Braintertainment | Theodor W. Adorno über die Frage, warum Menschen für Hetze empfänglich sind
Die Autoritarismusstudien von Theodor W. Adorno und vielen anderen Forschern aus dem Umkreis der Frankfurter Schule sind zwar bald 70 Jahre alt, aber stellenweise noch hochaktuell. Sie mahnen zur äußersten Wachsamkeit.
Theodor W. Adorno, Frankfurter Schule, Kritische Theorie, Autoritarismus, Faschismus
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Theo­dor W. Adorno über die Per­sön­lich­keits­struk­tur dem­ago­gi­scher Het­zer und ihre psy­cho­lo­gi­schen Tricks

Faschistische Agitatoren verschaffen den Menschen jene irrationale Genugtuung, die ihnen durch die heutigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse vorenthalten wird.

Studien zum Autoritären CharakterVn Georg Lukács stammt das Bon­mot (aus dem Jahr 1962), die Mit­glie­der der Frank­fur­ter Schule leb­ten bequem in einem „Grand Hotel Abgrund“, von des­sen Ter­rasse aus sie bei einem guten Getränk das Elend der Welt besprä­chen. Er warf ihnen im Grunde die Miss­ach­tung von Karl Marx´ berühm­ter Maxime vor: „Die Phi­lo­so­phen haben die Welt nur ver­schie­den inter­pre­tiert, es kommt dar­auf an, sie zu ver­än­dern.“ (Adorno wie­derum hatte Lukács 1961 mit der Bemer­kung gefoppt, die­ser rede über Nietz­sche so über­heb­lich wie ein „wil­hel­mi­ni­scher Pro­vin­zi­al­schul­rat“.)

Lukács´ Kri­tik an der kri­ti­schen Theo­rie war zugleich treff­si­cher und über­zo­gen, ebenso wie Marx´ Gene­ral­ab­rech­nung mit der Phi­lo­so­phie. Natür­lich weht oft ein Hauch von poli­ti­scher Resi­gna­tion und gemüt­li­chem Eska­pis­mus um den aka­de­mi­schem Elfen­bein­turm, das ist schon zu kri­ti­sie­ren. Nach moder­nem Ver­ständ­nis gibt es eine gewisse Arbeits­tei­lung zwi­schen Theo­rie und Pra­xis. Aber die Sphä­ren von Macht und Den­ken sind nicht strikt getrennt. Auf antike Den­ker wie Pla­ton und Poli­ti­ker wie Seneca oder Marc Aurel geht die Vor­stel­lung zurück, dass ein Aus­tausch zwi­schen bei­den Sphä­ren wün­schens­wert ist. Nicht jeder bril­lante Ana­ly­ti­ker muss sich gleich ins „Schlacht­ge­tüm­mel“ wer­fen, aber er sollte den­noch die prak­ti­schen Begren­zun­gen des Lebens und der Welt ken­nen. Und jedem macht­be­wuss­ten Polit­ker würde es sicher­lich nicht scha­den, sich ein­mal mit ethi­schen Grund­pro­ble­men zu beschäf­ti­gen.

Max Horkheimer und Theodor Adorno auf dem Max-Weber-Soziologentag 1964 in Heidelberg [© Jjshapiro | CC-BY-SA-3.0]

Max Hork­hei­mer und Theo­dor Adorno auf dem Max-Weber-Sozio­lo­gen­tag 1964 in Hei­del­berg

Irgend­wie hatte Lukács auch Recht, wenn er das Niveau der Frank­fur­ter Schule Anfang der sech­zi­ger Jahre kri­ti­sierte. Das eins­tige Flagg­schiff der deut­schen Sozi­al­for­schung ruhte sich nicht nur sei­ner Mei­nung nach etwas zu sehr auf alten Lor­bee­ren aus. Im erstarr­ten gesell­schaft­li­chen Klima Nach­kriegs­deutsch­lands hat­ten die inzwi­schen um die sech­zig­jäh­ri­gen Pro­fes­so­ren ein biss­chen ihren „Drive“ ver­lo­ren. Die gro­ßen Namen zogen zwar immer noch viel Auf­merk­sam­keit auf sich. Doch Hork­hei­mer gab sich Mühe, das Insti­tut zu ent­ra­di­ka­li­sie­ren, und Adorno wid­mete sich vor allem sei­nen ästhe­tisch-theo­re­ti­schen Pro­jek­ten. Die rele­vante sozio­lo­gi­sche For­schung aber fand in Ame­rika statt.

Die­ser prak­tisch-phi­lo­so­phi­sche „Drive“ war in der Früh- und die Exil­phase des Frank­fur­ter Insti­tuts noch vor­han­den. Die emi­grierte „deut­sche Intel­li­gen­sia“ (Lukács) trieb in New York, Ber­ke­ley und Los Ange­les gemein­sam mit ame­ri­ka­ni­schen Kol­le­gen bahn­bre­chende Stu­dien voran – unter dem alles beherr­schen­den Ein­druck der Ver­führ­bar­keit des Men­schen durch Faschis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus. Man ver­knüpfte die psy­cho­lo­gi­schen und sozio­lo­gi­schen Rea­li­tä­ten der Men­schen erst­mals auf Basis von qua­li­ta­ti­ven und quan­ti­ta­ti­ven Erhe­bun­gen. Zu die­sen Stu­dien zählt auch Ador­nos kleine Ana­lyse über Die psy­cho­lo­gi­sche Tech­nik in Mar­tin Luther Tho­mas´ Rund­funk­re­den – 1950 im Rah­men des Mam­mut-Werks The Authoritarian Personality ver­öf­fent­licht (das nie voll­stän­dig auf Deutsch her­aus­ge­ge­ben wurde). Auf Deutsch ist sie in dem Adorno-Band Studien zum autoritären Charakter ent­hal­ten.

Theodor W. Adorno, Zeichnung von Leandro Gonzalez de Leon [© Primitivojumento | CC-BY-SA-3.0]

Theo­dor W. Adorno, Zeich­nung von Lean­dro Gon­za­lez de Leon

Theo­dor W. Adorno (11. Sep. 1903 – 6. Aug. 1969) hatte sich nach der Emi­gra­tion aus Deutsch­land jeweils ein paar Jahre in Oxford (1934 – 1938) und New York (1938 – 1941) auf­ge­hal­ten und lebte im Anschluss in Kali­for­nien (1941 – 1949). Als Teil der soge­nann­ten „Los-Ange­les-Gruppe“ der Frank­fur­ter Schule arbei­tete er dort mit Max Hork­hei­mer an der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, die 1947 erschien. In der­sel­ben Zeit wur­den von Adorno und eini­gen ande­ren Mit­ar­bei­tern unter dem Arbeits­ti­tel „Psy­cho­lo­gie destruk­ti­ver Ten­den­zen in der zivi­li­sier­ten Gesell­schaft“ auch Reden und Arti­kel faschis­ti­scher ame­ri­ka­ni­scher Agi­ta­to­ren der drei­ßi­ger Jahre zusam­men­ge­stellt. Leo Löwen­thal, der sich 1943 für einige Monate in Los Ange­les auf­hielt, steu­erte eine Ana­lyse über den Faschis­ten und Anti­se­mi­ten George Alli­son Phelps bei und besorgte spä­ter die sozio­lo­gi­sche Auf­ar­bei­tung des gesam­ten Mate­ri­als in sei­nem Werk Fal­sche Pro­phe­ten. Stu­dien zum Auto­ri­ta­ris­mus.

Anlass all die­ser Stu­dien war das ab 1943 gemein­sam von der Uni­ver­sity of Ber­ke­ley und dem Insti­tute of Social Rese­arch betrie­bene groß­an­ge­legte For­schungs­pro­jekt zum Thema Anti­se­mi­tis­mus unter der Lei­tung der Sozi­al­psy­cho­lo­gen R. Nevitt San­ford und Daniel J. Lev­in­son. Ziel der Stu­dien war es, die psy­cho­lo­gisch-retho­ri­schen „Tricks“ faschis­ti­scher Agi­ta­to­ren auf­zu­de­cken und deren Publi­kum durch eine auch für Laien ver­ständ­li­che Dar­stel­lung der wis­sen­schaft­li­chen Ergeb­nisse gegen die Het­zer zu immu­ni­sie­ren, also – ganz im Sinne von Lukács oder auch Marx – prak­ti­sche Auf­klä­rung zu leis­ten.

Renais­sance der Dem­ago­gie im 21. Jahr­hun­dert

Fast for­ward in unsere Gegen­wart: In der gesell­schaft­li­chen Eupho­rie der 90er und frü­hen 00er Jahre schien es so, als ob Faschis­mus und Anti­se­mi­tis­mus für alle Zeit besiegt seien. Die eins­ti­gen Haupt­the­men der Frank­fur­ter Schule gehör­ten zu einem ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert. Doch es ist nicht zu über­se­hen: Nach der Ernüch­te­rung durch (islamo-)faschistischen Ter­ror und neue west­li­che Kriege, durch ver­fehlte neo­li­be­rale Wirt­schafts­po­li­tik und die welt­weite Finanz­krise, klopft das Gespenst des Auto­ri­ta­ris­mus wie­der an die Türe der Welt­ge­schichte. Die Wahl Donald Trumps in den USA ist dafür ein Indiz, ebenso die vie­len ande­ren Agi­ta­to­ren und Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, die in allen west­li­chen Län­dern aus dem Boden sprie­ßen.

In den USA gehö­ren dazu vor allem die radi­kale Alt-Right-Bewe­gung mit ihren Red­dit-Foren und ihrem Think Tank „Natio­nal Policy Insti­tute“, das „Breit­bart News Net­work“ des ultra­rech­ten Trump-Bera­ters Steve Ban­non, und der chau­vi­nis­ti­sche Radio­mo­de­ra­tor und Unter­neh­mer Alex Jones (mit sei­nem Unter­neh­men „Info​Wars​.com“ und der „Alex Jones Show“). Der ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Michael Bar­kun bezeich­net Jones als den „füh­ren­den ame­ri­ka­ni­schen Ver­schwö­rungs­un­ter­neh­mer der Gegen­wart“. In Öster­reich for­miert sich die neo-ras­sis­ti­sche „Iden­ti­täre Bewe­gung“. In Ost­eu­ropa gibt es stark christ­lich-faschis­tisch geprägte Abwehr­be­we­gun­gen gegen mus­li­mi­sche Flücht­linge.

In Deutsch­land bie­tet sich ein ähn­li­ches Bild. Hier tum­meln sich neben Pegida und AfD die ver­schie­de­nen Autoren des Kopp-Ver­lags, Jür­gen Elsäs­ser mit sei­nem Maga­zin „Com­pact“, der Fern­seh- und Rund­funk­mo­de­ra­tor Ken Jeb­sen mit sei­nem Online-Sen­der „KenFM“, sowie einer Vor­den­ker der „Iden­ti­tä­ten Bewe­gung“, Götz Kubit­schek, mit sei­nem schein­wis­sen­schaft­li­chen „Insti­tut für Staats­po­li­tik“, das dreis­terweise die Logo-Typo­gra­phie des Frank­fur­ter Insti­tuts für Sozi­al­for­schung nach­ahmt – also eines Insti­tuts, das die Nazis in Deutsch­land ver­bo­ten haben. In fast allen ande­ren euro­päi­schen Län­dern gibt es ver­gleich­bare Bewe­gun­gen und Per­sön­lich­kei­ten.

Alle diese Dem­ago­gen und Pro­pa­gan­dis­ten pfle­gen ihre anti­de­mo­kra­ti­schen Ver­schwö­rungs­theo­rien und ihre ver­meint­li­che Opfer­rolle im Staat, füh­len sich in aller Regel als „Weiße“ dis­kri­mi­niert. Sie insze­nie­ren sich, wie Die­ter Groh 1987 schrieb, als „gute Men­schen, denen Böses zustößt“. Da sie sich unter­drückt füh­len, glau­ben sie sich zu einer Gegen­re­ak­tion beru­fen. Den zu bekämp­fen­den Unter­drü­cker-Staat stel­len sie als über­mäch­tig und über­le­gen und gleich­zei­tig als schwach und ver­dor­ben dar. Je lau­ter ihre Gegen­re­ak­tion aus­fällt, desto wider­sprüch­li­cher erschei­nen auch sie selbst: gegen die schwere Last ihrer Opfer­kom­plexe weh­ren sie sich mit Ges­ten der Macht.

Dar­über hin­aus bekla­gen die Agi­ta­to­ren das angeb­li­che Mono­pol der „Staats­me­dien“ und suchen sich alter­na­tive Ver­brei­tungs­ka­näle. In den 1930er Jah­ren, zu Beginn des Zeit­al­ters der Mas­sen­me­dien, erfüllte diese Funk­tion das Radio. Heute sind moderne Dem­ago­gen auf ihren eige­nen Web­sites, auf You­Tube und in ande­ren sozia­len Netz­wer­ken aktiv. Man­che erhal­ten von soge­nann­ten alter­na­ti­ven Medien wie dem rus­si­schen Nach­rich­ten­un­ter­neh­men „Rus­sia Today“ Raum für ihre kru­den Theo­rien.

Es ist erschre­ckend, wie sehr die psy­cho­lo­gisch-rhe­to­ri­schen „Tricks“ unse­rer heu­ti­gen Agi­ta­to­ren ihren Vor­gän­gern aus den drei­ßi­ger Jah­ren ähneln. Daher über­rascht es auch kaum, dass die sozio­lo­gi­schen Ana­ly­sen der ame­ri­ka­ni­schen und deut­schen For­scher aus den 1940er Jah­ren stel­len­weise hoch­ak­tu­ell sind.

Theodor W. Adorno, Zeichnung von Arturo Espinosa [© Arturo Espinosa | Public Domain]

Theo­dor W. Adorno, Zeich­nung von Arturo Espi­nosa

Die heute ver­ges­sene Per­son Mar­tin Luther Tho­mas, mit der sich Adorno Anfang der 1940er Jahre beschäf­tigte, war in den drei­ßi­ger Jah­ren ein in den USA bekann­ter faschis­ti­scher Dem­agoge aus dem Umfeld der „christ­li­chen Rech­ten“, ins­be­son­dere pres­by­te­ria­ni­scher Wie­der­erwe­ckungs­kir­chen – ein kaum ver­hoh­le­ner Anti­se­mit und Ras­sist, der sich durch Pre­dig­ten in sei­ner Kir­che, vor allem aber durch Anspra­chen im Radio an seine Gefolg­schaft wen­dete.

Adorno teilte seine Ana­lyse die­ser Per­son in vier Teile auf: Ers­tens die „Selbst­cha­rak­te­ri­sie­rung des Agi­ta­tors“ und mit wel­chen Tricks er seine Erschei­nung mani­pu­liert. Zwei­tens die spe­zi­fi­sche „Methode“ sei­ner Pro­pa­ganda. Drit­tens die Beson­der­heit von „Reli­gion als Medium“ sei­ner Dem­ago­gie. Und schließ­lich vier­tens eine Dar­stel­lung der Ele­mente sei­ner „Ideo­lo­gi­schen Hetze“. Das vierte Kapi­tel war im Ori­gi­nal abwei­chend als „Ideo­lo­gi­cal Bait“ beti­telt – also als der „Ideo­lo­gi­sche Köder“, den der Dem­agoge aus­wirft.

Ein wie­der­keh­ren­des Motiv in Ador­nos Ana­lyse ist der sich auf­drän­gende Ver­gleich des „christ­li­chen Faschis­ten“ Mar­tin Luther Tho­mas mit dem „nihi­lis­ti­schen Faschis­ten“ Adolf Hit­ler, was sie nur noch inter­es­san­ter macht, zumal auch die Unter­schiede zwi­schen bei­den Typen von Agi­ta­to­ren deut­lich wer­den. Die Stu­die lie­fert einen drei­fa­chen Mehr­wert: sie ent­hält Ansätze zu einer Theo­rie des Faschis­mus und des Anti­se­mi­tis­mus, lie­fert eine Methode zur Ana­lyse von moder­nen Mas­sen­me­dien und ver­gleicht nicht zuletzt die poli­ti­sche Kul­tur auf bei­den Sei­ten des Atlan­tiks.

Obwohl Adorno häu­fig an der Ober­flä­che der „psy­cho­lo­gi­schen Tech­nik“ bleibt, lotet er auch die tie­fere per­sön­li­che Psy­cho­lo­gie sowohl des faschis­ti­schen Füh­rers wie der von ihm erreich­ten Zuhö­rer aus. Gerade das ist eine Stärke sei­ner rela­tiv kur­zen Stu­die, in der das Res­sen­ti­ment sozu­sa­gen im lau­fen­den „Betrieb“ dar­ge­stellt wird. Eine voll­stän­dige Ana­lyse z.B. des Anti­se­mi­tis­mus gedachte Adorno in ande­ren Arbei­ten nach­zu­lie­fern (und tat dies mit dem Anti­se­mi­tis­mus-Kapi­tel in der gemein­sam mit Hork­hei­mer ver­fass­ten Dia­lek­tik der Auf­klä­rung).

Die Psy­cho-Tech­nik auto­ri­tä­rer Agi­ta­to­ren hat sich kaum ver­än­dert

Wie Adorno die Ziel­gruppe von Mar­tin Luther Tho­mas defi­niert, ent­spricht erschre­ckend genau der Anhän­ger­schaft von US-Prä­si­dent Donald Trump im Bible-Belt, im Mitt­le­ren Wes­ten und aus dem Reser­voir der soge­nann­ten „white trash“, also der wei­ßen unte­ren Mit­tel­schicht:

[Tho­mas] ist wohl­un­ter­rich­tet über die Mani­pu­la­tion des eige­nen Ichs für pro­pa­gan­dis­ti­sche Zwe­cke und hat die Hit­ler­sche Ent­hül­lungs- und Bekennt­nis­tech­nik dem ame­ri­ka­ni­schen Schau­platz und den emo­tio­na­len Bedürf­nis­sen sei­nes Publi­kums – den älte­ren und alten Ange­hö­ri­gen der unte­ren Mit­tel­klasse mit einem streng bibel­gläu­bi­gen oder sek­tie­re­ri­schen Hin­ter­grund – geschickt ange­passt.

Der „Faschis­ten­füh­rer“ spricht „die Spra­che des Vol­kes“ und neigt „zu geschwät­zi­gen Erklä­run­gen über die eigene Per­son“. Er ver­mei­det und ver­leum­det jeden objek­ti­ven Dis­kurs inklu­sive der Ver­pflich­tung zur Wahr­heit und zu Fak­ten – aber nicht wegen per­sön­li­cher Unfä­hig­keit, Stu­pi­di­tät oder Gefühls­schwä­che, son­dern aus purer Berech­nung. Er redet sich in Rage und ges­ti­ku­liert und zeigt sein Tem­pe­ra­ment, weil er weiß, dass „kalte“ objek­tive Argu­mente bei sei­nen Zuhö­rern das Gefühl der Unter­le­gen­heit und des Aus­ge­lie­fert­seins ver­stär­ken wür­den. Adorno spricht ähnlich wie Erich Fromm von einem „Gefühl der Ver­zweif­lung, der Iso­lie­rung und Ein­sam­keit, unter dem im Grunde jedes Indi­vi­duum heute lei­det“, und „dem es zu ent­kom­men trach­tet, wenn es öffent­li­chen Anspra­chen zuhört“.

Die Faschis­ten haben das begrif­fen, ihre Spra­che ist per­sön­lich.

Raf­fi­niert wer­den die Men­schen zu der Über­zeu­gung gebracht, dass die Initia­tive bei ihnen liegt und bei ihrem Vor­bild, dem Red­ner.

Dabei lebt der Faschis­mus und der faschis­ti­sche Agi­ta­tor von einem „Man­gel an emo­tio­na­ler Befrie­di­gung in der Indus­trie­ge­sell­schaft“ und „ver­schafft den Men­schen jene irra­tio­nale Genug­tu­ung […], die ihnen durch die heu­ti­gen sozia­len und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nisse vor­ent­hal­ten wird“.

Je unper­sön­li­cher unsere gesell­schaft­li­che Ord­nung ist, desto bedeu­tungs­vol­ler wird Indi­vi­dua­li­tät als Ideo­lo­gie. Je aus­schließ­li­cher der Ein­zelne auf das bloße „Räd­chen im Getriebe“ redu­ziert wird, desto nach­drück­li­cher muss als Aus­gleich für seine Ohn­macht die Idee sei­ner Ein­zig­ar­tig­keit, sei­ner Auto­no­mie und sei­ner Wich­tig­keit unter­stri­chen wer­den.

[Im Grunde dient Tho­mas´] ganze geschau­spie­lert per­sön­li­che Hal­tung […] einer Art emo­tio­na­lem Aus­gleich für das kalte, selbst­ent­frem­dete Leben der meis­ten Men­schen und ins­be­son­dere der zahl­lo­sen iso­lier­ten Indi­vi­duen der unte­ren Mit­tel­schicht.

Die­ser „Gefühls-Befrei­ungs-Trick“, wie Adorno ihn nennt, ist ein­fach und er funk­tio­niert – auch heute noch. Indem der faschis­ti­sche Anfüh­rer Werte wie Selbst­be­herr­schung dis­kre­di­tiert, spricht er direkt ein Gefühl an, das seine Zuhö­rer ken­nen, näm­lich das­je­nige des Kon­troll­ver­lusts und der Auf­gabe des kohä­ren­ten Selbst­be­wusst­seins von auto­no­men Teil­neh­mern am Sozi­al­le­ben. Genom­men wird den Men­schen ihre Eigen­stän­dig­keit, ihre Indi­vi­dua­li­tät und ihr Stolz – ins­be­son­dere durch die Zumu­tun­gen der Indus­trie­ge­sell­schaft und den damit ein­her­ge­hen­den Zwang zur Kon­for­mi­tät und Unter­ord­nung. Die Indi­vi­duen wer­den gezwun­gen, sich nicht nur öko­no­misch, son­dern auch psy­cho­lo­gisch dem Markt aus­zu­lie­fern, um zu über­le­ben. Mit ihrem Stolz ver­lie­ren sie ihre Hem­mun­gen. Der selbst auf­er­legte Wille zu Kon­trolle und Beschei­den­heit ver­kehrt sich in das unter­drückte Bedürf­nis, end­lich die Ket­ten spren­gen und die eige­nen Gefühle „befreien“ zu dür­fen.

Adorno ver­gleicht die „Tricks“ des Agi­ta­tors mit dem von Walt­her Moede und ande­ren auf die indus­tri­elle Moderne ange­wand­ten Begriff der „Psy­cho-Tech­nik“. Gemeint ist damit ein Phä­no­men der ratio­nel­len Orga­ni­sa­tion in moder­nen Fabri­ken und Büros – ein aus­ge­klü­gel­tes Sys­tem von „Zucker­brot und Peit­sche“, also von Beloh­nun­gen und Zumu­tun­gen, bei denen mit den irra­tio­na­len Gefüh­len der Men­schen unter­neh­me­risch-ratio­nal geplant wird, um sie für die Welt der Arbeit und der Pro­duk­tion ver­füg­bar zu machen und ver­füg­bar zu hal­ten.

Der Agi­ta­tor erfüllt die­sen Wunsch zunächst als Stell­ver­tre­ter, ermu­tigt seine Zuhö­rer aber immer auch, es ihm nach­zu­tun – sei es sofort oder in der Zukunft. Man wird unwei­ger­lich an Sze­nen im US-Wahl­kampf 2016 erin­nert, als Donald Trump sein Publi­kum zu einem ein­heit­li­chen, fre­ne­ti­schen Sprech­chor mit den Wor­ten „Lock her up!“ auf­peitschte – also „Sperrt sie ein!“, womit seine Kon­kur­ren­tin Hil­lary Clin­ton gemeint war. Und in den­sel­ben Zusam­men­hang ord­nen sich Äuße­run­gen von AfD-Poli­ti­kern in der Art von „Wir wer­den sie jagen“ im deut­schen Bun­des­tags­wahl­kampf 2017 ein.

Der Effekt des Tricks ist […] die auf­ge­zeig­ten Reak­tio­nen […] gesell­schaft­lich akzep­ta­bel zu machen, ein schon wan­ken­des Tabu auf­zu­he­ben und den Men­schen das Gefühl zu geben, das sozial Rich­tige zu tun, wenn sie ihre Selbst­be­herr­schung fah­ren las­sen.

...
Der Dem­agoge insze­niert sich als guter Mensch, dem Böses zustößt

In der Ver­si­che­rung sei­ner Unab­hän­gig­keit und Unbe­stech­lich­keit vari­iert der ame­ri­ka­ni­sche Agi­ta­tor Mar­tin Luther Tho­mas ein Motiv Hit­lers, der gera­dezu obses­siv behaup­tete, nie­man­dem Rechen­schaft schul­dig zu sein und seine „Bewe­gung“ quasi im Allein­gang, aus eige­nen Mit­teln und aus klei­nen Spen­den sei­ner Anhän­ger zu finan­zie­ren. Adorno nennt das den „Ein­sa­mer-Wolf-Trick“ und zitiert Mar­tin Luther Tho­mas:

„Ich habe keine Gön­ner, und kein Poli­ti­ker steckte jemals einen Dol­lar in diese Bewe­gung.“ […]

Adorno meint dazu:

Die Erklä­rung [...] läuft auf die Behaup­tung hin­aus, dass die eige­nen Aus­füh­run­gen [...] noch nicht von mono­po­lis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen diri­giert sind.

Dies erin­nert frap­pie­rend an die wie­der­holte Ver­si­che­rung Donald Trumps, er finan­ziere sei­nen Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf selbst und sei daher unab­hän­gig – ganz im Gegen­satz zu sei­ner Kon­kur­ren­tin Clin­ton, hin­ter der angeb­lich die Inter­es­sen von Wall-Street-Ban­ken stün­den. Tat­säch­lich sam­melte Donald Trump nur rund halb so viele Wahl­kampf­gel­der ein wie Hil­lary Clin­ton, dar­un­ter aber auch Groß­spen­den von Kon­zer­nen, und gele­gent­lich ging ihm das Geld aus. Und er erhielt bei wei­tem nicht so viele kleine Spen­den von sei­nen Anhän­gern wie behaup­tet.

All diese Stra­te­gien die­nen noch einem wei­te­ren Zweck, den Adorno den „Trick der ver­folg­ten Unschuld“ nennt. Faschis­ti­sche Füh­rer stel­len sich selbst immer als das Opfer von zwar eben­bür­ti­gen oder sogar über­le­ge­nen, aber mora­lisch schwä­che­ren Geg­nern dar. Statt der mäch­ti­gen Insti­tu­tio­nen und Per­so­nen aus Poli­tik und Wirt­schaft steht hin­ter dem Agi­ta­tor nur die breite Masse des angeb­lich mani­pu­lier­ten und unter­drück­ten Volks­wil­lens. Geschickt stellt er es so dar, dass er sich als des­sen Stell­ver­tre­ter gerne ver­fol­gen und bekämp­fen lässt – um des heh­ren Ziels wegen, die Mani­pu­la­tion der Mäch­ti­gen auf­zu­de­cken:

Die Dif­fa­mie­rung der Mani­pu­la­tion ist das Mit­tel zur Mani­pu­la­tion.

Dazu pas­send bau­schen Agi­ta­to­ren ihre eigene Reich­weite in der Bevöl­ke­rung auf:

Wäh­rend sie mit dem all­ge­mei­nen Miss­trauen gegen die Mani­pu­la­tion durch die gegen­wär­ti­gen Mächte in [...]Medien und in der Par­tei­po­li­tik spie­len, sug­ge­rie­ren sie [...], dass tat­säch­lich sehr viel hin­ter ihnen steht, näm­lich die wirk­li­chen Kräfte, die den offi­zi­el­len Macht­ha­bern ent­ge­gen­ar­bei­ten.

Wer fühlt sich nicht an die Behaup­tung Donald Trumps erin­nert, an sei­ner Inau­gu­ra­ti­ons­feier hät­ten mehr Men­schen teil­ge­nom­men als an der Ver­ei­di­gung Barack Oba­mas? Ein „false fact“, der anhand von Fotos leicht als reine Auf­schnei­de­rei oder Lüge zu ent­lar­ven ist.

Und wer erin­nert sich bei Ador­nos fol­gen­der Aus­sage nicht an Donald Trumps per­ma­nente Ver­leum­dung Clin­tons als „Betrü­ge­rin“?

Da Tho­mas selbst, wie sei­nes­glei­chen, alle Merk­male des poli­ti­schen Schwind­lers trägt, ist er um so ängst­li­cher dar­auf bedacht, das Odium des Poli­ti­ker­be­rufs auf jene abzu­wäl­zen, von denen er sich abzu­son­dern vor­gibt. Je hef­ti­ger er Betrü­ge­reien anpran­gert, um so weni­ger glaubt er für einen Betrü­ger gehal­ten zu wer­den.

Adorno wei­ter:

Eines der auf­fäl­ligs­ten Kenn­zei­chen faschis­ti­scher [...] Pro­pa­gan­dis­ten ist die gera­dezu zwang­hafte Beschul­di­gung ihrer Opfer des­sen, was sie selbst tun oder zu tun vor­ha­ben. Auf­gabe der Gegen­pro­pa­ganda wäre es, ihnen dies kon­kret nach­zu­wei­sen.

Wer fühlt sich da nicht an den US-Prä­si­den­ten erin­nert, der von Russ­land-Ver­bin­dun­gen und damit dem Vor­wurf des Lan­des­ver­rats abzu­len­ken ver­sucht, indem er auf einer E-Mail-Affäre sei­ner Kon­tra­hen­tin her­um­rei­tet und deren angeb­li­chen Lan­des­ver­rat anpran­gert. Wer fühlt sich nicht an regel­mä­ßige Tweets des US-Prä­si­den­ten erin­nert, in denen die­ser sei­nen Geg­nern exakt das zurück­wirft, was sie ihm vor­wer­fen? Gepaart mit der Schwie­rig­keit, die­ses Repe­tier­ge­wehr der soge­nann­ten „alter­na­ti­ven Fak­ten“ mit den Mit­teln von Recher­che und „Gegen­pro­pa­ganda“ zum Schwei­gen zu brin­gen.

Schließ­lich weist der faschis­ti­sche Agi­ta­tor pene­trant auf seine eigene Opfer­be­reit­schaft hin. Er inves­tiere gera­dezu über­mensch­lich viel Ener­gie in „die gemein­same Sache“, so dass er schein­bar mit Fug und Recht das­selbe Maß an Akti­vi­tät von sei­nen Zuhö­rern ein­for­dern darf. Adorno nennt diese beson­ders raf­fi­nierte Beein­flus­sungs­tech­nik den „Trick der Uner­müd­lich­keit“, der viel wei­ter geht als das pro­tes­tan­ti­sche Arbeits­ge­bot oder die Pflicht zum pro­duk­ti­ven Dasein, und der vor allem über­haupt nicht so abs­trakt ist, wie der plär­rende Red­ner es vor­gibt:

Die faschis­ti­sche Abnei­gung gegen den Schlaf, im wei­te­ren Sinn die Bos­heit, nichts in Ruhe las­sen zu kön­nen, wird durch des Faschis­ten­füh­rers Beto­nung sei­ner Uner­müd­lich­keit reflek­tiert, die für die Gefolg­schaft Bei­spiel sein soll. Uner­müd­lich­keit ist eine psy­cho­lo­gi­sche Äuße­rung des Tota­li­ta­ris­mus. Ruhe kann es nicht geben, bevor nicht alles erobert, erfasst und orga­ni­siert ist. Und da die­ses Ziel nie­mals erreicht wird, bedarf es der end­lo­sen Bemü­hun­gen aller Gefolgs­leute.

Der „Mar­ke­ting-Cha­rak­ter“ des Dem­ago­gen

In einer inter­es­san­ten Fuß­note erläu­tert Adorno seine Ver­mu­tung, wie der faschis­ti­sche Agi­ta­tor in der eige­nen Psy­che den Wider­spruch zwi­schen den irra­tio­na­len Ele­men­ten sei­ner bös­wil­li­gen Mas­sen­hyp­nose und den vor­geb­lich ratio­na­len Zie­len sei­ner Bewe­gung schein­bar auf­löst und sei­nem Publi­kum dar­auf­hin schein­bar wider­spruchs­frei prä­sen­tie­ren kann:

Vor allem kann faschis­ti­sche Pro­pa­ganda [...] nicht gänz­lich ratio­nal sein. Der Faschis­mus bezweckt eine […] ant­ago­nis­ti­sche Gesell­schaft, hat also ein [...] irra­tio­na­les Ziel. Ratio­nal ist er nur, wo es sich um die Inter­es­sen ein­zel­ner Grup­pen oder Indi­vi­duen han­delt. Die Dis­kre­panz [...] wird deut­lich spür­bar. Wahr­schein­lich erzeugt das geheime Bewusst­sein von der Irra­tio­na­li­tät der End­ziele der „Bewe­gung“ so etwas wie ein schlech­tes Gewis­sen bei dem ein­zel­nen Faschis­ten […]. Er hört auf zu den­ken, weil er […] den Zwie­spalt [...] nicht ein­ge­ste­hen will. Er hört auf zu den­ken, weil es „ratio­nal“ unbe­quem für ihn ist. Und um nicht sein Pseu­do­ver­trauen zu ver­lie­ren, muss er immer wie­der Gehäs­sig­keit, einen Bestand­teil sei­nes „Glau­bens“, ein­schal­ten. Faschis­ti­sche Hyp­nose ist in hohem Maße Selbst­hyp­nose.

Man kann die von Adorno ent­larv­ten Tech­ni­ken und „Tricks“ auch in die Kate­go­rien „Wirt­schafts­psy­cho­lo­gie“ oder gar „Mar­ke­ting“ ein­ord­nen. Erich Fromm hatte in Die Kunst des Lie­bens (1956) erst­mals vom Men­schen-Typus des „Mar­ke­ting-Cha­rak­ters“ gespro­chen. Zu des­sen Cha­rak­ter­zü­gen gehör­ten eine ein­ge­schränkte Bin­dungs­fä­hig­keit und eine Fle­xi­bi­li­tät bis hin zur völ­li­gen Gleich­gül­tig­keit und Belie­big­keit. In der Tat geht es dem Agi­ta­tor um den Ver­kauf eines Pro­dukts: er ver­kauft ein bestimm­tes Image sei­ner selbst als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur und er ver­kauft die Zuge­hö­rig­keit zu einer Marke, näm­lich die von ihm ange­führte „Bewe­gung“. Die Ziele die­ser „Bewe­gung“ jedoch lässt er bewusst im Dun­keln. Adorno schrieb Anfang der 1940er Jahre:

Für Tho­mas, wie für die meis­ten sei­ner Inter­es­sen­ge­nos­sen ist die Methode [...] wich­ti­ger als der Inhalt [...]. Sein wah­res Geschäft ist, Men­schen zu mani­pu­lie­ren, sie zu Par­tei­gän­gern sei­ner Orga­ni­sa­tion zu for­men […]. Ideen und Pos­tu­late sind blo­ßer Köder und haben nur gerin­ges objek­ti­ves Gewicht.

[…] sein poli­ti­scher Stand­ort […] ist ver­schwom­men und abs­trakt, oder naiv und absurd.

Indes­sen, Tho­mas ist geris­sen, und es wäre falsch, schriebe man die feh­lende dis­kur­sive Logik einem Man­gel an intel­lek­tu­el­ler Fähig­keit zu; sie beruht auf durch­chaus logi­schen Refle­xio­nen über die Psy­cho­lo­gie sei­ner Zuhö­rer und die beste Methode, sie zu errei­chen.

Tho­mas ist Wer­be­fach­mann auf hoch­spe­zia­li­sier­tem Gebiet, der Umwand­lung reli­giö­ser Bigot­te­rie in poli­ti­schen und Ras­sen­hass.

Seine wah­ren Absich­ten und seine tat­säch­li­che Welt­an­schau­ung ent­hüllt der faschis­ti­sche Agi­ta­tor nur in – wie Adorno sie nennt – „eso­te­ri­schen“ Reden, die also nur für einen enge­ren Kreis bestimmt sind. In ihnen liegt laut Adorno auch der geheime Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis der her­un­ter­ge­pe­gel­ten, voll­stän­dig öffent­li­chen („exo­te­ri­schen“) Reden, in denen sich der Red­ner ver­stellt und bei­spiels­weise auf Schmä­hun­gen und Schimpf­worte ver­zich­tet. Auch ver­zich­tet er in öffent­li­chen Sen­dun­gen auf anti­se­mi­ti­sche Äuße­run­gen und ersetzt sie durch „augen­zwin­kernde“ Andeu­tun­gen (sein Publi­kum ver­steht den Wink), durch Iden­ti­fi­ka­tion mit „Kom­mu­nis­ten“, „Radi­ka­len“ oder auch nebu­lö­sen „Mäch­ten“:

Sprach­mo­du­la­tion und ora­to­ri­sche Hal­tung deu­ten dar­auf hin, dass die Juden gemeint sind, wenn er von „die­sen Kräf­ten“ spricht, und dass seine Hörer­schaft es weiß.

Sym­bo­lisch ent­spre­chen die öffent­li­chen Reden in etwa der „Reklame“ für das Pro­dukt des Agi­ta­tors; die „eso­te­ri­schen“ hin­ge­gen ent­spre­chen quasi dem „Kun­den­ser­vice“ für seine bereits gewon­ne­nen Anhän­ger.

Oft geht Tho­mas´ metho­di­sche Ratio­na­li­tät auf Kos­ten der argu­men­ta­ti­ven Ratio­na­li­tät – sprich: dem Red­ner Mar­tin Luther Tho­mas geht es aus­schließ­lich um den Effekt sei­ner Anspra­che, kaum um deren Inhalt, und schon gar nicht um argu­men­ta­tive Strin­genz oder gar Logik. Müsste Tho­mas seine Argu­mente erklä­ren, würde er ihren Effekt zer­stö­ren und seine Zuhö­rer ver­prel­len. Er greift daher auf ein klei­nes, sorg­sam ent­wi­ckel­tes Reper­toire aus Gemein­plät­zen und nebu­lö­sen Andeu­tun­gen zurück. Adorno ent­deckt eine „gewisse Affi­ni­tät zwi­schen dem sicher­lich ver­wor­re­nen Den­ken der Hörer und dem des Red­ners“. Tho­mas hält ledig­lich ein „der Form nach ratio­na­les Den­ken auf­recht, indem er The­sen durch Bei­spiele belegt und dem Schein nach Deduk­tio­nen macht“:

Alles ist ent­schie­den, bevor das Argu­ment beginnt. In sei­nen ver­wor­re­nen Ideen herrscht so etwas wie eine tota­li­täre Ord­nung. Alles ist gere­gelt, steht fest, was gut und böse ist […]. […] Geg­ner wer­den nicht wider­legt, The­sen nicht ratio­nal gerecht­fer­tigt. Bloße Iden­ti­fi­ka­tion, ja Klas­si­fi­ka­tion ist der logi­sche Pro­zess.

Auch die von Adorno so genannte „Fait-accom­pli-Tech­nik“ – also die Sug­ges­tion, man würde sich einer Sache ver­schrei­ben, die ohne­hin nur gewin­nen kann, gehört in diese Kate­go­rie und „berührt einen zen­tra­len Mecha­nis­mus faschis­ti­scher Mas­sen­psy­cho­lo­gie: die Trans­for­ma­tion des Gefühls der Ohn­macht in das von Macht“. Sie ist der Prä­de­sti­na­ti­ons­lehre ver­wandt, bei der ins­be­son­dere im Umfeld des cal­vi­nis­ti­schen Pro­tes­tan­tis­mus von welt­li­chem, auch finan­zi­el­lem Erfolg, auf die Prä­senz eines gött­li­chen Segens geschlos­sen wird.

Anti­de­mo­kra­ti­sche Hetze birgt die größte Spreng­kraft

Auch „Hetze gegen Regie­rung und Prä­si­den­ten“ ent­larvt Adorno als agi­ta­to­ri­schen Trick des fun­da­men­ta­lis­ti­schen Radio-Pre­di­gers Mar­tin Luther Tho­mas, und auch hier gibt es zeit­ge­nös­si­sche Par­al­le­len, bei­spiels­weise zur Euro­päi­schen Union. Wenn reak­tio­näre Poli­ti­ker in den Natio­nal­staa­ten (genannt seien als Bei­spiele Marine Le Pen in Frank­reich, Geert Wil­ders in den Nie­der­lan­den und Lech Kac­zyń­ski in Polen), wenn reak­tio­näre Medien die angeb­li­che „Bür­ger­fremde“, die „Abge­ho­ben­heit“ der „Eli­ten“ und die „teure, nutz­lose Büro­kra­tie“ in Brüs­sel bekla­gen, dann han­delt es sich ja nicht um Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, die sich logisch aus der schie­ren Größe der Euro­päi­schen Union erge­ben, son­dern eben­falls um psy­cho­lo­gi­sche Tricks. Lei­der ver­fängt die Pro­pa­ganda teil­weise und das Schein­ar­gu­ment begeg­net einem inzwi­schen auch unter gemä­ßig­ten, demo­kra­tisch gesinn­ten Euro­pä­ern. Adorno schreibt dazu:

Ein demo­kra­ti­sches Régime kann immer als „indi­rekt“, dem Volk ent­frem­det, kalt und insti­tu­tio­nell geschil­dert wer­den. Seine zen­tra­lis­ti­sche Natur lässt sich stets als gegen die Inter­es­sen des Vol­kes gerich­tet hoch­spie­len und beson­ders gegen die der­je­ni­gen in ent­fern­ten Lan­des­tei­len Leben­den.

Mit den „ent­fern­ten Lan­des­tei­len“ meint Adorno natür­lich die gleich­sam innen-lie­gende „Peri­phe­rie“ der USA – also den Rust-Belt und den Mitt­le­ren Wes­ten – die auch bei der Wahl Donald Trumps wie­der eine ent­schei­dende Rolle spielte. Die­sem öko­no­misch und kul­tu­rell abge­häng­ten geo­gra­fi­schen Raum ent­spre­chen in der EU die vie­len Regio­nen in Ost­deutsch­land, Por­tu­gal oder Süd­ita­lien, die sich lang­sam ent­völ­kern, weil tra­di­tio­nelle Indus­trien und mit ihnen die jun­gen Leute abwan­dern. Bei den „Ver­ges­se­nen“, den „Übrig-Geblie­be­nen“, den „Über­flüs­si­gen“, haben die Popu­lis­ten leich­tes Spiel. Adorno schreibt:

Immer kann der „Popanz“ Büro­kra­tis­mus aus­ge­gra­ben wer­den, wo das zen­tra­li­sierte demo­kra­ti­sche Régime mit den Sub­ti­li­tä­ten des Ver­nunft­ge­set­zes und des Ver­fas­sungs­rechts sich mes­sen muss. Stets kann es der Kost­spie­lig­keit und Kor­rup­tion bezich­tigt wer­den. „Ver­schwen­de­risch“ wird jede Aus­gabe dem klei­nen Mann erschei­nen, der Steu­ern zahlt und nicht sieht, wie sein Geld ihm unmit­tel­bar zugute kommt. […] …im anony­men Staat, der unfä­hig ist, das Leben der­je­ni­gen zu garan­tie­ren, von denen er nimmt, erzeugt die Ein­zie­hung von Steu­ern impli­zit ein Gefühl der Unge­rech­tig­keit.

Die „Men­ta­li­tät des über­for­der­ten Steu­er­zah­lers“ wird selbst armen und gering­ver­die­nen­den frus­trier­ten Bür­gern erfolg­reich ein­ge­re­det und ent­wi­ckelt sich zu einem regel­rech­ten „Glau­bens­be­kennt­nis“ reak­tio­nä­rer Grup­pen. Hinzu gesellt sich die Ableh­nung der demo­kra­tisch gewähl­ten Exe­ku­tiv­ge­walt von Prä­si­den­ten, Kanz­lern und Minis­tern, die man expli­zit der „Über­schrei­tung ihrer Gren­zen“ und impli­zit des „Stre­bens nach der Dik­ta­tur“ beschul­digt. Man erweckt den Ein­druck einer feh­len­den Legi­ti­ma­tion durch das Volk und dass ihre „Auto­ri­tät nicht der genuine Aus­druck der gegen­wär­ti­gen grund­le­gen­den Macht­ver­hält­nisse ist“.

Darum wünscht der Faschist, sie zu zer­stö­ren. Alte Remi­nis­zen­zen an die abso­lu­tis­ti­sche Legi­ti­ma­tion sind in die von Goeb­bels ein­mal inter­pre­tierte Idee kon­ver­tiert wor­den, dass nur, wer seine Macht gebrau­che, sie ver­diene – das heißt, wer sie aus­beu­tet zum Zweck unbarm­her­zi­ger Unter­drü­ckung. Der Prä­si­dent, als Möch­te­gern-Dik­ta­tor ange­pran­gert, wird eigent­lich ver­ach­tet, weil er nicht dik­ta­to­risch han­deln kann und will, weil er ein Sys­tem und Grup­pen ver­tritt, die wesent­lich anti-dik­ta­to­risch sind.

Zum Beweis, dass der­ar­tige „Hetze“ gegen demo­kra­ti­sche Staa­ten, gegen deren Regie­rungs­mit­glie­der und auch gegen die Büro­kra­tie, ein Pro­blem mit erheb­li­cher poli­ti­scher Spreng­kraft dar­stellt, dürfte ein Blick in die Geschichte, vor allem der deut­schen Geschichte, genü­gen. Zum Beweis, dass die­ser Hass auf den Staat wie ein unto­ter Geist wie­der­kehrt, kaum ver­deckt hin­ter über­zo­ge­ner Demo­kra­tie­kri­tik und soge­nann­ter „Poli­ti­ker­ver­dros­sen­heit“ – dafür genügt ein Blick in die deut­sche, euro­päi­sche und US-ame­ri­ka­ni­sche Gegen­wart.

Ein Haupt-Unter­schied zwi­schen US-Prä­si­dent Donald Trump und den meis­ten faschis­ti­schen Agi­ta­to­ren wird übri­gens eben­falls deut­lich. Es han­delt sich um deren osten­ta­tiv „aske­ti­sches, anti-hedo­nis­ti­sches Geba­ren“, das von Vege­ta­ris­mus bis hin zu fröm­meln­der Armut rei­chen kann – und sei es auch nur vor­ge­täuscht. Von solch einem Ver­hal­ten lässt sich bei Trump nun wirk­lich nicht spre­chen, prahlt er ja gera­dezu mit sei­nem Hedo­nis­mus und sei­nem angeb­li­chen Reich­tum. Damit wird gerade der­je­nige Zug in der Per­son Donald Trumps, der am meis­ten Auf­merk­sam­keit und Geläch­ter her­vor­ruft – sein kin­di­scher Hedo­nis­mus – zu einem Merk­mal sei­ner rela­ti­ven Unge­fähr­lich­keit. Er erscheint uns als Knirps, den man nicht ernst nimmt, weil er kei­ner­lei Gra­ti­fi­ka­ti­ons­auf­schub dul­det.

Ob Trump wirk­lich nur gerin­gen his­to­ri­schen Scha­den anrich­ten wird muss sich erst noch erwei­sen. Das­selbe gilt für die vie­len ande­ren auto­ri­tä­ren Poli­ti­ker heu­ti­ger Zeit – vom tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten Erdo­gan und sei­nem Neo-Sul­ta­nat im Auf­bau, bis hin zum abso­lu­tis­ti­schen Herr­scher Nord­ko­reas, Kim Jong-un. Die Autoritarismusstudien Theodor W. Adornos und vie­ler ande­rer For­scher aus dem Umkreis der Frank­fur­ter Schule mah­nen jeden­falls zur Wach­sam­keit und for­dern zum Wider­stand auf.

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