Braintertainment | Byung-Chul Han über die entfesselte Arbeitsgesellschaft, Burnout und Leistungsverweigerung
Der deutsch-koreanische Autor und Philosoph Byung-Chul Han über die Müdigkeit - ein essayistischer bis poetischer Versuch, eines aktuellen gesellschaftlichen Phänomens Herr zu werden und ihm mit den Mitteln der Mythologie, der Archetypen, der Religion, der Philosophie und der Literatur beizukommen.
Byung-Chul Han, Müdigkeitsgesellschaft, Burnout, Leistungsgesellschaft, Neoliberalismus, Selbstausbeutung
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Byung-Chul Han über die ent­fes­selte Arbeits­ge­sell­schaft, Bur­nout und Leis­tungs­ver­wei­ge­rung

"Das Leistungssubjekt, das sich in Freiheit wähnt, ist in Wirklichkeit gefesselt wie Prometheus."

Byung-Chul Han: MüdigkeitsgesellschaftWir ken­nen den mar­tia­li­schen Begriff von der „Leis­tungs­ge­sell­schaft“, einem Para­digma der moder­nen Indus­trie­ge­sell­schaft und der Moderne über­haupt. Wir ken­nen das Begriffs­paar von der „geschlos­se­nen Gesell­schaft und der „offe­nen Gesell­schaft“, an deren Impli­ka­tio­nen sich Karl Pop­per abar­bei­tete. Wir ken­nen den Begriff von der „Welt­ge­sell­schaft“ – eines sich im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung und beson­ders der Ver­brei­tung des Inter­nets for­mie­ren­den welt­um­span­nen­den kul­tu­rel­len Para­dig­mas. Wir ken­nen den Begriff von der „Risi­ko­ge­sell­schaft“, den der Sozio­loge Ulrich Beck noch als Theo­rie ein­führte, ohne zu ahnen, dass er durch Tscher­no­byl bereits im sel­ben Jahr prak­ti­sche Anschau­lich­keit erhal­ten sollte. Auch unter dem Begriff „Trans­pa­renz­ge­sell­schaft“, der im Rhyth­mus von „Post Pri­vacy“ und „Über­wa­chungs­staat“ schwingt (und den Byung-Chul Han ebenfalls untersucht hat) kann man sich rela­tiv schnell etwas vor­stel­len.

Aber Müdigkeitsgesellschaft – was soll das sein? Auch die­ser Begriff stammt näm­lich von Byung-Chul Han, dem deut­schen Phi­lo­so­phen süd­ko­rea­ni­scher Her­kunft, der einst ent­schied, sein Stu­dium der Metall­ur­gie in Seoul für Hei­deg­gers Herz dran­zu­ge­ben. Nach dem Phi­lo­so­phie- und Theo­lo­gie-Stu­dium in Frei­burg und Mün­chen sowie der Habi­li­ta­tion 1994 in Basel blieb Han zunächst im Schutz der ale­man­ni­schen Pro­vinz und ent­fernte sich zwi­schen 2010 und 2012 nur bis ins ebenso beschau­li­che Karls­ruhe.

Byung-Chul Han (* 1959 in Seoul, Süd­ko­rea) ist ein deut­scher Autor mit korea­ni­schen Wur­zeln. Er arbei­tet als Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie und Kul­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät der Künste Ber­lin.

Doch spä­tes­tens seit der Müdig­keits­ge­sell­schaft (2010) sowie der Trans­pa­renz­ge­sell­schaft (2012) und sei­nem Wech­sel an die Uni­ver­si­tät der Künste im gro­ßen Bie­nen­stock Ber­lin im Jahre 2012 ist es mit der pro­vin­zi­el­len Beschau­lich­keit vor­bei. Han eilt der Ruf eines außer­ge­wöhn­lich zeit­ge­mä­ßen Den­ker weit genug vor­aus, um ein ganz brei­tes Publi­kum zu errei­chen. Seine knap­pen Ana­ly­sen sind mas­sen­taug­lich, for­mal wie inhalt­lich. Wir alle sind betrof­fen.

Müdig­keits­ge­sell­schaft – ein wun­der­ba­rer Begriff. Kein „har­ter“ phi­lo­so­phi­scher Fach­ter­mi­nus, son­dern ein essay­is­ti­scher, manch­mal poe­ti­scher Ver­such, eines noch kaum begrif­fe­nen – weil viel zu aktu­el­len – Phä­no­mens Herr zu wer­den, ihm mit den Mit­teln der Mytho­lo­gie und der Arche­ty­pen bei­zu­kom­men. Han will nicht beleh­ren, son­dern berüh­ren und anrüh­ren. Man spürt die Kon­zen­tra­tion, den Mini­ma­lis­mus und zugleich das Mit­leid des Zen-Meis­ters. Was bedeu­tet Müdig­keits­ge­sell­schaft? Dass die Gesell­schaft selbst müde gewor­den ist? Eine abs­trakte Gesell­schafts­kri­tik also? Ein klei­nes „fin de siècle“-Buch, eine Musil’sche Kon­tem­pla­tion über kaum wahr­nehm­bare Luft­ver­än­de­run­gen? Oder bezeich­net sie die Gesell­schafts­form der müden Indi­vi­duen, der müden Sub­jekte der Leis­tungs­ge­sell­schaft? Die den Stress, dem sie durch die Zumu­tun­gen der Trans­pa­renz­ge­sell­schaft aus­ge­setzt sind, kaum bewäl­ti­gen kön­nen, es aber unaus­ge­setzt ver­su­chen (müs­sen) und die Krank­heit somit ver­schlep­pen: Ner­vo­si­tät, Bur­nout.

„Der Mythos des Pro­me­theus lässt sich zu einer Szene des […] heu­ti­gen Leis­tungs­sub­jekts umdeu­ten, das sich selbst Gewalt antut, das mit sich selbst Krieg führt. Das Leis­tungs­sub­jekt, das sich in Frei­heit wähnt, ist in Wirk­lich­keit gefes­selt wie Pro­me­theus. Der Adler, der an sei­ner stän­dig nach­wach­sen­den Leber frisst, ist sein Alter Ego, mit dem es Krieg führt. So gese­hen, ist das Ver­hält­nis von Pro­me­theus und Adler ein Selbst­ver­hält­nis, ein Ver­hält­nis der Selbst­aus­beu­tung.“

Das geschän­dete und stets nach­wach­sende Kör­per­or­gan steht somit sym­bol­haft für einen psy­chi­schen Teil des Leis­tungs­sub­jekts selbst, und zugleich – inso­fern es etwas Greif­ba­res, einen Stoff oder Roh­stoff, reprä­sen­tiert, steht es auch für die im Leis­tungs­sub­jekt gleich­sam Fleisch gewor­dene gesell­schaft­li­che Uto­pie (immer­wäh­ren­des Wachs­tum), die sich nie aus nai­vem Fort­schritts­glau­ben ent­wi­ckelte, son­dern immer unter der Fuch­tel der Macht stand. Die ein­zige Mög­lich­keit, kon­stan­tes Wachs­tum auf­recht­zu­er­hal­ten, ist kon­stante Zer­stö­rung, die aber von außen kom­men muss. Das Indi­vi­duum bleibt dabei immer gefes­selt. Somit bleibt auch im über­tra­ge­nen Sinne die Mög­lich­keit bestehen, dass ihm die unna­tür­li­che Exis­ten­zweise nicht natur­ei­gen, son­dern kul­tu­rell auf­ge­zwun­gen ist.

„Der Schmerz der an sich schmerz­lo­sen Leber ist die Müdig­keit. So wird Pro­me­theus als Sub­jekt der Selbst­aus­beu­tung von einer end­lo­sen Müdig­keit erfasst sein. Er ist die Urfi­gur der Müdig­keits­ge­sell­schaft.“

Der Adler reprä­sen­tiert nicht ein­fach nur das Alter Ego, das Spie­gel­bild des Sub­jekts, son­dern auch die Kehr­seite die­ser gesell­schaft­li­chen Uto­pie: ihre Schat­ten­seite, ihr Geheim­nis: dass sie näm­lich den Fort­schritt, das Wachs­tum, die Roh­stoffe, den Men­schen, immer­fort auf­frisst, sprich: nur die­sem einen Zweck die­nen lässt, dem Selbst­er­halt einer gesell­schaft­li­chen Uto­pie. Somit ist das Selbst­ver­hält­nis ein Dop­pel­tes: das Indi­vi­duum und die Gesell­schaft ver­hal­ten sich jeweils zu sich selbst und wech­sel­sei­tig.

„Die Gesell­schaft des 21. Jahr­hun­derts ist nicht mehr die [Fou­caults] Dis­zi­pli­nar­ge­sell­schaft [aus Spi­tä­lern, Irren­häu­sern, Gefäng­nis­sen, Kaser­nen und Fabri­ken], son­dern eine Leis­tungs­ge­sell­schaft [aus Fit­ness­stu­dios, Büro­tür­men, Ban­ken, Flug­hä­fen, Shop­ping Malls und Gen­la­bors]. Auch ihre Bewoh­ner hei­ßen nicht mehr Gehor­sams­sub­jekt, son­dern Leis­tungs­sub­jekt. Sie sind Unter­neh­mer ihrer selbst.“

Dies wird jedoch nicht vom Indi­vi­duum so gewünscht, son­dern vom „gesell­schaft­lich Unbe­wuss­ten“ trick­reich erzwun­gen, um wei­tere Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­run­gen des kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­tems zu ermög­li­chen. Das Dis­zi­pli­nar­sta­dium des „Du sollst“ tritt gleich­sam in den Hin­ter­grund und weicht dem „Du kannst“ („Yes we can!“). Es ent­steht Kon­ti­nui­tät:

„Das Leis­tungs­sub­jekt ist schnel­ler und pro­duk­ti­ver als das Gehor­sams­sub­jekt [… und es] bleibt dis­zi­pli­niert.“

His­to­risch-ana­ly­tisch kon­sta­tiert Han einen Para­dig­men­wech­sel, der sich weit­ge­hend unbe­ach­tet voll­zieht. „Die Gesell­schaft der Nega­ti­vi­tät weicht einer Gesell­schaft, die von einem Über­maß an Posi­ti­vi­tät beherrscht ist“, was Aus­druck in einer Reihe von neu­ro­na­len Erkran­kun­gen fin­det. Die „Leit­krank­heit“ des ver­gan­ge­nen, des bak­te­ri­el­len Zeit­al­ters, war eine Krank­heit der Abwehr von Gefahr und konnte durch „immu­no­lo­gi­sche Tech­nik“ und Anti­bio­tika ein­ge­dämmt wer­den. Sie wird abge­löst von der Leit­krank­heit des aktu­el­len, des neu­ro­na­len Zeit­al­ters.

Nicht mehr Viren und Bak­te­rien grei­fen das Indi­vi­duum an, son­dern das Indi­vi­duum erkrankt an sei­nem eige­nen, nicht aus­rei­chend wider­stands­fä­hi­gen Ner­ven­kos­tüm. ADHS, Bor­der­line und Bur­nout lau­ten die Dia­gno­sen.

„Sie sind keine Infek­tio­nen, son­dern Infarkte, die nicht durch die Nega­ti­vi­tät des immu­no­lo­gisch Ande­ren, son­dern durch ein Über­maß an Posi­ti­vi­tät bedingt sind. So ent­zie­hen sie sich jeder immu­no­lo­gi­schen Tech­nik, die dar­auf ange­legt ist, die Nega­ti­vi­tät des Frem­den abzu­weh­ren.“

„Die neu­ro­nale Gewalt geht nicht von einer sys­tem­frem­den Nega­ti­vi­tät aus. Sie ist viel­mehr eine sys­te­mi­sche, d.h. dem Sys­tem imma­nente Gewalt.“

Dabei geht die Zahl der „Ein­dring­linge“ kaum zurück, eher im Gegen­teil. Nur ihre Qua­li­tät hat sich geän­dert, ihre Beur­tei­lung, ihr sub­jek­ti­ves Gefähr­dungs­po­ten­zial. Es spricht für die poli­ti­sche Wach­heit von Han, wenn er bereits 2010 einen zen­tra­len Kon­flikt unse­rer Tage erkennt:

„Auch der soge­nannte ‚Ein­wan­de­rer‘ ist heute kein immu­no­lo­gisch Ande­rer, kein Frem­der im empha­ti­schen Sinne, von dem eine wirk­li­che Gefahr aus­ginge oder vor dem man Angst hätte. Ein­wan­de­rer oder Flücht­linge wer­den eher als Belas­tung denn Bedro­hung emp­fun­den. […] Das immu­no­lo­gi­sche Para­digma ver­trägt sich nicht mit dem Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zess.“

Die Gewich­tung des Pro­blems stammt hier aller­dings aus der Zeit vor der neu­es­ten soge­nann­ten „Flücht­lings­krise“ ab 2015: Eine wie­der­erstarkte Min­der­heit in der Gesell­schaft emp­fin­det Ein­wan­de­rer eben doch als Bedro­hung und fällt unter dem Migra­ti­ons­druck zurück in die alten immu­no­lo­gi­schen Freund-Feind-Mus­ter, die Han so beschreibt:

„Das immu­no­lo­gisch Andere ist das Nega­tive, das in das Eigene ein­dringt und es zu negie­ren ver­sucht. Das Eigene geht an die­ser Nega­ti­vi­tät des Ande­ren zugrunde, wenn es sie sei­ner­seits nicht zu negie­ren ver­mag.“

Somit ist auch kaum ver­wun­der­lich, dass Abnei­gung oder Hass gegen­über Migran­ten sich in die­sem Teil der Gesell­schaft mit der Abnei­gung gegen­über dem Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zess paa­ren. Das immu­no­lo­gi­sche Para­digma ver­trägt sich lei­der nur in der Theo­rie nicht mit dem Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zess. In Pra­xis ver­mi­schen sich, gerade in unru­hi­gen Zei­ten, die schein­bar ant­ago­nis­ti­schen Sta­dien. Migra­tion als will­kom­me­ner „Trig­ger“ des nerv­lich her­un­ter­ge­kom­me­nen, über­for­der­ten Indi­vi­du­ums, als Erlaub­nis, sich in Schwarz-Weiß-Sche­mata ret­ten zu dür­fen. Die Het­zer in Medien und Poli­tik wis­sen natür­lich genau, mit wel­chem Gebräu sie den Durst der Ertrin­ken­den stil­len müs­sen.

Inter­es­sant ist auch die Par­al­lele zu einem Arche­ty­pus der Immu­no­lo­gie und einer Errun­gen­schaft im Kampf gegen Bak­te­rien und Viren:

„Auch die immu­no­lo­gi­sche Pro­phy­laxe, also die Imp­fung, folgt der Dia­lek­tik Nega­ti­vi­tät. Ins Eigene wer­den dabei nur Frag­mente des Ande­ren ein­ge­führt, um die Immun­re­ak­tion her­vor­zu­ru­fen. […] Man tut sich frei­wil­lig ein wenig Gewalt an, um sich vor einer viel grö­ße­ren Gewalt zu schüt­zen, die töd­lich wäre.“

Allein, die Angst vor dem Ande­ren wird para­do­xer­weise durch die Imp­fung nicht besei­tigt. Nur wenig hilft der Hin­weis, dass Migran­ten rein zah­len­mä­ßig keine „Gefahr“ dar­stel­len.

Was nun, wenn das Auf­neh­mende das Fremde und Anders­ar­tige gar nicht mehr als sol­ches iden­ti­fi­ziert, son­dern als Glei­ches will­kom­men heißt? „Das Glei­che führt nicht zur Bil­dung von Anti­kör­pern. In einem vom Glei­chen beherrsch­ten Sys­tem ist es nicht sinn­voll, die Abwehr­kräfte zu stär­ken.“ Han beschreibt eine nicht-immu­no­lo­gi­sche Abwehr­re­ak­tion: Sie „gilt dem Zuviel am Glei­chen, dem Über­maß an Posi­ti­vi­tät. […] Sie ist auch keine Aus­schlie­ßung.“ Im Gegen­satz dazu stürzt sich die „immu­no­lo­gi­sche Absto­ßung“ auch noch auf die kleinste Zelle an Ein­dring­lin­gen, ein­fach weil sie „anders“ und „fremd“ ist.

Vita activa vs. vita con­tem­pla­tiva

Das Über­maß an Posi­ti­vi­tät in der Leis­tungs­ge­sell­schaft „…ver­än­dert radi­kal die Struk­tur und Öko­no­mie der Auf­merk­sam­keit. Dadurch wird die Wahr­neh­mung frag­men­tiert und zer­streut“.

Auch in "Duft der Zeit" widmet sich Byung-Chul Han dem gehetzten "animal laborans" und den Gefahren einer verabsolutierten "vita activa".

Auch in „Duft der Zeit“ wid­met sich Byung-Chul Han dem gehetz­ten „ani­mal laborans“ und den Gefah­ren einer ver­ab­so­lu­tier­ten „vita activa“.

Mit Han­nah Arendt sieht Han – nicht ohne Wider­spruch gegen ihre Schluss­fol­ge­run­gen ein­zu­le­gen – im spät­mo­der­nen Men­schen ein „ani­mal laborans“ her­an­ge­reift, des­sen Tätig­keit (vita activa) zur blo­ßen Arbeit ver­kom­men und des­sen Den­ken (vita con­tem­pla­tiva) zum blo­ßen Mul­ti­tas­king her­ab­ge­sun­ken ist. Dem Leben ist jeg­li­che Tiefe genom­men, für die jene Art von „tie­fer Lan­ge­weile“ zuge­las­sen wer­den müsste, die Walter Benjamin so wunderbar allegorisierte: als „Traum­vo­gel, der das Ei der Erfah­rung aus­brü­tet“. Und als wär­men­des Tuch – nach außen hin grau wie der Schlaf, nach innen hin das glü­hend bunte Sei­den­fut­ter unse­rer Träume.

In sei­nen Anmer­kun­gen zitiert Han auch die wohl eigent­lich rich­tige Syn­these von vita activa und vita con­tem­pla­tiva, von Aktion und Kon­tem­pla­tion, von Akti­vi­tät und Lan­ge­weile. Weder der einen noch der ande­ren Seite sei mit dem Hei­li­gen Gre­gor (und im Unter­schied zu Arendt) der Vor­zug zu geben. Im gelin­gen­den Leben müss­ten beide sich gegen­sei­tig befruch­ten.

Heiliger Gregor ("der Große", 540-604) von Francisco de Zurbarán [Bild © Public Domain]

Man muss wis­sen: Wenn ein gutes Lebens­pro­gramm ver­langt, dass man vom täti­gen zum beschau­li­chen Leben über­geht, dann ist es oft nütz­lich, wenn die Seele vom beschau­li­chen Leben zum täti­gen zurück­kehrt, der­art, dass die im Her­zen ent­zün­dete Flamme der Beschau­ung der Tätig­keit ihre ganze Voll­kom­men­heit schenkt.

Papst Gre­gor I. („der Große“, 540 – 604)
(Öl auf Lein­wand von Fran­cisco de Zur­barán)

Seneca hätte ihm vermutlich beigepflichtet, viel­leicht nicht ohne einen Ein­wand zu machen. In sei­nen Reflek­tio­nen, wel­che Lebens­weise dem Über­druss am bes­ten ent­ge­gen­wirke und ein erfül­len­de­res Leben ver­spre­che, hatte er sich nicht rich­tig fest­ge­legt: das tätige Auf­ge­hen in bür­ger­li­chen Pflich­ten oder eine zurück­ge­zo­gene Exis­tenz als Den­ker und Schrift­stel­ler. Er mahnte zwar dazu, sich fest für einen die­ser Wege zu ent­schei­den und es bei einer ein­zi­gen Auf­gabe bewen­den zu las­sen. Doch auch in seine stoi­sche Vor­stel­lung vom täti­gem Leben spielte ein Ele­ment der Bedäch­tig­keit hin­ein. Und der Vor­stel­lung vom zurück­ge­zo­ge­nen Leben eines „Wei­sen“ gab er stets die Maß­gabe der all­ge­mei­nen Nütz­lich­keit sei­ner Erkennt­nisse an die Hand. In jedem Fall lehnte er sinn- und ziel­lo­sen „geschäf­ti­gen Müßig­gang“ ab.

Byung-Chul Han beschreibt eine Art per­ver­tier­ter vita activa. Die­ser Lebens­ent­wurf ist so radi­kal schäd­lich und wider die wahre mensch­li­che Natur, dass er sich wie von selbst auf den Bereich des Reli­giö­sen und der Teleo­lo­gie aus­dehnt. Von der Ner­vo­si­tät und Zer­streu­ung rührt somit auch eine neue radi­kale Ver­gäng­lich­keit her, vor weder der Glaube an einen Gott, ein Jen­seits, eine bestimmte Rea­li­tät oder auch nur an eine bestimmte Gat­tungs-Ratio­na­li­tät das Indi­vi­duum zu schüt­zen ver­mag: „Nichts ver­spricht Dauer und Bestand.“ Vor inne­rer Unruhe und auf­kei­men­der Todes­angst ver­sucht das spät­mo­derne Leis­tungs­sub­jekt wenigs­tens sei­nen Kör­per gesund zu erhal­ten. (Auch diese Art von Tätig­keit als reine Sorge um den Kör­per hatte Seneca recht abfäl­lig in Von der See­len­ruhe beschrie­ben.)

„Gerade auf das nackte, radi­kal ver­gäng­lich gewor­dene Leben reagiert man mit Hyper­ak­ti­vi­tät, mit der Hys­te­rie der Arbeit und Pro­duk­tion.“

Dem Phi­lo­so­phen Han drängt sich an die­ser Stelle natür­lich Nietz­sche auf. Die in die Sonne blinzelnden letzten Menschen, die sich bereits für Über­men­schen hal­ten (Also sprach Zara­thus­tra) bzw. die Täti­gen ohne jede höhere Tätig­keit, die in Wahr­heit umso fau­ler sind, je mehr sie zu tun haben und je flei­ßi­ger sie auf­tre­ten (Mensch­li­ches, All­zu­mensch­li­ches).

Englischer Titel: The Burnout Society

Eng­li­scher Titel: The Bur­nout Society

Tätig­keit ohne die Fähig­keit inne­zu­hal­ten, zu zögern, sei die Sache der Com­pu­ter, die bloß „rech­nen“ und autis­tisch das wider­ge­ben, was man in sie hin­ein­ge­tan hat. Sie sind ohne Aus­druck von Leben­dig­keit, ohne Lebens­atem und ohne mensch­li­che Kom­ple­xi­tät. Sie sind frei von jeg­li­cher „Anders­heit“. Sie sind radi­kal selbst­iden­tisch, radi­kal posi­ti­visch. Com­pu­ter sind für Han not­wen­di­ger­weise Arte­fakte des uns­ri­gen neu­ro­lo­gi­schen Zeit­al­ters.

So bleibt nur die Schluss­fol­ge­rung, das zu tun, was der Com­pu­ter nicht kann: Nein zu sagen, sich zu ent­zie­hen, sich in die Nega­ti­vi­tät der Kon­tem­pla­tion zurück­zu­zie­hen. Viel­leicht ist Ver­wei­ge­rung der ein­zig ver­blie­bene Aus­weg und der ein­zig ver­blie­bene Trost. Dan­kens­wer­ter­weise prä­sen­tiert uns Han gleich meh­rere Aus­wege – übri­gens alle­samt aus der Welt der Lite­ra­tur und nicht wie in Gute Unterhaltung (2006) aus dem Reich der Adorno´schen Kul­tur­kri­tik.

Zum einen die nega­tive Folge: ein Ende im Nichts, eine Dys­to­pie. Der Total­ver­wei­ge­rer Bart­leby des Her­man Mel­ville, der mit der Welt und dem Leben abge­schlos­sen hat („I pre­fer not to“) und – ganz immu­no­lo­gi­sches Zeit­al­ter und Dis­zi­pli­nar­ge­sell­schaft – in einer Anstalt endet. Zum ande­ren eine posi­tive Folge: ein Ende im Viel­leicht, eine Uto­pie. Peter Hand­kes Versuch über die Müdigkeit, in dem die­ser fest­stellt, wie wohl ihm eine aus Erschöp­fung und Über­an­stren­gung resul­tie­rende Müdig­keit der Seele eigent­lich tut. Es ist dies eine uto­pi­sche Müdig­keit, wel­che nicht nur die eige­nen Augen, son­dern auch die Her­zen der Mit­men­schen öff­nen kann, weil von ihr so offen­sicht­lich keine Gefahr aus­geht. Es ist die Müdig­keit der Abrüs­tung, der Freund­schaft und des tie­fen Atmens. Eine zutiefst öst­li­che, zen-bud­dhis­ti­sche Vor­stel­lung, zu der Han an ande­rer Stelle den Weg ebnet, in Philosophie des Zen-Buddhismus (2006) oder in Abwesen. Zur Kultur und Philosophie des Fernen Ostens (2007).

Einen ers­ten Hin­weis auf diese gut­mü­tige Moral gab Han bereits im Vor­wort von Müdigkeitsgesellschaft: Franz Kaf­kas Pro­me­theus-Erzäh­lung, in der es heißt: „Die Göt­ter wur­den müde, die Adler wur­den müde, die Wunde schloss sich müde“. Auch Han lässt sei­nen war­nen­den Essay im Opti­mis­mus der hei­len­den Müdig­keit aus­klin­gen:

„Sie ist jene Müdig­keit, die nicht von einer hem­mungs­lo­sen Auf­rüs­tung, son­dern von einer freund­li­chen Abrüs­tung des Ich her­rührt.“

Was er uns nicht ver­rät ist, wann und wie die Umstände für eine sol­che Fried­fer­tig­keit her­ge­stellt wer­den kön­nen. Die Zeit für eine freund­li­che Abrüs­tung des über­am­bi­tio­nier­ten Leis­tungs­sub­jekts scheint im Jahre 2017 noch nicht gekom­men, son­dern in weite Ferne gerückt. Bleibt nur – wenn über­haupt – zu hof­fen, dass wir uns als hoff­nungs­los lern­re­sis­tente und hem­mungs­los wach­sende Art wenigs­tens auf einen Kul­mi­na­ti­ons­punkt zube­we­gen. Viel­leicht wächst ja dort, wo Gefahr ist, wirk­lich das Ret­tende auch.

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Wei­tere Hin­weise

Der wun­der­bare essay­is­ti­sche Doku­men­tar­film Müdigkeitsgesellschaft: Byung-Chul Han in Seoul/Berlin von Isa­bella Gresser wurde beim Ach­tung Ber­lin Fes­ti­val 2015 mit dem Preis der öku­me­ni­schen Jury prä­miert und erhielt auf dem Fes­ti­val des deut­schen Films 2015 eine beson­dere Aus­zeich­nung für das Gesamt­kunst­werk.

Wer sein eige­nes Ich abrüs­ten und wie­der zu mehr Fried­fer­tig­keit fin­den möchte, muss – das ist nach Erich Fromm eine Binsenweisheit – sich mit Haut und Haar dem Leben und dem Erle­ben aus­set­zen, see­len­ru­hig bei der Beob­ach­tung ver­wei­len und Sin­nes­ein­drü­cke nicht vor­schnell bewer­ten oder gar nach Kos­ten-Nut­zen-Erwä­gun­gen aus­wer­ten. Es ent­behrt nicht einer gewis­sen Iro­nie: Wer weni­ger Ich-zen­triert sein will, muss dem (wah­ren) Ich wie­der Vor­rang vor dem Über-Ich ver­schaf­fen.

Bereits vor 170 Jah­ren ent­wi­ckelte Karl Marx sein Menschenbild, das vom Mit­leid mit dem ent­frem­de­ten Men­schen der Moderne geprägt war, der inmit­ten sei­ner öko­no­mi­schen Zwänge das große huma­nis­ti­sche Lebens­ideal der eige­nen Selbst­ver­wirk­li­chung ver­feh­len muss.

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