Braintertainment | Der Brief des US-amerikanischen Historikers, Soziologen und Bürgerrechtlers W.E.B. Du Bois an seine Tochter
Der Brief des US-amerikanischen Historikers, Soziologen und Bürgerrechtlers W.E.B. Du Bois an seine 14-jährige Tochter Yolande, in dem der erste schwarze Doktorand der Harvard University seinem Glauben an das Ideal der Selbstvervollkommnung durch Bildung Ausdruck verleiht und versucht, einen jungen Menschen auf den richtigen Weg zu bringen.
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Der Brief des US-ame­ri­ka­ni­schen His­to­ri­kers, Sozio­lo­gen und Bür­ger­recht­lers W.E.B. Du Bois an seine Toch­ter

"Glaube an das Leben! Die Menschen werden immer nach höheren Zielen und einem erfüllteren Leben streben."

Der US-ame­ri­ka­ni­sche Sozio­loge und Bür­ger­recht­ler W.E.B. Du Bois (1868−1963) war eine schil­lernde Figur – ein auf­stiegs­ori­en­tier­ter und pri­vi­le­gier­ter, manch­mal sogar eli­tä­rer Vor­zeige-Bür­ger, des­sen Haupt­werk über die „Seele der Schwar­zen“ von der Völ­ker­psy­cho­lo­gie Her­ders und Nietz­sches beein­flusst war; zugleich ein auf­op­fe­rungs­vol­ler Kämp­fer gegen Dis­kri­mi­nie­rung und Ras­sis­mus; als Bür­ger­recht­ler schwan­kend zwi­schen blo­ßer sozia­ler Reform und rich­ti­gem Kom­mu­nis­mus; gar ein Apo­lo­get Joseph Sta­lins, als nie­mand mehr auf die­ser Welt Sta­lin lobte; ein pro­mi­nen­ter Ver­tre­ter der pazi­fis­ti­schen Frie­dens­be­we­gung durch sein Ein­tre­ten gegen die Atom­bombe; ein ver­folg­ter US-Bür­ger unter Joe McCar­thy, dem für acht Jahre der Rei­se­pass ent­zo­gen wurde, und der schließ­lich ver­bit­tert über die Zustände in den USA nach Ghana aus­wan­derte.

Eines jedoch war Du Bois, der erste schwarze Dok­to­rand der Har­vard Uni­ver­sity, immer und zu jeder Zeit: ein vehe­men­ter Für­spre­cher der Bil­dung, ein Gläu­bi­ger der Kir­che des Wis­sens, ein Apos­tel der Selbst­ver­voll­komm­nung durch das Lesen und das Ver­ar­bei­ten mög­lichst viel­fäl­ti­ger Ein­drü­cke. Seine Hoff­nung auf einen Fort­schritt der Mensch­heit – allen Här­ten und Unbil­len zum Trotz – drückte sich in dem Satz aus:

Glaube an das Leben! Die Men­schen wer­den immer nach höhe­ren Zie­len und einem erfüll­te­ren Leben stre­ben.

W. E. B. Du Bois war ein führender US-amerikanischer Vertreter der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, Soziologe, Philosoph und Journalist.

Wil­liam Edward Burg­hardt „W. E. B.“ Du Bois (* 23. Februar 1868 in Great Bar­ring­ton, Mas­sa­chu­setts; † 27. August 1963 in Accra, Ghana) war ein füh­ren­der US-ame­ri­ka­ni­scher Ver­tre­ter der schwar­zen Bür­ger­rechts­be­we­gung, Sozio­loge, Phi­lo­soph und Jour­na­list.

Kein Wun­der also, dass Du Bois seine ein­zige Toch­ter Yolande Nina Du Bois (1900−1961) – ein wei­te­rer Sohn war früh ver­stor­ben – auf eine der pres­ti­ge­träch­tigs­ten und teu­ers­ten Pri­vat­schu­len Eng­lands schickte. An der Beda­les School, die mit der Päd­ago­gik Maria Montesso­ris expe­ri­men­tierte und über einen Schwer­punkt in Kunst und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten ver­fügte, wur­den Mäd­chen und Jun­gen bereits seit Ende des 19. Jahr­hun­derts gemein­sam unter­rich­tet. Yolande war bei ihrem Schul­an­tritt 1914 – in einer Zeit, als Frauen noch nicht das Wahl­recht besa­ßen und nur mit Aus­nah­me­ge­neh­mi­gun­gen an Uni­ver­si­tä­ten zuge­las­sen wur­den – eine unge­wöhn­li­che und unge­wöhn­lich pri­vi­le­gierte Figur an die­sem Élite-Inter­nat: weib­lich, schwarz, pro­mi­nent und wohl­ha­bend.

Ihr Vater wollte sicher­stel­len, dass seine jugend­li­che Toch­ter jede Gele­gen­heit ergriff, den größt­mög­li­chen Nut­zen aus die­ser ein­ma­li­gen und kost­spie­li­gen Gele­gen­heit zu zie­hen. Er wollte sicher­stel­len, dass sie sowohl ihre beson­de­ren Pri­vi­le­gien nicht zu hoch, als auch ihre all­ge­mei­nen mensch­li­chen Rechte nicht zu nied­rig ein­schätzte. Zu die­sem Zweck schrieb er ihr einen lie­be­voll-stren­gen und lebens­klu­gen Brief, der sie nach ihrer Ankunft in Eng­land erreichte. Nicht zu unter­schät­zen ist auch der Zeit­punkt, an dem all dies pas­sierte: kurz zuvor war der Erste Welt­krieg aus­ge­bro­chen.

Der Brief wurde bis­her nicht auf Deutsch ver­öf­fent­licht und fin­det sich in dem ins­ge­samt lesens­wer­ten eng­li­schen Band Posterity: Letters of Great Americans to Their Children. Darin sind u.a. auch die Briefe Albert Ein­steins und Eugene O´Neills an ihre Kin­der ent­hal­ten. In allen Brie­fen kom­men unwi­der­leg­li­che Wahr­hei­ten über Pri­vi­le­gien und Bil­dung zum Aus­druck, die durch die Jahr­zehnte sowohl die Eltern als auch die Kin­der beschäf­tig­ten. Über allem steht das Gebot, dass jede Art von Pri­vi­leg eigent­lich ein unver­dien­tes Glück ist, dass man sich im Nach­gang erst ver­die­nen muss.

Der 46-jäh­rige Du Bois schrieb am 29. Okto­ber 1914 an die 14-jäh­rige Yolande:

Liebste kleine Toch­ter,

Ich wollte abwar­ten, bis du gut ange­kom­men bist, bevor ich dir schreibe. Ich hoffe, mein klei­nes Mäd­chen hat sich schon etwas an die Fremde gewöhnt und arbei­tet hart und bestän­dig.

Natür­lich ist zu Beginn alles neu und unge­wohnt. Sicher ver­misst du das Moderne und die Geschäfts­tüch­tig­keit Ame­ri­kas. Mit der Zeit wirst du aber auch die Vor­züge der alten Welt ken­nen und schät­zen ler­nen: ihre Abge­klärt­heit und ihre Alters­weis­heit.
Erin­nere dich vor allem daran, meine Liebe, wel­che groß­ar­tige Mög­lich­keit sich dir bie­tet. Du besuchst eine der welt­weit bes­ten Schu­len in einem der welt­weit größ­ten Impe­rien. Mil­lio­nen von Jun­gen und Mäd­chen über­all auf der Welt wür­den bei­nahe alles dafür geben, in dei­ner Lage zu sein. Und du hast dir die­ses Pri­vi­leg nicht ver­dient, du hat­test ein­fach Glück.

Ver­su­che daher, es dir zu ver­die­nen. Stu­diere hart, erle­dige deine Arbei­ten. Sei ehr­lich, frei­mü­tig und furcht­los, und lerne etwas über die wah­ren Werte des Lebens. Natür­lich wirst du auf selt­same kleine Una­nehm­lich­kei­ten sto­ßen. Die Leute wer­den sich über deine dunkle Haut und das süße gekräu­selte Haar wun­dern. Doch das spielt keine Rolle und ist schnell wie­der ver­ges­sen. Denke daran, dass die meis­ten Men­schen über alle mög­li­chen unge­wöhn­li­chen Dinge lachen, egal ob sie schön und erha­ben sind oder nicht. Du selbst darfst jedoch nie­mals über dich lachen. Du musst wis­sen, dass schwarz genauso schön ist wie weiß, oder sogar schö­ner, und dass krau­ses Haar genauso in Ord­nung ist, auch wenn es schwe­rer zu käm­men ist. Das Ent­schei­dende bist DU unter den Kla­mot­ten und der Haut – deine Fähig­kei­ten und Bega­bun­gen, dein Erobe­rungs­drang, deine Wiss­be­gie­rig­keit, diese große, wun­der­bare und selt­same Welt ken­nen und ver­ste­hen zu ler­nen. Wei­che nicht vor neuen Erfah­run­gen oder frem­den Sit­ten zurück. Nimm tap­fer dein kal­tes Bad. Gewöhne dich an die Stim­mung im Schlaf­saal. Genieße, was da ist, und sehne dich nicht nach dem, was fehlt. Lies ein paar gute und wich­tige dicke Wäl­zer – aus purer Selbst­dis­zi­plin. Nimm dich selbst an die Hand und lerne dich zu beherr­schen. Schre­cke nicht vor unan­ge­neh­men Din­gen zurück – so gewinnst du die Ober­hand über deine Seele.

Vor allem, denke daran: dein Vater liebt dich und glaubt an dich und rech­net damit, dass aus dir eine wun­der­bare erwach­sene Frau wird.

Ich werde jede Woche schrei­ben und erwarte eben­falls wöchent­li­che Briefe von dir.

In Liebe,
Papa

Yolande Du Bois

Yolande Du Bois

Auch nach ihrer Schul­zeit in Eng­land galt Yolande in New York wegen ihres pro­mi­nen­ten Vaters als eine der begehr­tes­ten schwar­zen Jung­ge­sel­lin­nen ihrer Zeit. Für kurze Zeit hatte sie eine hef­tige Lie­bes­af­färe mit Jim­mie Lunce­ford, einem jun­gen Band­lea­der, der in den Jazz-Clubs von Har­lem auf­trat. Doch ihr Vater dul­dete keine ein­fa­chen Musi­ker im Stamm­baum und befahl ihr, die Bezie­hung zu been­den. Und er stellte noch andere Wei­chen für ihren gesell­schaft­li­chen Auf­stieg. Zum Bei­spiel bezahlte er die Gebüh­ren für ihre Mit­glied­schaft in der Stu­den­tin­nen­ver­bin­dung „Delta Sigma Theta“, die 1913 erst­mals Auf­merk­sam­keit erregt hatte, als sie am Marsch der Suf­fra­get­ten in Washing­ton D.C. für das Frau­en­wahl­recht demons­trierte. Yolande Du Bois arbei­tete da bereits als Geschichts­leh­re­rin an einer High School und betä­tigte sich eben­falls zeit­weise als poli­ti­sche Akti­vis­tin.

1928 hei­ra­tete sie den Schrift­stel­ler der „Har­lem Renais­sance“ Coun­tee Cul­len, den ihr Vater nicht zuletzt des­halb akzep­tierte, weil er der­sel­ben Stu­den­ten­ver­bin­dung (Phi Alpha Phi) ange­hörte. Die Ehe wurde aber bereits 1930 wie­der geschie­den. Auch die Ehe mit dem Foot­ball-Spie­ler Arnette Fran­k­lin Wil­liams, aus der eine Toch­ter her­vor­ging, war nur von kur­zer Dauer und wurde 1936 wie­der auf­ge­löst. 1961 starb Yolande Du Bois mit „nur“ 61 Jah­ren. Ihr 93-jäh­ri­ger Vater hin­ge­gen war noch am Leben, was ihn zu den bit­te­ren Wor­ten ver­an­lasste:

Warum nur? Ich bin so alt. Yolande hatte noch so viel Leben vor sich. Warum soll sie gehen und ich blei­ben?

W.E.B. Du Bois hielt nun nichts mehr in Ame­rika. Von vie­len sei­ner Kol­le­gen in der NAACP (der Natio­na­len Orga­ni­sa­tion für die För­de­rung far­bi­ger Men­schen) war er ohne­hin bit­ter ent­täuscht und ent­frem­det, weil sie ihn wäh­rend der Ver­fol­gung in der McCar­thy-Ära und bei sei­nem Sozia­lis­ten-Pro­zess (1951) nicht rich­tig unter­stützt hat­ten – im Gegen­satz zu Albert Ein­stein. Bereits 1958 hatte Du Bois sei­nen Pass zurück­er­hal­ten und Rei­sen in die kom­mu­nis­ti­sche Sowjet­union und ins mao­is­ti­sche China unter­nom­men. Nicht zuletzt wegen sei­ner äußerst wun­der­li­chen Sta­lin-Eloge 1953 wurde er im Ost­block mit flie­gen­den Fah­nen emp­fan­gen. Es folg­ten Rei­sen in den gerade neu gegrün­de­ten Staat Ghana und nach Nige­ria.

1961 – im Todes­jahr sei­ner Toch­ter – trat er aus Wut über einen Gesetz­ge­bungs­vor­gang in den USA in die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ein. Im glei­chen Jahr lud ihn Kwame Nkru­mah, ers­ter Prä­si­dent Gha­nas und lang­jäh­ri­ger Mit­strei­ter in der pan­afri­ka­ni­schen Bewe­gung, nach Ghana ein, um dort das monu­men­tale inter­na­tio­nale For­schungs­pro­jekt der „Ency­clo­pe­dia Afri­cana“ zu lei­ten. Du Bois wil­ligte ein und ließ sich dau­er­haft in Ghana nie­der. Seine Ver­bit­te­rung über die USA brachte Du Bois deut­lich in einem Brief an sei­nen Freund Grace Goens vom 13. Sep­tem­ber 1961 zum Aus­druck:

Ich ertrage die Behand­lung durch die­ses Land [USA] nicht mehr. Wir rei­sen am 5. Okto­ber nach Ghana – ohne Rück­ti­cket… Kopf hoch und führt den Kampf wei­ter. Aber die­sen Kampf kön­nen die schwar­zen Ame­ri­ka­ner nicht gewin­nen.

National Mall in Washington, D.C., 1963: Menschenmenge bei der Abschlusskundgebung des Marsches auf Washington

Marsch auf Washing­ton – Natio­nal Mall in Washing­ton, D.C., 1963: Men­schen­menge bei der Abschluss­kund­ge­bung

Als ihm 1963 die ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung die Erneue­rung sei­nes Rei­se­pas­ses ver­wei­gerte, nahm er kur­zer­hand die gha­nai­sche Staats­bür­ger­schaft an. Kurz dar­auf starb er, Ende August 1963, nur einen Tag vor dem Marsch auf Washing­ton, bei dem Mar­tin Luther King seine berühmte Rede „I have a dream“ hielt. Die Menge in Washing­ton hatte die Kunde vom Tode Du Bois´ schon erhal­ten und ehrte ihn mit einer Schwei­ge­mi­nute.

Die Früchte sei­nes uner­müd­li­chen Ein­sat­zes für die Bür­ger­rechte der Schwar­zen sollte Du Bois – viel­leicht ein zu früh Gebo­re­ner, der sei­ner Zeit zu weit vor­aus war – nicht mehr erle­ben. Der „Civil Rights Act“ von 1964 setzte nur ein Jahr nach sei­nem Tod viele der Refor­men um, für die Du Bois wäh­rend sei­nes lan­gen Lebens gestrit­ten hatte.

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