Braintertainment | Roman Drachenläufer von Khaled Hosseini
Khaled Hosseinis Afghanistan-Roman Drachenläufer ist eine Geschichte über Migration und interkulturelle Verständigung. Die Geschichte, in der alte Familiengeheimnisse und Schuldgefühle eine wichtige Rolle spielen, erschien 2003 und bediente damit ein weltweit erwachtes Interesse an Afghanistan.
Khaled Hosseini, Drachenläufer, Kite Runner
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Kha­led Hoss­ei­nis Afgha­ni­stan-Roman Dra­chen­läu­fer ist eine Geschichte über Migra­tion und inter­kul­tu­relle Ver­stän­di­gung

"Es gibt eine Möglichkeit, es wieder gutzumachen."

Roman DrachenläuferEs gibt eine Menge Dinge an der Figur des „Baba“, des Vaters, die gro­ßen Ein­druck auf den klei­nen Amir machen – den jun­gen Prot­ago­nis­ten im Com­ing-of-Age-Roman Drachenläufer des afgha­nisch-ame­ri­ka­ni­schen Autors Kha­led Hoss­eini (* 1965). Es gibt eine Menge Dinge, die dem klei­nen Amir Angst machen und im Gedächt­nis hän­gen blei­ben. Da die Mut­ter bei der Geburt ver­starb, bleibt ihm nur die Vater­fi­gur – ein star­ker und stol­zer Vater, der aber auch ein Geheim­nis hütet, das er hin­ter der Maske einer unver­rück­ba­ren Natur­ge­walt ver­steckt. Ein west­lich gepräg­ter Vater, noch dazu ein athe­is­ti­scher Huma­nist, der Wai­sen­häu­ser finan­ziert und Bett­lern Geld gibt und die reli­giö­sen Eife­rer ver­ach­tet, mit denen es sein Sohn in der fünf­ten Klasse der Mit­tel­schule erst­mals zu tun bekommt. Die Mul­lahs träu­feln den Schul­kin­dern das Gift der Angst vor Sünde und Hölle ein. Ihr Auf­stieg an die Macht stellt in Afgha­ni­stan nie­mals – auch nicht zu den glück­lichs­ten Zei­ten des Lan­des – eine völ­lige Unmög­lich­keit dar. Der „Baba“ ver­sucht den klei­nen Amir so gut es geht vor­zu­be­rei­ten:

Wie ich sehe, ver­wech­selst du das, was du in der Schule lernst, mit tat­säch­li­cher Bil­dung“, sagte er mit sei­ner trä­gen Stimme. […] „Möch­test du wis­sen, was dein Vater über die Sünde denkt?“ […] „Dann werde ich es dir sagen“, erwi­derte er, „aber eins soll­test du wis­sen und es dir ein für alle Mal mer­ken, Amir: Du wirst von die­sen bär­ti­gen Idio­ten nie­mals irgend­et­was von Wert ler­nen.“ […] „Sie tun nichts ande­res, als ihre Gebets­per­len zu befin­gern und aus einem Buch auf­zu­sa­gen, das in einer Spra­che geschrie­ben ist, die sie nicht ein­mal ver­ste­hen.

Dann die Pro­phe­tie des Vaters:

Gott stehe uns bei, sollte Afgha­ni­stan jemals in ihre Hände fal­len.

Der Leit­spruch aber, die väter­li­che War­nung, die Amir den Weg ins Erwach­se­nen­le­ben ebnen soll, wird den Jun­gen tat­säch­lich für immer beglei­ten – im Guten wie im Schlech­ten:

Egal, was der Mul­lah auch leh­ren mag, es gibt nur eine Sünde, eine ein­zige Sünde. Und das ist der Dieb­stahl. Jede andere Sünde ist nur eine Varia­tion davon. […]

Wenn du einen Mann umbringst, stiehlst du sein Leben. Du stiehlst einer Frau das Recht auf einen Ehe­mann, raubst sei­nen Kin­dern den Vater. Wenn du eine Lüge erzählst, stiehlst du ande­ren das Recht auf die Wahr­heit. Wenn du betrügst, stiehlst du das Recht auf Gerech­tig­keit. […]

Es gibt keine erbärm­li­chere Tat als das Steh­len, Amir.

Khaled Hosseini (* 4. März 1965 in Kabul, Afghanistan) ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und Arzt tadschikischer und paschtunischer Abstammung aus Afghanistan.

Kha­led Hoss­eini (* 4. März 1965 in Kabul, Afgha­ni­stan) ist ein US-ame­ri­ka­ni­scher Schrift­stel­ler und Arzt tadschi­ki­scher und pasch­tu­ni­scher Abstam­mung aus Afgha­ni­stan.

Afgha­ni­stan wird im Laufe der fol­gen­den Jahre ver­schie­de­nen Unge­heu­ern in die Hände fal­len. All sei­nen Ein­woh­nern wird das Recht auf ein unbe­schwer­tes Leben gestoh­len, viele ver­lie­ren alles. In Hoss­ei­nis Roman wird sich in der Zwi­schen­zeit eine ganz andere Geschichte abspie­len, die schein­bar nur am Rande etwas mit den Mud­ja­he­din, den afgha­ni­schen Kom­mu­nis­ten und den Rus­sen zu tun hat, aber sehr viel mit der tief ver­wur­zel­ten Ver­ach­tung der pasch­tu­ni­schen Mehr­heit für die unter­drückte Volks­gruppe der Hazara, sehr viel mit den archai­schen Tra­di­tio­nen und Sit­ten Afgha­ni­stans, sehr viel mit dem All­tag des Lan­des in den sieb­zi­ger Jah­ren, in der Zeit der trü­ge­ri­schen Ruhe vor dem Sturm, bis schließ­lich der Über­gang von der Mon­ar­chie zur Repu­blik miss­lingt. Bis das Land end­gül­tig in die Müh­len der Block­kon­fron­ta­tion gerät und schließ­lich von der Sowjet­union und ande­ren Mäch­ten in einen Krieg gestürzt wird. Wie der eng­li­sche His­to­ri­ker und Schrift­stel­ler Peter Levi, der das Land vor 1970 besuchte, bemerkte, lag das Unheil einer Inva­sion damals schon in der Luft. Die­ser Höl­len­sturz wird den macht­gie­ri­gen Mul­lahs wie ein gött­li­ches Omen erschei­nen und sie dazu beflü­geln, für ihren teuf­li­schen Got­tes­staat zu kämp­fen.

Beide, Vater und Sohn, Baba und Amir, wer­den die Gräuel des Bür­ger­kriegs und die Tali­ban-Gewalt­herr­schaft weit­ge­hend aus der Ferne beob­ach­ten, müs­sen kaum etwas davon am eige­nen Leib erfah­ren. Beide haben zu die­sem Zeit­punkt längst eine Flucht – erst nach Paki­stan, spä­ter in die USA – hin­ter sich gebracht, und sich in Kali­for­nien ein neues Leben auf­ge­baut. Amir wird spä­ter, kurz vor dem Ende der Tali­ban­herr­schaft, in das geschun­dene Land zurück­keh­ren, um einen Men­schen zu ret­ten, um eine alte Schuld zu til­gen und um etwas wie­der gut­zu­ma­chen. Genauso übri­gens wie die nach Kanada emi­grierte afgha­ni­sche Jour­na­lis­tin Nelofer Pazira im Film Kandahar des ira­ni­schen Regis­seurs Moh­sen Makhmalbaf.

Film Drachenläufer (2007)

Film­pla­kat Dra­chen­läu­fer (2007)

In der Emi­gra­ti­ons­ge­schichte, die immer auch von Schuld­ge­füh­len über­la­gert wird, liegt der Erfolg von Kha­led Hoss­ei­nis Roman Drachenläufer begrün­det. Er erschien im Jahre 2003 mit per­fek­tem Timing – mit­ten im welt­weit erwach­ten Inter­esse an dem völ­lig ver­ges­se­nen Land Afgha­ni­stan, das mit dem 11. Sep­tem­ber schlag­ar­tig ins Licht der Welt­öf­fent­lich­keit gerückt war. Die Geschichte von Län­dern, die auf­grund von Krie­gen inter­na­tio­nal bekannt wer­den, ist immer auch die Geschichte der inter­na­tio­na­len Kriegs­flücht­linge, die sich auf den Weg machen müs­sen. Die gezwun­ge­ner­ma­ßen in Nach­bar­staa­ten oder auch in weit ent­fernte Län­der emi­grie­ren.

Hoss­ei­nis Buch bie­tet – neben den zahl­rei­chen klei­nen Details über den afgha­ni­schen All­tag in der Zeit vor der Kata­stro­phe, die bis heute anhält – eben auch diese Erkennt­nis: hin­ter jedem Flücht­ling oder Migran­ten steckt eine per­sön­li­che Geschichte vol­ler Leid und vol­ler Schuld. Man weiß nie beson­ders viel über die Motive der Flucht und noch weni­ger über die vie­len unsicht­ba­ren Fäden, die den Flücht­ling mit der Hei­mat ver­bin­den. In den Fern­seh­nach­rich­ten erfährt man nichts über die Tri­um­phe und Tra­gö­dien, die sich hin­ter den Gesich­tern der vie­len schein­bar namen­lo­sen Migran­ten ver­ber­gen.

Khaled Hosseini mit den Hauptdarstellern des Films

Autor Kha­led Hoss­eini mit den Haupt­dar­stel­lern des Films.

Viel­leicht steht da ein athe­is­ti­scher Huma­nist vor uns, der in unru­hi­gen oder gar aus­sichts­lo­sen Zei­ten ver­suchte, Würde und Anstand zu bewah­ren. Viel­leicht steht ein Fami­li­en­va­ter vor uns, der schon lange nur noch um das Wohl sei­ner Kin­der kämpft. Viel­leicht steht ein Hazara vor uns, der miss­han­delt wurde und nur durch viele glück­li­che Zufälle und ein paar hilf­rei­che Mit­men­schen in Sicher­heit gelan­gen konnte. Viel­leicht steht ein Kind vor uns, das Dra­chen hin­ter­her­läuft. Viel­leicht steht ein künf­ti­ger Arzt vor uns. Viel­leicht ein künf­ti­ger Schrift­stel­ler. Viel­leicht ein künf­ti­ger Mitt­ler zwi­schen den Kul­tu­ren.

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