Braintertainment | Die Gretchenfrage Europas und der Umgang mit der islamischen Herausforderung
Herausgegeben von den Gründern der Webseite Perlentaucher.de, war "Islam in Europa" 2007 ein medienhistorisches Novum: die erste feuilletonistische Debatte herausragender zeitgenössischer Intellektueller, die vollständig virtuell in einem Online-Medium geführt wurde – beweglicher und schneller, als das damals bei traditionellen Debatten in den traditionellen Medien möglich gewesen wäre.
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Die Gret­chen­frage Euro­pas und der Umgang mit der isla­mi­schen Her­aus­for­de­rung

"Nun sag, wie hast du's mit der Aufklärung?"

Fragen über Fra­gen. Hat der gesamte Islam einen anti­west­li­chen Reflex, oder nur der Isla­mis­mus? Hat der gesamte Wes­ten einen anti­is­la­mi­schen Reflex, oder nur ein Teil des Wes­tens? Das Miss­trauen auf bei­den Sei­ten sitzt tief. Kann man dem Ande­ren – dem man auf der Straße, im Beruf oder im Fern­se­hen begeg­net – über­haupt noch ver­trauen? Kann man auf seine Huma­ni­tät bauen, mit sei­ner Mensch­lich­keit rech­nen?

Auch in Europa fin­det ein Kli­ma­wan­del im Umgang mit dem Islam statt. Auch hier erhitzt sich der Debat­ten­pla­net auf­grund einer Ver­gif­tung der Atmo­sphäre. Auch hier ver­sucht man, die Erwär­mung mög­lichst auf wenige Grad zu beschrän­ken. Die ver­gif­te­ten Fra­gen lau­ten: Wel­cher der bei­den ideo­lo­gi­schen Ent­würfe ist dem ande­ren gegen­über eigent­lich feind­li­cher gesinnt – der Wes­ten dem Islam gegen­über oder umge­kehrt? Wel­cher der bei­den ideo­lo­gi­schen Ent­würfe bedroht den Libe­ra­lis­mus, die Frei­heit aller Men­schen, eigent­lich stär­ker? Wel­cher der bei­den ideo­lo­gi­schen Ent­würfe ent­hält mehr vom Kern einer zukünf­ti­gen freien, gerech­ten Welt­ge­sell­schaft?

Die Her­aus­ge­ber

Der Per­len­tau­cher ist ein deutsch­spra­chi­ges Online-Maga­zin für kul­tu­relle The­men, ins­be­son­dere für Lite­ra­tur. Gegrün­det wurde der Per­len­tau­cher im Jahr 1999 von den Jour­na­lis­ten Anja See­li­ger und Thierry Cher­vel.

www.perlentaucher.de

Islam in Europa, her­aus­ge­ge­ben von den Grün­dern der Web­seite Per­len­tau­cher, erschien 2007 als medi­en­his­to­ri­sches Novum: die erste feuil­le­to­nis­ti­sche Debatte her­aus­ra­gen­der zeit­ge­nös­si­scher Intel­lek­tu­el­ler, die voll­stän­dig vir­tu­ell in einem Online-Medium geführt wurde – beweg­li­cher und schnel­ler, als das bei tra­di­tio­nel­len Debat­ten in den tra­di­tio­nel­len Medien mög­lich gewe­sen wäre. Ent­zün­det hatte sich der Streit an den The­sen des fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Pas­cal Bruck­ner in Erwi­de­rung auf ein Buch des nie­der­län­di­schen Jour­na­lis­ten Ian Buruma über den Mord an Theo van Gogh und einen Essay des bri­ti­schen His­to­ri­kers Timo­thy Gar­ton Ash.

Zum Glück lässt sich diese Debatte bequem in gedruck­ter Form nach­le­sen. Und das lohnt sich: ihre Leit­fra­gen sind auch zehn Jahre spä­ter noch in höchs­tem Maße aktu­ell und wer­den es viel­leicht in wei­te­ren zehn Jah­ren immer noch sein. Sie lau­ten wie folgt:

  • Wen soll der Wes­ten unter­stüt­zen: Gemä­ßigte Isla­mis­ten wie Tariq Rama­dan oder isla­mi­sche Dis­si­den­ten wie Ayaan Hirsi Ali?
  • Kann eine Gruppe andere oder gar höhere Rechte bean­spru­chen als ein Indi­vi­duum?
  • Bedroht der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus die Errun­gen­schaf­ten der Auf­klä­rung?
  • Gibt es einen (anti­is­la­mi­schen) „Fun­da­men­ta­lis­mus der Auf­klä­rung“?
  • Gibt es einen (anti­auf­klä­re­ri­schen) „Ras­sis­mus der Anti­ras­sis­ten“?

Ayaan Hirsi Ali [Bild © Gage Skidmore | CC-BY-SA 3.0]

Ayaan Hirsi Ali

Das Buch beginnt mit dem Abdruck einer kur­zen Rede der nie­der­län­di­schen Islam­kri­ti­ke­rin soma­li­scher Her­kunft Ayaan Hirsi Ali im Jahre 2006 in Ber­lin – auf dem Höhe­punkt des Streits um die Ver­öf­fent­li­chung der Moham­med-Kari­ka­tu­ren in der däni­schen Zei­tung Jyl­lands Pos­ten im Sep­tem­ber 2005. Ayaan ver­tei­digt darin „das Recht, zu belei­di­gen“ und ihre Über­zeu­gung, dass „die fra­gile Unter­neh­mung, die wir Demo­kra­tie nen­nen, ohne freie Rede, beson­ders in den Medien, nicht exis­tie­ren kann“, nicht zuletzt des­halb, „weil Men­schen in ande­ren Hemi­sphä­ren diese Frei­heit ver­wei­gert wird“.

Sie kri­ti­siert west­li­che Intel­lek­tu­elle, die von der Rede­frei­heit leben, aber Zen­sur bis hin zur frei­wil­li­gen Selbst­zen­sur üben und ihre Feig­heit und Mit­tel­mä­ßig­keit hin­ter Begrif­fen wie „Ver­ant­wor­tung“ und „Takt­ge­fühl“ ver­ste­cken. Sie kri­ti­siert eine „nicht unbe­deu­tende Min­der­heit“ von Mus­li­men in Europa, die das Sys­tem der libe­ra­len Demo­kra­tie nicht ver­steht oder akzep­tie­ren will. Für die Ex-Mus­lima und Neu-Athe­is­tin Hirsi Ali bedroht der Isla­mis­mus – der sich gele­gent­lich auch hin­ter der Maske eines Reform-Islams ver­birgt – die offene Gesell­schaft. Sie wür­digt einige posi­tive, kri­ti­siert aber illi­be­rale und fun­da­men­ta­lis­ti­sche Aus­sa­gen des Pro­phe­ten Moham­med, wie z.B. den Irr­tum, „dass eine gute Gesell­schaft nur auf dem Fun­da­ment sei­ner Ideen errich­tet wer­den könne“.

Ihr Vor­trag in der Mau­er­stadt Ber­lin endet zag­haft opti­mis­tisch, „dass die vir­tu­elle Mauer zwi­schen denen, die die Frei­heit lie­ben, und denen, die der Ver­füh­rung und Sicher­heit tota­li­tä­rer Ideo­lo­gien erlie­gen, eines Tages eben­falls ein­stür­zen wird“.

Stel­len sol­che The­sen einer Islam­kri­ti­ke­rin also einen „Fun­da­men­ta­lis­mus der Auf­klä­rung“ dar, wie Timo­thy Gar­ton Ash ihn in sei­nem Essay Der Islam in Europa dia­gnos­ti­ziert?

Gar­ton Ash spricht über ein drän­gen­des Pro­blem, mit dem sich Europa kon­fron­tiert sehe, und zwar „…die tief­grei­fende Ent­frem­dung vie­ler Mus­lime – beson­ders der zwei­ten und drit­ten Genera­tion von Immi­gran­ten­fa­mi­lien, jun­ger Män­ner und Frauen also, die in Europa gebo­ren sind…“.

Wenn sich die Dinge so schlecht wei­ter­ent­wi­ckeln, wie sie im Moment ste­hen, könnte diese Ent­frem­dung […] das soziale Geflecht der meis­ten eta­blier­ten Demo­kra­tien aus­ein­an­der­rei­ßen.

Man muss sich daran erin­nern, dass die Debat­ten­bei­träge Ende 2006 bis Anfang 2007 ent­stan­den. Zu die­sem Zeit­punkt waren die USA noch nicht aus dem Irak abge­zo­gen, weder gab es einen „Isla­mi­schen Staat“ noch einen Bür­ger­krieg in Syrien, weder Mas­sen­flucht noch Flücht­lings­deal. Die Anschläge auf Char­lie Hebdo, auf das Bata­clan in Paris, auf Pas­san­ten in Nizza oder Ber­lin lagen noch in wei­ter Ferne. Sehr wohl aber erin­nerte man sich zu die­ser Zeit an andere, wesens­ver­wandte Ereig­nisse: die Ermor­dung des nie­der­län­di­schen Fil­me­ma­chers Theo van Gogh (2004), um die es in Ian Burumas Buch ging. An die Ter­ror­an­schläge in Madrid (2004) und in Lon­don (2005) und auch an die Unru­hen in Frank­reich (2005). Und sehr wohl begann zu die­ser Zeit der par­tei­po­li­ti­sche Auf­stieg popu­lis­ti­scher islam­feind­li­cher Strö­mun­gen in vie­len euro­päi­schen Län­dern.

Gar­ton Ashs Hoff­nung (und im Falle des Schei­terns seine größte Furcht) beschreibt er fol­gen­der­ma­ßen:

Wenn wir, die – ein bes­se­rer Begriff fällt mir nicht ein – tra­di­tio­nel­len Euro­päer, den gegen­wär­ti­gen Trend umkeh­ren und Men­schen wie Abde­la­ziz [einen marok­ka­nisch-fran­zö­si­schen Poli­tak­ti­vis­ten, den Gar­ton Ash besuchte] und sei­nen Kin­dern die Mög­lich­keit geben wol­len, sich als neue mus­li­mi­sche Euro­päer hei­misch zu füh­len, dann könn­ten sie zu einer Quelle viel­fäl­ti­ger kul­tu­rel­ler Impulse und einer öko­no­mi­schen Dyna­mi­sie­rung wer­den, die dem Abwärts­sog der rasch altern­den euro­päi­schen Bevöl­ke­rung ent­ge­gen­wirkt. Soll­ten wir aber schei­tern, wer­den wir es mit vie­len wei­te­ren Explo­sio­nen zu tun bekom­men.

Timothy Garton Ash

Timo­thy Gar­ton Ash

Der Teu­fels­kreis, in dem sich laut Gar­ton Ash die Söhne und Töch­ter mus­li­mi­scher Ein­wan­de­rer in Europa befin­den, ist der einer „schi­zo­phre­nen“ Hei­mat­lo­sig­keit: Halb im Islam, halb im Athe­is­mus des Wes­tens, halb in den Ursprungs­län­dern der Eltern, halb in der neuen west­li­chen Gesell­schaft, aber nir­gends rich­tig zu Hause. Und die­ser Befund betrifft eben nicht nur die radi­ka­li­sier­ten, unter den Ein­fluss isla­mis­ti­scher Pre­di­ger gera­te­nen „ver­lo­re­nen See­len“ und Atten­tä­ter, son­dern poten­zi­ell alle mehr schlecht als recht inte­grier­ten jun­gen Mus­lime.

Hier wie da fin­den wir zunächst die Annä­he­rung an die euro­päi­sche säku­lare Kul­tur, dann ihre wütende Ableh­nung, egal ob es sich um die nie­der­län­di­sche, die deut­sche, spa­ni­sche oder bri­ti­sche Vari­ante han­delte, denn die Ver­füh­rung durch sexu­elle Frei­zü­gig­keit, Dro­gen, Alko­hol und Enter­tain­ment ist über­all ähn­lich; hier wie da haben wir den Schmerz der Zer­ris­sen­heit zwi­schen zwei Wel­ten, die beide nicht wirk­lich ein Zuhause bie­ten; der Ein­fluss eines radi­ka­len Imams und isla­mis­ti­schen Mate­ri­als aus dem Inter­net […]; das Gefühl einer glo­ba­len mus­li­mi­schen Opfer­rolle […]; das Grup­pen­den­ken eines klei­nen Krei­ses von Freun­den, der die eigene Ent­schlos­sen­heit noch ver­stärkt.

Gar­ton Ashs Dia­gnose ist frei von Über­ra­schun­gen und stimmt in wei­ten Tei­len mit den Dia­gno­sen von Ayaan Hirsi Ali (der es vor allem um die Befrei­ung der Frau vom Islam) und Ian Buruma (der sich fragt, was aus sei­ner libe­ra­len Hei­mat Nie­der­lande gewor­den ist) über­ein. Gar­ton Ash dankt Hirsi Ali aus­drück­lich dafür, „dass sie unsere Auf­merk­sam­keit auf die­sen Hor­ror lenkt [gemeint sind Zwangs­hei­ra­ten, Geni­tal­ver­stüm­me­lung u.a.], auf die dunkle Seite eines ver­meint­lich tole­ran­ten ‚Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus‘“.

Zugleich weist er auf mus­li­mi­sche Frauen hin, die sich nicht von Hirsi Ali reprä­sen­tiert fühl­ten, sich nicht von ihr „ret­ten“ las­sen woll­ten und die behaup­te­ten, dass ihnen gerade der (mus­li­mi­sche) Glaube die nötige Kraft zum Durch­hal­ten gege­ben habe. Hirsi Ali, die frü­her selbst mit dem radi­ka­len Islam in Berüh­rung gekom­men war, sei heute „eine mutige, frei­mü­tige und etwas schlicht argu­men­tie­rende Fun­da­men­ta­lis­tin der Auf­klä­rung“. Sie sei also immer noch die­selbe Radi­kale, die bloß die Sei­ten gewech­selt habe und „von einem Extrem ins andere gefal­len“ sei.

Viele wei­tere Bei­spiele die­ses Typs „Fun­da­men­ta­lis­ten der Auf­klä­rung“ stün­den Gar­ton Ash zufolge heute den Fun­da­men­ta­lis­ten des Islams gegen­über. Teil­weise ver­stün­den sie nicht, dass ihre ver­meint­lich huma­nis­tisch-auf­ge­klärte Hal­tung reli­giö­sen Mus­li­men ebenso into­le­rant erschiene, wie umge­kehrt der Islam ihnen.

Aber unser Glaube, wird der Fun­da­men­ta­list der Auf­klä­rung pro­tes­tie­ren, beruht doch auf der Ver­nunft! Kann schon sein, wer­den sie ant­wor­ten – unse­rer beruht auf der Wahr­heit!

Von den Kin­dern der isla­mi­schen Migra­tion die Auf­gabe des Glau­bens ihrer Väter und Müt­ter zu erwar­ten, sei bes­ten­falls naiv. Wenn man sie heute vor die Wahl stellte, wür­den sie sich gegen Europa ent­schei­den. Gar­ton Ash plä­diert daher für eine Abrüs­tung in der Form und in der Sache, sogar für einen neuen Rela­ti­vis­mus:

Wir müs­sen uns dar­über klar wer­den, was wir für unse­ren euro­päi­schen Lebens­stil als wesent­lich betrach­ten und was als ver­han­del­bar. […] Das Ver­bot des Hid­schab in Frank­reich scheint mir genauso frag­wür­dig wie die Vor­schrift des Iran, den Hid­schab zu tra­gen, und zwar aus ein und dem­sel­ben Grund: In einer freien und moder­nen Gesell­schaft soll­ten erwach­sene Män­ner und Frauen tra­gen dür­fen, was sie wol­len.

Die Rede­frei­heit hin­ge­gen sei natür­lich nicht ver­han­del­bar. „Zen­sur im Namen der Har­mo­nie zwi­schen den unter­schied­li­chen Gemein­schaf­ten“ sei der Weg in die Unfrei­heit. Man müsse die mili­tan­ten isla­mi­schen Imame genauer beob­ach­ten. Man müsse aber auch mehr Jobs und echte Chan­cen­gleich­heit vor allem für junge Mus­lime schaf­fen.

Ver­han­deln möchte Gar­ton Ash die euro­päi­schen Werte mit den Ver­tre­tern eines Reform-Islams, der „mit den Grund­sät­zen des moder­nen, libe­ra­len und demo­kra­ti­schen Europa ver­ein­bar“ sei. Dass die­ser refor­mierte und refor­mier­bare Islam exis­tiert, scheint für Gar­ton Ash außer Frage zu ste­hen – im Unter­schied zu Ayaan Hirsi Ali, aber zum Bei­spiel auch im Unter­schied zu Necla Kelek, die sich in einem spä­te­ren Bei­trag zu Wort mel­det.

"Reformsalafist" Tariq Ramadan

„Reform­sala­fist“ Tariq Rama­dan

Gar­ton Ash ruft aller­dings aus­ge­rech­net den äußerst kon­tro­ver­sen Phi­lo­so­phen Tariq Rama­dan als Ver­hand­lungs­part­ner auf, den Enkel des Grün­ders der radi­ka­len Mus­lim­bru­der­schaft, der sich selbst als „Reform­sala­fis­ten“ bezeich­net und damals noch nicht Ziel von Ver­ge­wal­ti­gungs­vor­wür­fen (2017) ist. Auch Ian Buruma stellt uns diese schil­lernde Figur in einem Bei­trag lei­der allzu aus­ge­wo­gen – und damit posi­tiv – vor. Tariq Rama­dan ver­mischt vor­sätz­lich refor­me­ri­sche Töne (Im Wes­ten lebende Mus­lime müs­sen sich an die dor­ti­gen Gesetze hal­ten) mit einer unkla­ren Hal­tung zur Scha­ria und mit dem Spreng­stoff der post­ko­lo­nia­len Klage: „Gegen­über neo­li­be­ra­ler Wirt­schafts­po­li­tik lässt der Islam nur eine Ant­wort zu, den Wider­stand“. Rama­dan ist sich auch nicht zu schade, die Ideen ande­rer für seine eige­nen Ziele und Ziel­grup­pen zu ver­fäl­schen. Als sol­cher­art Betrof­fe­ner spricht ihm Bassam Tibi die angeb­li­che Islam-Reform schlicht ab.

Ver­mut­lich auch weil Gar­ton Ash die Türe des Rela­ti­vis­mus einen Spalt offen­ste­hen lässt, kommt es zum wüten­den Ton in der Replik von Pas­cal Bruck­ner, dem wie­derum vor­ge­wor­fen wird, wie ein Betrun­ke­ner zu argu­men­tie­ren, was die eska­lie­rende Situa­tion natür­lich alles andere als ent­schärft. Bei aller Pole­mik ent­spinnt sich aber im Fol­gen­den eine Debatte genau im Schnitt­punkt der Posi­tio­nen Hirsi Alis, Gar­ton Ashs, Ian Buru­mas und Pas­cal Bruck­ners, deren Reiz darin liegt, beson­ders scho­nungs­los auf die oben gestell­ten Gret­chen­fra­gen ein­zu­ge­hen. Die inter­es­san­tes­ten Gesprächs­run­den erge­ben sich oft, wenn alle Betei­lig­ten mun­ter drauf­los argu­men­tie­ren, weil sie sich im Grunde einig sind, dass es keine Lösung gibt.

Necla Kelek zum Bei­spiel fin­det, dass der Islam nicht ganz so viel­fäl­tig ist, wie Ian Buruma es stell­ver­tre­tend für andere „Mul­ti­kul­tu­ra­lis­ten“ behaup­tet: „Das mit den Unter­schie­den mag im Detail stim­men, im Grund­satz nicht“. Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam, die von 45 mus­li­mi­schen Staa­ten unter­zeich­net wurde und die Scha­ria zum Maß­stab erhebt, spre­che eine andere Spra­che als die 40 Jahre zuvor von den Ver­ein­ten Natio­nen ver­ab­schie­dete Allgemeine Erklärung der MenschenrechteAuf dem Unter­schied müsse der Wes­ten bestehen. Europa droht Kelek zufolge auf die Folk­lore her­ein­zu­fal­len, wäh­rend es eigent­lich um sein Recht strei­ten müsste.

Paul Cli­teur zufolge führt die Gleich­set­zung von radi­ka­ler Auf­klä­rung und radi­ka­lem Islam in genau jene post­mo­derne Belie­big­keit, über die reli­giöse Eife­rer nur lachen. Denn sie ver­tre­ten ja die Wahr­heit gegen­über einer euro­päi­schen Zivi­li­sa­tion, die „seit der Auf­klä­rung auf der grund­le­gend fal­schen Spur“ ist [sic!]. Cli­teur kri­ti­siert die krä­me­ri­sche Ten­denz, mus­li­mi­schen Reli­gi­ons­fun­da­men­ta­lis­mus nach­sich­tig mit den Ver­bre­chen des Wes­tens zu ver­rech­nen und sich bei den Wer­ten der Auf­klä­rung her­un­ter­han­deln zu las­sen. Mit einer anti­au­to­ri­tä­ren Welt­sicht sei das Pro­blem der reli­giö­sen Gewalt nicht zu lösen. „Krie­ger mit Schwert und Mes­ser“ wie der Mör­der Theo van Goghs woll­ten nicht das­selbe wie „Krie­ger mit dem Stift“ wie Hirsi Ali.

Ian Buruma ent­geg­net diese Kri­tik mit dem­sel­ben Argu­ment, das Gar­ton Ash bereits ein­ge­führt hatte: „Wenn wir reli­giö­sen Extre­mis­mus iso­lie­ren und besie­gen wol­len, müs­sen wir den Main­stream der euro­päi­schen Mus­lime als Ver­bün­dete gewin­nen“. Pole­mi­scher, auf­klä­re­ri­scher Dog­ma­tis­mus sei nicht dazu geeig­net, die Mus­lime da abzu­ho­len, wo sie nun ein­mal stün­den. Stuart Sim lässt die Kri­tik an den Post­mo­der­nis­ten und dem Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus nicht gel­ten und sieht das Pro­blem eben­falls beim Dog­ma­tis­mus. Lars Gustafs­son und Ulrike Acker­mann fürch­ten sich wie­derum eher vor dem Rela­ti­vis­mus.

Philosoph und Aufklärer <strong>Voltaire</strong><br /><div class='copyright'>Bild © Public Domain</div>

Es ist klar, dass jeder, der einen Men­schen, sei­nen Bru­der, wegen des­sen abwei­chen­der Mei­nung ver­folgt, eine erbärm­li­che Krea­tur ist.

Phi­lo­soph und Auf­klä­rer Vol­taire

Einig schei­nen sich alle Autoren zu sein, dass der Islam sich wan­deln werde und dass man die „rich­ti­gen“ Mus­lime beim Vor­an­trei­ben die­ses Wan­dels unter­stüt­zen müsse. Je nach eige­ner Cou­leur im Spek­trum zwi­schen auf­klä­re­ri­schem Dogma und post­mo­der­nem Rela­ti­vis­mus sehen die Autoren dann natür­lich eher die ver­meint­lich schril­len Dis­si­den­ten oder die ver­meint­lich gemä­ßig­ten Refor­mer an ihrer Seite. Es gibt aber auch eine nicht kleine Anzahl von Autoren, die für Mit­tel­wege und Zwi­schen­wege plä­die­ren: Auf­klä­rung und Tole­ranz, Vol­taire und Les­sing, Schutz des Indi­vi­du­ums und Schutz von Grup­pen.

Den in die­ser Hin­sicht viel­leicht glaub­wür­digs­ten – weil in Bezug auf den Islam kennt­nis­reichs­ten – Bei­trag steu­ert Bassam Tibi bei. Er lehnt sowohl die schril­len The­sen der Ex-Mus­lima Hirsi Ali als auch jene des selbst­er­nann­ten Refor­mers Tariq Rama­dan ab. Tibi ver­langt, die Sache „Europa und der Islam“ von ein­zel­nen Per­so­nen zu tren­nen. Die Iden­ti­tät Euro­pas und die Iden­ti­tät der Zuwan­de­rer seien dafür beide zu wich­tig und bewah­rens­wert, und außer­dem abso­lut ver­ein­bar.

Die Isla­mis­ten wol­len keine Inte­gra­tion, sie wol­len Europa durch Dji­had isla­mi­sie­ren. Die Euro­päer kön­nen dies nur zusam­men mit den Euro-Mus­li­men ver­hin­dern. [...] Ein post­mo­der­ner Wer­te­re­la­ti­vis­mus ist nicht die Öff­nung, die Europa benö­tigt ... . Die EU ist eine Wer­te­ge­mein­schaft. [...] Ent­we­der euro­päi­siert Europa den Islam oder der Islam isla­mi­siert Europa.

Übri­gens ent­hält das Per­len­tau­cher-Buch auch kleine essay­is­ti­sche Per­len, die dem schau­ri­gen Sog der mono­chro­men Glau­bens­fra­gen wider­ste­hen. Der fan­tas­ti­sche Bei­trag der nie­der­län­di­schen Schrift­stel­le­rin Mar­griet de Moor hält aus Per­spek­tive der lako­nisch-zufrie­de­nen, post­mo­dern-müden West­eu­ro­päe­rin dem Thema Islam in Europa den Spie­gel vor: die nach innen wie außen bru­tale Geschichte des alten Kon­ti­nents, die einst blut­trie­fende Frage nach dem reli­giö­sen Selbst­ver­ständ­nis, die heute kei­nen tra­di­tio­nel­len Euro­päer (s. Gar­ton Ash) mehr so rich­tig inter­es­siert, die aber vom Islam wie­der her­vor­ge­kit­zelt wird. De Moor ver­mu­tet, dass eine isla­mi­sche Refor­ma­tion – wenn es sie geben wird – nicht vom Nahen Osten, son­dern von West­eu­ropa aus­ge­hen wird, viel­leicht sogar von einer weib­li­chen Refor­ma­to­rin.

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