Braintertainment | Reise nach Kandahar (Film)
Der iranische Filmemacher Mohsen Makhmalbaf und die afghanisch-kanadische Journalistin Nelofer Pazira über eine gefährliche Reise ins Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban Ende der 1990er Jahre.
Afghanistan, Geschichte Afghanistans, Taliban, Hassan Tantai, Mohsen Makhmalbaf, Nelofer Pazira
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Moh­sen Makhmalbaf und Nelo­fer Pazira über eine gefähr­li­che, aber not­wen­dige Reise nach Kan­da­har

"Bisher konnte ich aus den Gefängnissen, in denen die afghanischen Frauen eingesperrt werden, immer entkommen. Doch jetzt bin ich eine Gefangene in jedem dieser Gefängnisse."

Filmplakat von Reise nach KandaharAls ursprüng­li­chen „Garten des Lichts“ und „himm­li­sches Thea­ter“ erlebte Peter Levi das Afgha­ni­stan der spä­ten sech­zi­ger Jahre. Als rück­stän­di­gen Irr­gar­ten des Nichts, als absur­des Thea­ter prä­sen­tiert der Film Reise nach Kandahar (2001) das Afgha­ni­stan der spä­ten neun­zi­ger Jahre unter der Herr­schaft der Tali­ban. Auf der eins­ti­gen „Fern­straße der Erz­engel“ fah­ren heute Kriegs­ver­sehrte, bit­ter­arme Fami­li­en­vä­ter mit ihren Ehe­frauen und Kin­dern, Räu­ber und Tali­ban-Kon­trol­leure. Die Wege sind gefähr­lich gewor­den und gera­dezu unpas­sier­bar für allein­rei­sende Frauen. Jeder Pas­sant könnte ein Spit­zel sein.

Reise nach Kan­da­har beruht auf einer wah­ren Bege­ben­heit aus dem Leben der afgha­nisch-kana­di­schen Jour­na­lis­tin Nelo­fer Pazira. Die Prot­ago­nis­tin und Haupt­dar­stel­le­rin des Films, in Kabul auf­ge­wach­sen, hatte zehn Jahre sowje­ti­sche Besat­zung über­stan­den und war 1989 mit ihrer Fami­lie vor dem Bür­ger­krieg zunächst nach Paki­stan und ein Jahr spä­ter nach Kanada geflo­hen. Nun reist sie zurück in ihre alte Hei­mat – nicht aus beruf­li­chen Grün­den, son­dern weil sie einen Hil­fe­ruf der in Kan­da­har zurück­ge­blie­be­nen Freun­din (im Film wird dar­aus die Schwes­ter) erhal­ten hat. Am Tag der letz­ten tota­len Son­nen­fins­ter­nis des zwei­ten Jahr­tau­sends wolle sie, die durch eine Mine beide Beine ver­lo­ren hat, sich das Leben neh­men – ihre Exis­tenz in Afgha­ni­stan sei uner­träg­lich gewor­den.

Nelo­fer Pazira (* 1973 in Indien) ist eine preis­ge­krönte afgha­nisch-kana­di­sche Regis­seu­rin, Schau­spie­le­rin, Jour­na­lis­tin und Autorin. Sie wuchs wäh­rend der rus­si­schen Besat­zung in Kabul (Afgha­ni­stan) auf, bevor sie mit ihrer Famile über Paki­stan nach New Brunswick (Kanada) emi­grierte.

Moh­sen Makhmal­bāf (* 29. Mai 1957 in Tehe­ran) ist ein ira­ni­scher Film­re­gis­seur und Autor. Seine Filme wur­den viel­fach auf inter­na­tio­na­len Film­fes­ti­vals auf­ge­führt und erhiel­ten viele aner­kannte inter­na­tio­nale Film­preise.

Regis­seur des Films ist der 1957 in Tehe­ran gebo­rene Moh­sen Makhmalbaf. Reise nach Kan­da­har ist sein im Aus­land popu­lärs­ter Film, mit dem er neben ein paar klei­ne­ren Aus­zeich­nun­gen auch eine Nomi­nie­rung für die Gol­dene Palme bei den Film­fest­spie­len von Can­nes 2001 gewin­nen konnte. Selt­sa­mer­weise erregte der Film zunächst kaum Auf­merk­sam­keit – Sym­bol dafür, dass die Welt Afgh­ni­stan tat­säch­lich ver­ges­sen hatte. Das änderte sich schlag­ar­tig nach den Ter­ror­an­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber und dem Beginn des Afgha­ni­stan­kriegs Anfang Okto­ber 2001. Zwei Jahre vor dem Erschei­nen des Dra­chen­läu­fers von Kha­led Hoss­eini ist Reise nach Kan­da­har ein authen­ti­scher Rei­se­be­richt in eine aus west­li­cher Per­spek­tive völ­lig fremde, von Krieg und Fana­tis­mus gezeich­nete Welt.

Die meis­ten Sze­nen des Films ent­stan­den im Grenz­ge­biet des Irans zu Afgha­ni­stan, man­che auch in der afgha­ni­schen Wüste. Da keine Erlaub­nis der Tali­ban vor­lag, waren die Dreh­ar­bei­ten nicht unge­fähr­lich. Die unge­wöhn­li­chen Sing­sang-arti­gen Dia­loge sind teil­weise dem Musi­cal und der Bol­ly­wood-Bild­spra­che, die beklem­mende Sze­ne­rie dem sur­rea­lis­ti­schen Film und dem Dogma-95 ent­lehnt. Allein die unver­fälschte Abbil­dung gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse unter der Tali­ban-Gewalt­herr­schaft sorgt für eine hin­rei­chend beängs­ti­gende Atmo­sphäre, die aber nie ins offen Bru­tale kippt, unter ande­rem weil kaum Täter gezeigt wer­den. Wir müs­sen das Unheil der Unter­drü­ckung aus den wüten­den Augen der Kin­der her­aus­le­sen. Wir müs­sen im Falle der gespens­tisch ver­hüll­ten Frauen unsere Phan­ta­sie anstren­gen. Die Men­schen in die­sem furcht­ba­ren Alp­traum tun viel, um ihren Lebens­mut nicht zu ver­lie­ren.

Der spie­le­ri­sche Umgang mit meist maka­bren Moti­ven, die unor­tho­dox über Kreuz gelegt wer­den, und mit Sym­bo­len, die mit dem Holz­ham­mer ins Zel­lu­loid getrie­ben wer­den, ist kein Ärger­nis, son­dern macht den Reiz des Films aus. Zum Bei­spiel in einer Szene, in der über einem Wüs­ten­la­ger des Roten Kreu­zes für Land­mi­nen­op­fer – das so pro­vi­so­risch wirkt wie die mini­ma­lis­ti­schen Thea­ter­ku­lis­sen des Lars von Trier – neue Pro­the­sen an Fall­schir­men abge­wor­fen wer­den. Eine Schar von Män­nern hum­pelt die­sen Him­mels­ga­ben auf ihren Krü­cken so enthu­si­as­tisch ent­ge­gen wie einst die Kin­der der Ber­li­ner Luft­brü­cke den Scho­ko­la­den und Kau­gum­mis der Ame­ri­ka­ner. Ähn­lich sym­bo­lisch ver­hält es sich mit dem alt­mo­di­schen Ton­band­ge­rät, das die Prot­ago­nis­tin Nafas unter Miss­ach­tung des Tech­nik­ver­bo­tes der Tali­ban ins Land gebracht hat. Auf diese „Black­box“, wie sie es nennt, spricht sie alles auf, was ihr wäh­rend der Reise wider­fährt.

Kinder und ein Soldat der Afghan National Security Force vor dem Eingang einer Schule in Kandahar, 2012

Kin­der und ein Sol­dat der Afghan Natio­nal Secu­rity Force vor dem Ein­gang einer Schule in Kan­da­har, 2012

Im UN-Flücht­lings­la­ger an der ira­nisch-afgha­ni­sche­nen Grenze wer­den trau­ma­ti­sierte Mäd­chen über die Minen­ge­fahr auf­ge­klärt, indem man die Minen durch deren eigene kleine Stoff­pup­pen sym­bo­li­siert, auf die sie nicht tre­ten dür­fen. Ein Foto­graf schießt Fotos von den Flücht­lings­fa­mi­lien und posi­tio­niert einen klei­nen Jun­gen um, „damit er sein Gesicht sehen kann“, wäh­rend hin­ten die Frauen in der Burka ste­hen. Auf der ande­ren Seite, in Afgha­ni­stan, üben kleine Jun­gen in einer Madrassa laut im Chor das Rezi­tie­ren von Koran­ver­sen, wäh­rend der Wärter/​Lehrer zwi­schen­durch barsch abfragt, wie man eine rus­si­sche Kalasch­ni­kow benutzt und wozu ein Schwert ver­wen­det wird – natür­lich zur Liqui­die­rung der Ungläu­bi­gen. Unter der sen­gen­den Sonne ist mit­ten in der Wüste eine Gruppe voll ver­hüll­ter Frauen auf dem Weg zu einer Hoch­zeit, als sie von den Tali­ban ange­hal­ten und kon­trol­liert wird.

Die Prot­ago­nis­tin Nafas ist auch aus Neu­gier aus dem siche­ren Kanada in ihr Hei­mat­land Afgha­ni­stan zurück­ge­kehrt. Ihre Distanz zu der hier erleb­ten Rück­stän­dig­keit ist mit Hän­den zu grei­fen, nie­mals aber ihre Distanz zu den Men­schen. Rela­tiv gelas­sen und freund­lich nimmt sie alle Demü­ti­gun­gen hin und alle Stra­pa­zen auf sich, um ihre Schwes­ter zu ret­ten. Als Frau darf sie nicht ohne Mann rei­sen und muss sich die gesamte Zeit unter einer Burka ver­ste­cken. Ein zen­tra­les Motiv des Films ist daher auch das „Gefäng­nis“:

Bis­her konnte ich aus den Gefäng­nis­sen, in denen die afgha­ni­schen Frauen ein­ge­sperrt wer­den, immer ent­kom­men. Doch jetzt bin ich eine Gefan­gene in jedem die­ser Gefäng­nisse. Nur für dich, meine Schwes­ter. In dei­nen Brie­fen hast du mir geschrie­ben, die Situa­tion in Afgha­ni­stan ist schlim­mer gewor­den. Alle Mäd­chen­schu­len sind geschlos­sen. Die Frauen wur­den aus dem gesam­ten öffent­li­chen Leben ver­bannt. Und du hast keine Hoff­nung mehr.

Der mys­te­riöse Arzt Tabib Sahid, ein ame­ri­ka­ni­scher Aus­wan­de­rer, der nach Afgha­ni­stan ging, um Gott zu fin­den, und der Nafas nur durch das Guck­loch in einem Vor­hang behan­deln darf, sagt:

Der Mensch braucht einen Grund, um zu leben. In schwie­ri­gen Situa­tio­nen ist Hoff­nung die­ser Grund. Natür­lich ist das abs­trakt. Aber – für die Durs­ti­gen ist es Was­ser. Für die Hung­ri­gen Brot. Für die Ein­sa­men Liebe. Und für eine Frau, die immer nur ver­schlei­ert war, ist es die Hoff­nung, eines Tages gese­hen zu wer­den. Wie war das? Hat es Ihnen gefal­len? Mir nicht.

Nafas kämpft gegen die Sonne, die sich schon in weni­gen Tagen ver­dun­keln und ihrer Schwes­ter das Leben neh­men wird:

Das ein­zig wirk­li­che Hin­der­nis auf mei­ner Reise ist die Sonne. Meine so unfaire Wider­sa­che­rin. Ich hab mir immer gedacht: Wenn jeder ein­zelne von uns eine Kerze anzün­den würde, dann wäre die Sonne über­flüs­sig.

Am Ende muss sich Nafas, um nach Kan­da­har zu kom­men, unter die Hoch­zeits­ge­sell­schaft in der Wüste mischen. Eine Tali­ban-Patrouille hält die Gruppe auf. Es kommt zur Kon­fis­ka­tion von Musik­in­stru­men­ten und ande­ren Schi­ka­nen:

Ruhe! Es wird nicht gespro­chen, kei­ner spricht hier! Stellt alle euer Gepäck auf den Boden! Steht auf! Alle auf­ste­hen! Durch­sucht sie gründ­lich. Los! Und seht bei allen unter die Bur­kas!

Ver­däch­tige wer­den von der Gruppe abge­son­dert und müs­sen sich wie eine zusam­men­ge­trie­bene Herde auf den Boden kau­ern. Bei­nahe kann Nafas, die sich als „Toch­ter von der Tante der Braut“ aus­gibt, im Schutz der Hoch­zeits­ge­sell­schaft ent­kom­men:

Ihr könnt gehen! Mei­nen Glück­wunsch zur Hoch­zeit!

Doch dann wird sie zurück­ge­ru­fen:

Du da, bleib ste­hen! Unter­sucht sie gründ­lich!

Der Film hat kein rich­ti­ges Ende und schon gar kein Happy End. Er zeigt in thea­ter­ar­ti­gen Sze­nen die Zustände eines Lan­des, in dem Unter­drü­ckung, Armut und Leid wie selbst­ver­ständ­lich zum Leben gehö­ren und in dem es vor allem Waf­fen und Land­mi­nen im Über­fluss gibt. Leben und Gesund­heit kön­nen hier jeder­zeit durch Will­kür oder Zufall genom­men wer­den. Hinzu kommt die all­ge­gen­wär­tige Unter­drü­ckung von Frauen, deren Preis­gabe an die Lächer­lich­keit durch das Tra­gen der Burka ein­dring­lich dar­ge­stellt wird. Gezeigt wird eine durch Krieg und Reli­gion erzwun­gene Rück­stän­dig­keit und Ärm­lich­keit, wel­che dem Lebens­mut der Men­schen und der beein­dru­ckend schö­nen Land­schaft selt­sam unge­recht gegen­über­steht.

Reise nach Kandahar ist ein sehens­wer­ter sur­rea­lis­ti­scher Anti­kriegs­film und eine bit­ter­böse maka­bre Satire.

Wei­tere Hin­weise

Die afgha­nisch-kana­di­sche Jour­na­lis­tin Nelo­fer Pazira drehte im Jahre 2003 die Folge-Doku­men­ta­tion Return to Kan­da­har.

Pazira ist auch Bestand­teil von Chris­tian Freis Doku­men­tar­film Im Tal der gro­ßen Bud­dhas über die Bud­dha-Sta­tuen von Bami­yan und deren Zer­stö­rung im März 2001 durch die Tali­ban.

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