Braintertainment | Das Menschenbild bei Marx: Widerstand gegen die Zerstörung der Liebe in der Gesellschaft
Vor genau 150 Jahren erschien die Erstausgabe des Kommunistischen Manifests (1848) - ein Dokument, das die Weltgeschichte veränderte. Aus Anlass des Jubiläums soll daher mit Das Menschenbild bei Marx (1961) von Erich Fromm ein eher ungewöhnliches, aber äußerst lesenswertes kleines Buch über Karl Marx und die Folgen seiner Philosophie stehen.
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Erich Fromm über das Men­schen­bild bei Marx: Wider­stand gegen die Zer­stö­rung der Liebe in der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit

"Nicht nur die Welt der Gegenstände wird zum Herrscher über den Menschen, auch die gesellschaftlichen und politischen Umstände, die er hervorbringt, unterwerfen ihn."

Das Menschenbild bei MarxVor 170 Jah­ren erschien die Erst­aus­gabe des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests (1848) – ein Doku­ment, das die Welt­ge­schichte ver­än­derte. Und vor 200 Jah­ren wurde Karl Marx gebo­ren – ein Mensch, der die Welt­ge­schichte ver­än­derte. Die poli­ti­sche Theo­rie von Karl Marx (1818 – 1883) und sei­nem kon­ge­nia­len Freund Fried­rich Engels (1820 – 1895) wurde in Tei­len zu Recht kri­ti­siert oder ver­wor­fen, vor allem nach ihrem Miss­brauch durch die skru­pel­lose Nomen­kla­tura ver­schie­dens­ter Län­der und Epo­chen. Andere Teile die­ser Theo­rie dien­ten Gelehr­ten als hoch spe­zia­li­sier­ter aka­de­mi­scher Zeit­ver­treib – Mar­xis­mus als „Opium für Intel­lek­tu­elle“, wie Ray­mond Aron pole­misch for­mu­lierte.

Erich Fromm (1974)

Erich Fromm (* 23. März 1900 in Frank­furt am Main; † 18. März 1980 in Mur­alto, Schweiz) war ein deutsch-US-ame­ri­ka­ni­scher Psy­cho­ana­ly­ti­ker, Phi­lo­soph und Sozi­al­psy­cho­loge. Bereits seit Ende der 1920er Jahre ver­trat er einen huma­nis­ti­schen, demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus.

Der eigen­wil­lige Stil und der Inhalt sowohl der Marx´schen Schrif­ten als auch man­cher Sekun­där­li­te­ra­tur kön­nen unzu­gäng­lich, sper­rig und ver­al­tet wir­ken, gerade wenn Marx eine Wei­ter­ent­wick­lung der zu sei­ner Zeit domi­nie­ren­den öko­no­mi­schen Theo­rien – vor allem von Adam Smith, Ben­t­ham und Mill – im Lichte der zu sei­ner Zeit gän­gi­gen Phi­lo­so­phien – v.a. Hegel und Feu­er­bach – lie­fert. Man­che Erkennt­nisse, die Marx und sei­nen Zeit­ge­nos­sen daher als bahn­bre­chend erschei­nen muss­ten, sind im Zuge der Wei­ter­ent­wick­lung von Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten und kapi­ta­lis­ti­scher Gesell­schafts­ord­nung zu Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten und teil­weise sogar zu sprach­li­chem All­ge­mein­gut gewor­den. Vie­les andere ist aber auch heute noch hoch­ak­tu­ell.

Wie kaum eine andere Beschrei­bung des Men­schen Karl Marx und der Fol­gen sei­ner Phi­lo­so­phie wird Erich Fromms Buch Das Menschenbild bei Marx (1961) dem Anlass des dop­pel­ten Jubi­lä­ums gerecht. Erich Fromm (1900 – 1980) hatte als Mit­glied und Vor­den­ker des mar­xis­tisch gepräg­ten Frank­fur­ter Insti­tuts für Sozi­al­for­schung in sei­nen frü­hen Wer­ken auf dem Gebiet der empi­ri­schen Sozi­al­psy­cho­lo­gie maß­geb­lich an den Grund­la­gen der „Kri­ti­schen Theo­rie“ mit­ge­ar­bei­tet. Gemein­sam mit dem Insti­tut war Fromm nach Ame­rika emi­griert (und hatte sich 1939 im Streit von ihm getrennt), kehrte aber anders als seine ehe­ma­li­gen Kol­le­gen nach dem Krieg nicht ins befrie­dete Europa zurück, son­dern lebte und lehrte in Mexiko und in den USA. Inzwi­schen publi­zierte er auf Eng­lisch und kannte die Gesell­schaf­ten und Kul­tu­ren bei­der­seits des Atlan­tiks.

Titelblatt der Originalausgabe des Manifests der Kommunistischen Partei (1848)

Titel­blatt der Ori­gi­nal­aus­gabe des Mani­fests der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei von Karl Marx und Fried­rich Engels (1848)

Mit Das Men­schen­bild bei Marx soll­ten vor allem ame­ri­ka­ni­sche Leser ange­spro­chen wer­den, auch um dort gras­sie­rende Miss­ver­ständ­nisse und fal­sche Deu­tun­gen des Marx´schen Werks aus­zu­räu­men. Das Buch lie­ferte eine der ers­ten eng­li­schen Über­set­zun­gen von Tei­len der wich­tigs­ten frü­hen phi­lo­so­phi­schen Arbei­ten, die von Karl Marx kurz vor dem Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest ver­fasst wur­den. Es ent­hält Aus­züge aus den Öko­no­misch-phi­lo­so­phi­schen Manu­skrip­ten (1844 ver­fasst), aus der Deut­schen Ideo­lo­gie (1845−46 ver­fasst) und aus der Schrift Zur Kri­tik der Hegel­schen Rechts­phi­lo­so­phie (1843−44 ver­fasst und publi­ziert), die Fromm mit einer umfas­sen­den Ein­lei­tung ver­sah.

Fromm betrach­tet die Marx´sche Phi­lo­so­phie als zwei auf­ein­an­der auf­bau­ende Teile: das Men­schen­bild, die phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie, einer­seits, und die sozia­lis­ti­sche Theo­rie, die poli­ti­sche Uto­pie, ande­rer­seits. Marx´ sozia­lis­ti­sche Uto­pie – so sehr man sie im Ein­zel­nen auch kri­ti­sie­ren kann – ist untrenn­bar mit sei­nem Men­schen­bild ver­bun­den, und die­sem Men­schen­bild stimmt Fromm weit­ge­hend zu. Die wich­tigs­ten Gedan­ken zu sei­ner phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie ent­wi­ckelte Marx bereits in den Früh­schrif­ten, vor allem in den Öko­no­misch-phi­lo­so­phi­schen Manu­skrip­ten, die lei­der lange ver­schol­len waren und bis 1932 über­haupt nicht rezi­piert wur­den. Aus ihrem Geist her­aus ent­stand schließ­lich der Basis­text sei­ner sozia­lis­ti­schen Uto­pie: das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest.

Erich Fromms Das Men­schen­bild bei Marx ist somit keine Recht­fer­ti­gung der Marx´schen Theo­rie. Es ist viel­mehr die Ehrung des her­aus­ra­gen­den Phi­lo­so­phen und Huma­nis­ten und auch des vor­bild­haf­ten Men­schen Karl Marx.

Ich habe dar­auf ver­zich­tet, dar­zu­le­gen, inwie­weit ich mit dem Marx´schen Den­ken nicht über­ein­stimme, denn bezüg­lich sei­nes huma­nis­ti­schen Exis­ten­zia­lis­mus habe ich wenig Wider­spruch anzu­mel­den. In einer Reihe von Punk­ten, die seine sozio­lo­gi­schen und öko­no­mi­schen Theo­rien betref­fen, kann ich Marx nicht fol­gen.

Das Men­schen­bild bei Marx ist auch ein Buch über Fromms eige­nes Men­schen­bild und wie­viel davon er Karl Marx ver­dankt. Fromm inter­es­sierte sich wie Marx für die mäch­ti­gen, das Wesen des Men­schen zutiefst betref­fen­den und ver­än­dern­den Lebens­um­stände; für Phä­no­mene, die den Men­schen immer wei­ter von sich selbst und von sei­nen Mit­men­schen ent­frem­den. Der Ent­frem­dungs­be­griff, den Hegel ein­ge­führt und den Marx radi­kal neu gedeu­tet hatte, steht auch in Fromms Phi­lo­so­phie an zen­tra­ler Stelle. Er schreibt:

Ent­frem­dung bedeu­tet für Marx, dass der Mensch sich selbst in sei­ner Aneig­nung der Welt nicht als Urhe­ber erfährt, son­dern dass die Welt (die Natur, die ande­ren, und er selbst) ihm fremd blei­ben. Sie ste­hen als Gegen­stände über ihm und ihm gegen­über [...]. Ent­frem­dung heißt, die Welt und sich selbst wesent­lich pas­siv, rezep­tiv, in der Tren­nung von Sub­jekt und Objekt zu erfah­ren.

Mit sei­nem Pro­test gegen die Ent­frem­dung des Men­schen sieht Fromm in Marx daher einen exis­ten­zia­lis­ti­schen Phi­lo­so­phen:

Die Phi­lo­so­phie von Marx ist wie exis­ten­zia­lis­ti­sches Den­ken ein Pro­test gegen die Ent­frem­dung des Men­schen, gegen den Ver­lust sei­ner Selbst und sei­ner Ver­wand­lung in ein Ding. Die­sen Pro­test erhebt sie gegen die Dehu­ma­ni­sie­rung und Auto­ma­ti­sie­rung des Men­schen, die mit der Ent­wick­lung des west­li­chen Indus­tria­lis­mus ver­bun­den ist.

Marx´ Phi­lo­so­phie ist eine Pro­test­phi­lo­so­phie; ein Pro­test, der getra­gen ist vom Glau­ben an den Men­schen, an seine Fähig­keit, sich selbst zu befreien und seine ihm inne­woh­nen­den Mög­lich­kei­ten zu ver­wirk­li­chen.

Der Sozia­lis­mus war für Marx, wie etwa Paul Til­lich for­mu­lierte, „eine Wider­stands­be­we­gung gegen die Zer­stö­rung der Liebe in der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit“.

Diese gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit, mit der Fromm sich beschäf­tigte, bestand vor allem in den Phä­no­me­nen Kapi­ta­lis­mus, Büro­kra­tie, Faschis­mus sowie der moder­nen Kon­sum­ge­sell­schaft. Ihm ent­ging nicht die Destruk­ti­vi­tät, die allen die­sen Gesell­schafts­mo­del­len inne­wohnt. Ihm ent­ging nicht die – ver­schlei­erte oder offene – Resi­gna­tion der Men­schen. Der Zivi­li­sa­ti­ons­bruch des ers­ten Welt­kriegs, der euro­päi­sche Bür­ger­krieg, die poli­tisch erstarrte Nach­kriegs­ord­nung – sie alle hat­ten das Ver­trauen der Men­schen in den his­to­ri­schen Fort­schritt zutiefst erschüt­tert. Zynis­mus und grim­mi­ger Über­le­bens­wille waren an die Stelle von Opti­mis­mus und fes­tem Glau­ben an die Zukunft getre­ten. Fromm schreibt:

Die­ser Glaube [an den Men­schen] ist ein Zug des Marx­schen Den­kens, der für die Vor­stel­lungs­welt der west­li­chen Kul­tur vom spä­ten Mit­tel­al­ter bis zum neun­zehn­ten Jahr­hun­dert cha­rak­te­ris­tisch war und der heute so sel­ten ist.

Der Durch­schnitts­mensch ist auf der ver­zwei­fel­ten Suche nach Schutz; er ver­sucht, der Frei­heit zu ent­flie­hen und im Schoß des gro­ßen Staats und des gro­ßen Ver­bands Sicher­heit zu fin­den.

Die Phi­lo­so­phie Marx´, gerade weil sie sich mit The­men wie Ent­frem­dung und Aus­beu­tung als eine Art „Pro­test­phi­lo­so­phie“ um mensch­li­che Abgründe drehte, nennt Fromm daher auch „einen geis­ti­gen Exis­ten­zia­lis­mus in säku­la­rer Spra­che“. Er betont das spe­zi­fisch Geis­tige an Marx´ Phi­lo­so­phie, das wir sonst nur aus den Reli­gio­nen ken­nen. Mit Wur­zeln in der abend­län­di­schen christ­lich-huma­nis­ti­schen Tra­di­tion ist sie eine Phi­lo­so­phie der Hoff­nung und der Uto­pie, oder wie Fromm auch sagt, ein „pro­phe­ti­scher Mes­sia­nis­mus in der Spra­che des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts“. Obwohl sie sich um die Abgründe der Mensch­heits­ge­schichte drehte, ist sie eine opti­mis­ti­sche Phi­lo­so­phie.

Das Ziel von Marx war die geis­tige Eman­zi­pa­tion des Men­schen, seine Befrei­ung von den Fes­seln der wirt­schaft­li­chen Bestimmt­heit, die Wie­der­her­stel­lung sei­ner mensch­li­chen Ganz­heit, um ihn zu befä­hi­gen, zur Ein­heit und Har­mo­nie mit sei­nen Mit­men­schen und der Natur zu fin­den. Marx´ Phi­lo­so­phie [...] zielte auf die volle Ver­wirk­li­chung des Indi­vi­dua­lis­mus, gerade jenes Ziel, das das west­li­che Den­ken seit der Renais­sance und Refor­ma­tion bis weit ins neun­zehnte Jahr­hun­dert gelei­tet hat.

Philosoph Erich Fromm

Phi­lo­soph Erich Fromm

Zyni­scher­weise wurde aus­ge­rech­net Marx selbst eine mate­ria­lis­ti­sche Welt­sicht vor­ge­wor­fen. Er über­be­tone die mate­ri­el­len Bedürf­nisse und das öko­no­mi­sche Stre­ben als den grund­le­gen­den Trieb des Men­schen; und er ver­nach­läs­sige das Indi­vi­duum sowie des­sen geis­tige Bedürf­nisse und seine Frei­heit. Die geis­tige Her­kunft und Qua­li­tät des huma­nis­ti­schen Den­kens bei Marx wei­sen aber laut Fromm dar­auf hin, dass die­ser weit ver­brei­tete Vor­wurf nicht halt­bar ist. Marx´ Ziel war nicht eine reli­giös des­il­lu­sio­nierte, uni­forme Gesell­schaft von zwar mate­ri­ell befrie­dig­ten, aber unfreien Men­schen unter der Knute einer all­mäch­ti­gen staat­li­chen Büro­kra­tie – also eine Art „Para­dies für Skla­ven“. Eben die­je­ni­gen Zustände, die man in Sys­te­men wie dem tota­li­tä­ren Sowjet­kom­mu­nis­mus und den mao­is­ti­schen Regimes besich­ti­gen konnte.

In einer Art dop­pelt iro­ni­schen Wen­dung stel­len die Vor­würfe gegen den angeb­lich „mate­ri­el­len“ Mar­xis­mus und gegen die angeb­lich unfreie gesell­schaft­li­che Vision des Sozia­lis­mus eine exakte Beschrei­bung der Rea­li­tät in der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­sum­ge­sell­schaft dar, näm­lich den „nur dünn ver­hüll­ten“ Mate­ria­lis­mus unse­res Zeit­al­ters. Die unred­li­che Kri­tik an Marx ver­rät sich durch die Spra­che, die sie ver­wen­det, selbst, und das ist eben die Spra­che des „Mate­ria­lis­mus“, der „Code“ des herr­schen­den Gesell­schafts­sys­tems. Diese Kri­tik fun­giert wie ein Spie­gel, den sich der Kapi­ta­lis­mus selbst vor­hält. Fromms Beschrei­bung die­ser Rea­li­tät der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­sum­ge­sell­schaft trifft auch heute noch zu:

Das Han­deln der Mehr­zahl der Men­schen ist moti­viert vom Wunsch nach grö­ße­ren mate­ri­el­len Gewin­nen, nach Kom­fort und nach Din­gen des „geho­be­nen Ver­brauchs“, und die­ser Wunsch wird nur ein­ge­schränkt von dem Ver­lan­gen nach Sicher­heit und der Ver­mei­dung von Risi­ken. Sie sind zuneh­mend sowohl in der Sphäre der Pro­duk­tion wie in der des Ver­brauchs mit einem vom Staat und den gro­ßen Ver­bän­den und deren jewei­li­gen Büro­kra­tien regu­lier­ten und mani­pu­lier­ten Leben zufrie­den; sie haben einen Grad der Kon­for­mi­tät erreicht, der die Indi­vi­dua­li­tät weit­ge­hend aus­ge­löscht hat.

Der mate­ria­lis­ti­sche Trieb des Men­schen, das Stre­ben nach Pro­fit und Eigen­tum, gehört für Marx zu den „rela­ti­ven Trie­ben“. Diese rela­ti­ven Triebe sind im Gegen­satz zu den „fest­ste­hen­den Trie­ben“ (wie Sexua­li­tät und Nah­rungs­auf­nahme) ver­än­der­lich, das heißt von den jewei­li­gen gesell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Umstän­den, unter denen ein Mensch lebt, abhän­gig. Ana­log zu den rela­ti­ven und den kon­stan­ten Trie­ben sprach Marx auch von der unver­än­der­li­chen „mensch­li­chen Natur im All­ge­mei­nen“ und der in jeder his­to­ri­schen Epo­che „modi­fi­zier­ten Men­schen­na­tur“. Nie­mals, so Fromm, wäre es Marx ein­ge­fal­len, den Trieb nach maxi­ma­lem öko­no­mi­schen Gewinn als kon­stan­ten Trieb oder als unver­än­der­lich hin­zu­neh­men. Exakt dies aber war schon zu Marx Zei­ten die vor­herr­schende Ansicht in der bür­ger­lich-mate­ria­lis­ti­schen Geschichts­auf­fa­sung und in der bür­ger­li­chen Wis­sen­schaft der Natio­nal­öko­no­mie, den heu­ti­gen Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten.

Marx´ ganze Kri­tik des Kapi­ta­lis­mus ist ja gerade, dass die­ser das Inter­esse an Geld und an mate­ri­el­lem Gewinn zum Haupt­mo­tiv des Men­schen gemacht hat [u.a. weil im Kapi­ta­lis­mus alles, auch der arbei­tende Mensch und alle seine Lebens­äu­ße­run­gen, Waren sind, und alles einen Preis hat]. Seine Kon­zep­tion des Sozia­lis­mus jedoch ist gerade die­je­nige einer Gesell­schaft, in der die­ses mate­ri­elle Inter­esse auf­hö­ren würde, das beherr­schende zu sein.

Gerade heute ist der durch Fromm beson­ders emble­ma­tisch her­aus­ge­ar­bei­tete Gegen­satz zwi­schen den Exis­ten­zwei­sen des Habens und des Seins so über­aus bedeut­sam und fol­gen­schwer. Bezeich­nen­der­weise haben laut From...

...sowohl die Kom­mu­nis­ten wie die meis­ten der sozia­lis­ti­schen Par­teien (mit eini­gen bemer­kens­wer­ten Aus­nah­men ...) das allen kapi­ta­lis­ti­schen Sys­te­men zugrunde lie­gende Prin­zip akzep­tiert, dass maxi­male Pro­duk­tion und maxi­ma­ler Kon­sum die unbe­streit­ba­ren Ziele der Gesell­schaft seien.

Man würde jedoch Fromm und auch Marx miss­ver­ste­hen, wenn man aus die­ser Argu­men­ta­ti­ons­weise eine Absage an jeg­li­chen Kon­sum und jeg­li­che Pro­duk­tion unter­stel­len würde. Beide – Fromm wie Marx – wür­den das heu­tige Aus­maß an effi­zi­en­ter Pro­duk­tion begrü­ßen, wenn es denn zur Befrie­di­gung wirk­li­cher mate­ri­el­ler Bedürf­nisse ech­ter Men­schen ein­ge­setzt würde, und wenn es der Her­aus­bil­dung ihres wah­ren mensch­li­chen Cha­rak­ters, der Rea­li­sie­rung ihres wah­ren mensch­li­chen Poten­zi­als diente:

Man darf natür­lich nicht das Ziel, die abgrün­dige, men­schen­un­wür­dige Armut zu über­win­den, mit dem Ziel eines unbe­grenzt wach­sen­den Ver­brauchs ver­wech­seln... Marx´ Hal­tung war ganz ein­deu­tig für einen Sieg über die Armut und ebenso ein­deu­tig gegen den Kon­sum als obers­tes Ziel gerich­tet. Unab­hän­gig­keit und Frei­heit beru­hen für Marx auf dem Akt der Selbst­er­schaf­fung. [...] Oder, wie Marx sagt, der Mensch ist nur frei [...], wenn er nicht nur frei von etwas [vor allem von mate­ri­el­ler Not], son­dern auch frei zu etwas ist.

Zen­tral ste­hen für Marx die Begriffe der Arbeit und der Tätig­keit, des täti­gen Lebens. Der Mensch erzeugt sich im Pro­zess der Gat­tungs­ge­schichte selbst. Der wahre Mensch – darin ist Marx ganz Hege­lia­ner – ist das Resul­tat sei­ner eige­nen (abs­trakt-geis­ti­gen) Arbeit. Fromm schreibt:

Marx´ ganze Auf­fas­sung der Selbst­ver­wirk­li­chung des Men­schen kann nur in Ver­bin­dung mit sei­nem Begriff der Arbeit voll ver­stan­den wer­den. Vor allen Din­gen waren für Marx Arbeit und Kapi­tal nicht ledig­lich öko­no­mi­sche Kate­go­rien. Sie waren für ihn viel­mehr anthro­po­lo­gi­sche Kate­go­rien, die von sei­ner huma­nis­ti­schen Wer­tung her bestimmt waren.

Arbeit sollte eigent­lich der Aus­druck des Lebens sein, also etwas Leben­di­ges, und nicht bloß der Aus­fluss und die Auf­spei­che­rung von Kapi­tal, also etwas Nicht-Leben­di­ges. Wenn Marx im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest von der „Auf­he­bung der Arbeit“ bzw. von der „Befrei­ung der Arbeit“ als einem Ziel des Sozia­lis­mus sprach, so meinte er damit nicht die Faul­heit, son­dern den Über­gang von der ent­frem­de­ten Arbeit des Men­schen für eine Gegen­leis­tung in Form von totem Kapi­tal hin zu einer wahr­haft huma­nen Tätig­keit des Men­schen für eine Gegen­leis­tung in Form von Sinn und Lebens­freude.

In der Arbeit drückt der Mensch sich selbst aus, sie ist der Aus­druck sei­ner indi­vi­du­el­len phy­si­schen und geis­ti­gen Kräfte. In die­sem Pro­zess ech­ter Tätig­keit ent­wi­ckelt sich der Mensch, er wird er selbst. Die Arbeit ist nicht nur ein Mit­tel zum Zweck – dem Pro­dukt [und dem Lohn/​Gehalt] – son­dern sie ist Selbst­zweck, sie ist der sinn­volle Aus­druck der mensch­li­chen Ener­gie. Daher macht Arbeit Freude.

Die ent­schei­dende Kri­tik des Kapi­ta­lis­mus durch Marx trifft nicht die unge­rechte Ver­tei­lung des Reich­tums, son­dern die Ver­keh­rung der Arbeit in erzwun­gene, ent­frem­dete, sinn­lose Arbeit, daher die Ver­wand­lung des Men­schen in eine „ver­krüp­pelte Mons­tro­si­tät“.

Fromm schreibt:

Es gibt kein grö­ße­res Miss­ver­ständ­nis und keine grö­ßere Fehl­dar­stel­lung von Marx als die, [...] dass Marx nur die öko­no­mi­sche Bes­ser­stel­lung der Arbei­ter­klasse erstrebte und dass er das Pri­vat­ei­gen­tum auf­he­ben wollte, damit der Arbei­ter das besit­zen würde, was die Kapi­ta­lis­ten jetzt haben.

Unter Pri­vat­ei­gen­tum ver­stand Marx auch nicht den gerin­gen Besitz oder die per­sön­li­che Habe eines durch­schnitt­li­chen Men­schen, eines Klein­bür­gers. (Die­ses Schein­ar­gu­ment gegen den Mar­xis­mus wird im Übri­gen spä­ter immer wie­der von Anti­kom­mu­nis­ten und Anti­se­mi­ten miss­braucht wer­den, um ver­ängs­tigte Klein­bür­ger auf ihre Seite zu zie­hen.) Unter Pri­vat­ei­gen­tum ver­steht Marx viel­mehr das auf­ge­sparte Kapi­tal des Kapi­ta­lis­ten, das wie­derum zur Unter­drü­ckung ande­rer Men­schen dient und zu deren Zwang in unmensch­li­che Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen ver­wen­det wird. Die­ses Pri­vat­ei­gen­tum wollte Marx unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen sehr wohl auf­he­ben, nur nicht um einer „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ wil­len. Das geht auch aus einer ande­ren Stelle her­vor, in der Marx eine staat­lich erzwun­gene Anglei­chung aller Löhne und Gehäl­ter – wie sie von radi­ka­len Sozia­lis­ten immer schon gefor­dert wurde – ablehnte:

Eine gewalt­same Erhö­hung des Arbeits­lohns (von allen ande­ren Schwie­rig­kei­ten abge­se­hen, abge­se­hen davon, dass sie als eine Ano­ma­lie auch nur gewalt­sam auf­recht­zu­er­hal­ten wäre) wäre also nichs als eine bes­sere Salä­rie­rung der Skla­ven und hätte weder dem Arbei­ter noch der Arbeit ihre mensch­li­che Bestim­mung und Würde erobert.

Gar nicht so unwahr­schein­lich, dass Marx heute Kri­ti­ker eines Bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens wäre, das ledig­lich ein­ge­führt wird, um Ungleich­heit unter den Men­schen zu kaschie­ren, und nicht mit einer grund­le­gen­den Umge­stal­tung der gesam­ten Gesell­schaft, des gesam­ten Sozi­al­ge­fü­ges ein­her­ginge. Auf jeden Fall wäre Marx aber ein lei­den­schaft­li­cher Kri­ti­ker unse­rer rück­stän­di­gen Arbeits­welt, die nach wie vor nicht ohne mas­sive Ratio­na­li­sie­rung, Aus­beu­tung, Ent­wür­di­gung und Auto­ri­ta­ris­mus aus­kommt. Dabei, so Fromm, hatte Marx mit sei­nem Blick auf die Welt der Fabri­ken das volle Aus­maß zukünf­ti­ger Ent­frem­dung in der Welt der Büro­an­ge­stell­ten, der Wer­be­agen­tu­ren und Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter sogar noch unter­schätzt.

Karl Mars (rechts) mit seinen Töchtern und Friedrich Engels

Karl Marx (rechts) mit sei­nen Töch­tern und Fried­rich Engels

Mit gespann­ter Skep­sis würde Marx in unse­rer heu­ti­gen Zeit beob­ach­ten, ob die fort­schrei­tende Auto­ma­ti­sie­rung tat­säch­lich dazu genutzt wird, den Men­schen von schwe­rer und unwür­di­ger Arbeit zu befreien, oder ob sie nur die Gier und den Kon­sum wei­ter befeu­ert und ob sie nicht dazu dient, den Men­schen selbst wei­ter zu auto­ma­ti­sie­ren und zu kon­trol­lie­ren. Mit Sicher­heit wäre Marx heute ein Kri­ti­ker unse­res unbän­di­gen, selbst­zer­stö­re­ri­schen Kon­sum­den­kens, das lang­fris­tig auch ursäch­lich ist für die Ent­frem­dung des Men­schen von der Natur – mit den Fol­gen von Umwelt­zer­stö­rung und öko­lo­gi­schen Kata­stro­phen.

Radi­kal abge­lehnt hätte Marx die Pas­si­vi­tät vie­ler heu­ti­ger Men­schen gegen­über dem Leben, ihre Läh­mung, die beson­ders durch die Anbe­tung der digi­ta­len neuen „Göt­zen“ reprä­sen­tiert ist, vor denen die Men­schen nie­der­knien, denen sie ihr Leben wei­hen und denen sie ihre Frei­heit opfern: Fern­se­hen, Inter­net, Social Media. Fromm schreibt dazu:

Göt­zen­dienst ist immer die Anbe­tung von etwas, in das der Mensch seine eige­nen schöp­fe­ri­schen Kräfte gesteckt hat und dem er sich nun unter­wirft, anstatt sich selbst in sei­nem Schöp­fungs­akt zu erle­ben.

Der Marx´sche Huma­nis­mus ist jeden­falls einer, der ange­sichts sich zuspit­zen­der sozia­ler, öko­no­mi­scher und öko­lo­gi­scher Kri­sen heute noch eine enorme Bri­sanz hat. Eine huma­nis­ti­sche Phi­lo­so­phie, die mit fort­schrei­ten­den Jah­ren eher an Prä­gnanz und Gül­tig­keit gewinnt als ver­liert; die stän­dig durch die Geschichte, das heißt auch durch die heu­tige Gegen­wart bestä­tigt wird, und die sehr genau beschrei­ben kann, was mit dem Men­schen und sei­ner Frei­heit heute geschieht. Diese Klar­sicht wollte Marx uns in ers­ter Linie hin­ter­las­sen, nicht die Revo­lu­tion. Fromms Buch Das Menschenbild bei Marx zeigt das auf ein­drück­li­che Art und Weise.

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Wei­tere Infor­ma­tio­nen:
  • Am 05. Mai 2018, sei­nem 200. Geburts­tag, eröff­net in Karl Marx´ Geburts­stadt Trier eine große Ausstellung zu Leben, Werk und Zeit des Phi­lo­so­phen
  • Auch das Karl-Marx-Haus, das der­zeit umfas­send reno­viert wird, öff­net am 05. Mai 2018 wie­der seine Pfor­ten für Besu­cher.
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