Pro­duk­tion unter­stel­len würde. Beide – Fromm wie Marx – wür­den das heu­tige Aus­maß an effi­zi­en­ter Pro­duk­tion begrü­ßen, wenn es denn zur Befrie­di­gung wirk­li­cher mate­ri­el­ler Bedürf­nisse ech­ter Men­schen ein­ge­setzt würde, und wenn es der Her­aus­bil­dung ihres wah­ren mensch­li­chen Cha­rak­ters, der Rea­li­sie­rung ihres wah­ren mensch­li­chen Poten­zi­als diente:

Man darf natür­lich nicht das Ziel, die abgrün­dige, men­schen­un­wür­dige Armut zu über­win­den, mit dem Ziel eines unbe­grenzt wach­sen­den Ver­brauchs ver­wech­seln... Marx´ Hal­tung war ganz ein­deu­tig für einen Sieg über die Armut und ebenso ein­deu­tig gegen den Kon­sum als obers­tes Ziel gerich­tet. Unab­hän­gig­keit und Frei­heit beru­hen für Marx auf dem Akt der Selbst­er­schaf­fung. [...] Oder, wie Marx sagt, der Mensch ist nur frei [...], wenn er nicht nur frei von etwas [vor allem von mate­ri­el­ler Not], son­dern auch frei zu etwas ist.

Zen­tral ste­hen für Marx die Begriffe der Arbeit und der Tätig­keit, des täti­gen Lebens. Der Mensch erzeugt sich im Pro­zess der Gat­tungs­ge­schichte selbst. Der wahre Mensch – darin ist Marx ganz Hege­lia­ner – ist das Resul­tat sei­ner eige­nen (abs­trakt-geis­ti­gen) Arbeit. Fromm schreibt:

Marx´ ganze Auf­fas­sung der Selbst­ver­wirk­li­chung des Men­schen kann nur in Ver­bin­dung mit sei­nem Begriff der Arbeit voll ver­stan­den wer­den. Vor allen Din­gen waren für Marx Arbeit und Kapi­tal nicht ledig­lich öko­no­mi­sche Kate­go­rien. Sie waren für ihn viel­mehr anthro­po­lo­gi­sche Kate­go­rien, die von sei­ner huma­nis­ti­schen Wer­tung her bestimmt waren.

Arbeit sollte eigent­lich der Aus­druck des Lebens sein, also etwas Leben­di­ges, und nicht bloß der Aus­fluss und die Auf­spei­che­rung von Kapi­tal, also etwas Nicht-Leben­di­ges. Wenn Marx im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest von der „Auf­he­bung der Arbeit“ bzw. von der „Befrei­ung der Arbeit“ als einem Ziel des Sozia­lis­mus sprach, so meinte er damit nicht die Faul­heit, son­dern den Über­gang von der ent­frem­de­ten Arbeit des Men­schen für eine Gegen­leis­tung in Form von totem Kapi­tal hin zu einer wahr­haft huma­nen Tätig­keit des Men­schen für eine Gegen­leis­tung in Form von Sinn und Lebens­freude.

In der Arbeit drückt der Mensch sich selbst aus, sie ist der Aus­druck sei­ner indi­vi­du­el­len phy­si­schen und geis­ti­gen Kräfte. In die­sem Pro­zess ech­ter Tätig­keit ent­wi­ckelt sich der Mensch, er wird er selbst. Die Arbeit ist nicht nur ein Mit­tel zum Zweck – dem Pro­dukt [und dem Lohn/​Gehalt] – son­dern sie ist Selbst­zweck, sie ist der sinn­volle Aus­druck der mensch­li­chen Ener­gie. Daher macht Arbeit Freude.

Die ent­schei­dende Kri­tik des Kapi­ta­lis­mus durch Marx trifft nicht die unge­rechte Ver­tei­lung des Reich­tums, son­dern die Ver­keh­rung der Arbeit in erzwun­gene, ent­frem­dete, sinn­lose Arbeit, daher die Ver­wand­lung des Men­schen in eine „ver­krüp­pelte Mons­tro­si­tät“.

Fromm schreibt:

Es gibt kein grö­ße­res Miss­ver­ständ­nis und keine grö­ßere Fehl­dar­stel­lung von Marx als die, [...] dass Marx nur die öko­no­mi­sche Bes­ser­stel­lung der Arbei­ter­klasse erstrebte und dass er das Pri­vat­ei­gen­tum auf­he­ben wollte, damit der Arbei­ter das besit­zen würde, was die Kapi­ta­lis­ten jetzt haben.

Unter Pri­vat­ei­gen­tum ver­stand Marx auch nicht den gerin­gen Besitz oder die per­sön­li­che Habe eines durch­schnitt­li­chen Men­schen, eines Klein­bür­gers. (Die­ses Schein­ar­gu­ment gegen den Mar­xis­mus wird im Übri­gen spä­ter immer wie­der von Anti­kom­mu­nis­ten und Anti­se­mi­ten miss­braucht wer­den, um ver­ängs­tigte Klein­bür­ger auf ihre Seite zu zie­hen.) Unter Pri­vat­ei­gen­tum ver­steht Marx viel­mehr das auf­ge­sparte Kapi­tal des Kapi­ta­lis­ten, das wie­derum zur Unter­drü­ckung ande­rer Men­schen dient und zu deren Zwang in unmensch­li­che Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen ver­wen­det wird. Die­ses Pri­vat­ei­gen­tum wollte Marx unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen sehr wohl auf­he­ben, nur nicht um einer „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ wil­len. Das geht auch aus einer ande­ren Stelle her­vor, in der Marx eine staat­lich erzwun­gene Anglei­chung aller Löhne und Gehäl­ter – wie sie von radi­ka­len Sozia­lis­ten immer schon gefor­dert wurde – ablehnte:

Eine gewalt­same Erhö­hung des Arbeits­lohns (von allen ande­ren Schwie­rig­kei­ten abge­se­hen, abge­se­hen davon, dass sie als eine Ano­ma­lie auch nur gewalt­sam auf­recht­zu­er­hal­ten wäre) wäre also nichs als eine bes­sere Salä­rie­rung der Skla­ven und hätte weder dem Arbei­ter noch der Arbeit ihre mensch­li­che Bestim­mung und Würde erobert.

Gar nicht so unwahr­schein­lich, dass Marx heute Kri­ti­ker eines Bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens wäre, das ledig­lich ein­ge­führt wird, um Ungleich­heit unter den Men­schen zu kaschie­ren, und nicht mit einer grund­le­gen­den Umge­stal­tung der gesam­ten Gesell­schaft, des gesam­ten Sozi­al­ge­fü­ges ein­her­ginge. Auf jeden Fall wäre Marx aber ein lei­den­schaft­li­cher Kri­ti­ker unse­rer rück­stän­di­gen Arbeits­welt, die nach wie vor nicht ohne mas­sive Ratio­na­li­sie­rung, Aus­beu­tung, Ent­wür­di­gung und Auto­ri­ta­ris­mus aus­kommt. Dabei, so Fromm, hatte Marx mit sei­nem Blick auf die Welt der Fabri­ken das volle Aus­maß zukünf­ti­ger Ent­frem­dung in der Welt der Büro­an­ge­stell­ten, der Wer­be­agen­tu­ren und Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter sogar noch unter­schätzt.

Karl Mars (rechts) mit seinen Töchtern und Friedrich Engels

Karl Marx (rechts) mit sei­nen Töch­tern und Fried­rich Engels

Mit gespann­ter Skep­sis würde Marx in unse­rer heu­ti­gen Zeit beob­ach­ten, ob die fort­schrei­tende Auto­ma­ti­sie­rung tat­säch­lich dazu genutzt wird, den Men­schen von schwe­rer und unwür­di­ger Arbeit zu befreien, oder ob sie nur die Gier und den Kon­sum wei­ter befeu­ert und ob sie nicht dazu dient, den Men­schen selbst wei­ter zu auto­ma­ti­sie­ren und zu kon­trol­lie­ren. Mit Sicher­heit wäre Marx heute ein Kri­ti­ker unse­res unbän­di­gen, selbst­zer­stö­re­ri­schen Kon­sum­den­kens, das lang­fris­tig auch ursäch­lich ist für die Ent­frem­dung des Men­schen von der Natur – mit den Fol­gen von Umwelt­zer­stö­rung und öko­lo­gi­schen Kata­stro­phen.

Radi­kal abge­lehnt hätte Marx die Pas­si­vi­tät vie­ler heu­ti­ger Men­schen gegen­über dem Leben, ihre Läh­mung, die beson­ders durch die Anbe­tung der digi­ta­len neuen „Göt­zen“ reprä­sen­tiert ist, vor denen die Men­schen nie­der­knien, denen sie ihr Leben wei­hen und denen sie ihre Frei­heit opfern: Fern­se­hen, Inter­net, Social Media. Fromm schreibt dazu:

Göt­zen­dienst ist immer die Anbe­tung von etwas, in das der Mensch seine eige­nen schöp­fe­ri­schen Kräfte gesteckt hat und dem er sich nun unter­wirft, anstatt sich selbst in sei­nem Schöp­fungs­akt zu erle­ben.

Der Marx´sche Huma­nis­mus ist jeden­falls einer, der ange­sichts sich zuspit­zen­der sozia­ler, öko­no­mi­scher und öko­lo­gi­scher Kri­sen heute noch eine enorme Bri­sanz hat. Eine huma­nis­ti­sche Phi­lo­so­phie, die mit fort­schrei­ten­den Jah­ren eher an Prä­gnanz und Gül­tig­keit gewinnt als ver­liert; die stän­dig durch die Geschichte, das heißt auch durch die heu­tige Gegen­wart bestä­tigt wird, und die sehr genau beschrei­ben kann, was mit dem Men­schen und sei­ner Frei­heit heute geschieht. Diese Klar­sicht wollte Marx uns in ers­ter Linie hin­ter­las­sen, nicht die Revo­lu­tion. Fromms Buch Das Menschenbild bei Marx zeigt das auf ein­drück­li­che Art und Weise.

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Wei­tere Infor­ma­tio­nen:
  • Am 05. Mai 2018, sei­nem 200. Geburts­tag, eröff­net in Karl Marx´ Geburts­stadt Trier eine große Ausstellung zu Leben, Werk und Zeit des Phi­lo­so­phen
  • Auch das Karl-Marx-Haus, das der­zeit umfas­send reno­viert wird, öff­net am 05. Mai 2018 wie­der seine Pfor­ten für Besu­cher.
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