Braintertainment | Zeitalter der Skepsis, Zeitalter der Angst, Zeitalter der Hoffnung – die Urban Art von Herakut
"After the Laughter – The 2nd book of Herakut" (2011) ist der zweite große Wurf des weltweit erfolgreichen Graffiti-Künstlerduo Herakut, bestehend aus Jasmin Siddiqui und Falk Lehman, nach ihrem Debüt mit "HERAKUT – The perfect merge".
After the Laughter: The 2nd book of Herakut, Falk Lehmann, Jasmin Siddiqui, Kunst, Urban Art, Street Art, Graffiti
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Zeit­al­ter der Skep­sis, Zeit­al­ter der Angst, Zeit­al­ter der Hoff­nung – die Urban Art von Her­akut

“Can you take me to where I am from?”

After the Laughter: The 2nd book of HerakutAls „Traum­vo­gel, der das Ei der Erfah­rung aus­brü­tet“ bezeichnete Walter Benjamin die tiefe geis­tige Ent­span­nung, die für den krea­ti­ven Pro­zess not­wen­dig ist. Diese Art von schöp­fe­ri­scher Lan­ge­weile sei wie ein „war­mes, graues Tuch, das innen mit dem glü­hends­ten, far­bigs­ten Sei­den­fut­ter aus­ge­schla­gen ist, und in das wir uns wickeln, wenn wir träu­men“. Lei­der wird die­ser Traum­zu­stand von der Hek­tik der Moderne zuneh­mend bedroht. „Eine reine Hek­tik bringt nichts Neues her­vor“, schreibt Byung-Chul Han in Müdigkeitsgesellschaft.

Zum Glück gibt es Aus­nah­men, dar­un­ter eines der welt­weit erfolg­reichs­ten Graf­fiti-Künst­ler­duos, das nach sei­nem Debut HERAKUT – The per­fect merge 2011 ein noch viel­ver­spre­chen­de­res, nach­denk­li­ches Werk vor­ge­legt hat: After the Laughter – The 2nd book of Herakut.

Hera und Akut – das sind Jas­min Sid­di­qui und Falk Leh­mann. Zwei Künst­ler, die solo schon erfolg­reich waren, aber durch die Syn­these ihrer ver­schie­de­nen Stile seit 2004 den gro­ßen Durch­bruch schaff­ten. Heute bema­len sie nicht mehr nur in Frank­furt und Ber­lin die Häu­ser­wände, son­dern erhal­ten Auf­träge aus der gan­zen Welt.

Hera und Akut - Jasmin Siddiqui und Falk Lehmann

Hera und Akut – das deut­sche Künst­ler­duo besteht aus Jas­min Sid­di­qui und Falk Leh­mann. Sie sind seit Jah­ren inter­na­tio­nal tätig und schaf­fen rie­sige Wand­ge­mälde im öffent­li­chen Raum.

Inter­es­san­tes bio­gra­fi­sches Detail: Vor der Finanz­krise von 2008 erleb­ten beide die gol­dene Zeit der glo­ba­len Kunst­be­we­gung Street-Art mit, als die Szene jede Menge Auf­träge von Ban­kern und rei­chen Pri­vat­per­so­nen erhielt. Den plötz­li­chen Ein­bruch hat das Duo nicht nur unbe­scha­det über­stan­den, son­dern zur Neu­erfin­dung und Ver­fei­ne­rung des eige­nen Stils genutzt. So erzählt After the Laugh­ter auf 240 Sei­ten auch von den eige­nen Höhen und Tie­fen des Künst­ler­duos in den Jah­ren zwi­schen 2009 und 2011, von der heil­sa­men Besin­nung auf die eige­nen Stär­ken nach dem Rausch­zu­stand und der Ablen­kung durch das große Geld. Der Umgang mit finan­zi­el­ler Frei­heit muss gelernt sein, soll nicht die eigene Kunst dar­un­ter lei­den:

Paint a wall and you will feel free. But: once you make your love a pro­fes­sion – free­dom beco­mes pres­sure. “After the Laugh­ter” – The 2nd book of Her­akut is a trip through some dark times in the “Urban-Art”-Genre – our home since our duo Her­akut came to life in 2004.

Einblicke in das Skizzenbuch von Herakut

Aus dem Skiz­zen­buch von Her­akut

Die Arbeits­tei­lung des Duos sieht so aus: Hera ist die Zeich­ne­rin und damit für die emo­tio­nal aus­drucks­star­ken Figu­ren zustän­dig; Akut kommt von der Male­rei und setzt meis­ter­haft die farb­li­chen Akzente. Abge­run­det und ange­rei­chert wer­den die visu­el­len Ein­drü­cke durch Texte mit eigen­wil­li­ger hand­schrift­li­cher Stra­ßen­ty­po­gra­phie. Die sehr per­sön­li­chen, col­la­gen­ar­ti­gen Arbei­ten sind schön und geheim­nis­voll zugleich. Aus gro­ßen, meist trau­rig-skep­ti­schen, manch­mal erschro­cke­nen Augen bli­cken uns die Figu­ren direkt oder auch ver­stoh­len aus dem Augen­win­kel an. Es ist eine sehr rea­lis­ti­sche und kör­per­li­che Kunst – ehr­lich, trot­zig, ver­träumt. Zeit­ge­nös­sisch, aber auch zeit­los.

Why do we paint? To fight loneliness. Does it work? Yes.

Why do we paint? To fight lone­li­ness. Does it work? Yes.

Urban Art by Her­akut
You were my greatest but most painful love. | Symbolism "Cow" (motherly/caring mammal). Symbolism "Golden Calf" -> something worth admiring.

You were my grea­test but most pain­ful love. | Sym­bo­lism „Cow“ (motherly/​caring mam­mal). Sym­bo­lism „Gol­den Calf“ -> some­thing worth admi­ring.

Urban Art by Her­akut

Etwas Dunk­les haf­tet an den Col­la­gen wie eine kaum bewusste Vor­ah­nung, ähn­lich der von Wal­ter Ben­ja­min im ers­ten Drit­tel des 20. Jahr­hun­derts emp­fun­de­nen Bedro­hung des schöp­fe­risch-krea­ti­ven Indi­vi­du­ums durch die sich beschleu­ni­gende Moderne. Anflüge von apo­ka­lyp­ti­scher Stim­mung durch­zie­hen die Arbei­ten ähn­lich der Kunst von Otto Dix und ande­ren Zeit­ge­nos­sen Ben­ja­mins. Die mit Tier­mo­ti­ven ver­frem­de­ten Sze­nen erin­nern an Joseph Beuys – eben­falls ein trau­ri­ger, des­il­lu­sio­nier­ter Künst­ler auf der Suche nach Trost und Wärme. Pas­send dazu umweht die Figu­ren ein Ele­ment von tie­fer Müdig­keit – etwa die psy­chi­sche Erschöp­fung des post­mo­der­nen Men­schen, die Byung-Chul Han in Müdig­keits­ge­sell­schaft so gut beschreibt und für die der gleich­na­mige Film kraft­volle Bil­der fin­det? Sind Her­akut ebenso klar­sich­tige, pro­phe­ti­sche Beob­ach­ter ihrer Zeit wie all die Vor­ge­nann­ten?

„Wenn ich wüsste, dass die Welt mor­gen unter­geht, würde ich heute einen Apfel­baum pflan­zen.“

Her­akut ver­wen­den auch Zitate zum Bei­spiel von Mar­tin Luther für ihre Arbei­ten und las­sen sich von ihrer Com­mu­nity Über­set­zungs­vor­schläge ins Eng­li­sche lie­fern. Die Texte sol­len berüh­ren, zum Nach­den­ken anre­gen. Hoff­nung machen, aber auch war­nen. Es sind zwar keine Hai­kus – das kommt viel­leicht noch – aber die Sen­ten­zen spie­geln her­vor­ra­gend die huma­nis­ti­sche Aus­drucks­stärke und das Skiz­zen­hafte der Figu­ren einer­seits, sowie den idea­lis­ti­schen Farb­rausch der Graf­fiti-Male­rei ande­rer­seits wider. In bei­den künst­le­ri­schen Ele­men­ten tref­fen sich Uto­pie und Dys­to­pie zu einem Abbild der con­di­tio humana – einer Feier der mensch­li­chen Exis­tenz mit all ihren Höhen und Tie­fen, Erfol­gen und Abgrün­den. „L’existentialisme est un huma­nisme“ meinte einst Sartre. „Jawohl“ ant­wor­ten Her­akut und fin­den die pas­sen­den Bil­der dazu.

Can you take me to where I am from? - Urban Art by Herakut

Can you take me to where I am from?

Urban Art by Her­akut

Kein Wun­der, dass das Künst­ler­duo gerne mit Kin­dern arbei­tet, ob in Frank­furt oder in Jor­da­nien. Kin­der ver­lan­gen, ja freuen sich über Ehr­lich­keit und wür­di­gen Direkt­heit und Offen­heit. Auch kein Wun­der, dass sich ihre Kunst bewusst an eine ganz breite Öffent­lich­keit rich­tet, was sich eigent­lich schon aus der Tra­di­tion der Street Art ablei­tet, aber offen­bar immer weni­ger selbst­ver­ständ­lich ist:

Wir machen auch Stra­ßen­kunst, um Leute zu errei­chen, die sonst nicht in Gale­rien gehen. Die Bus­fah­re­rin, den Stra­ßen­fe­ger.

Mit After the Laughter – The 2nd book of Herakut ist ein fan­tas­ti­sches Stück Kunst ent­stan­den, das zum Nach­den­ken anregt und innen mit dem glü­hends­ten, far­bigs­ten Sei­den­fut­ter der Träume aus­ge­schla­gen ist.

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