Braintertainment | Peter Levis archäologischer Reisebericht über ein unzerstörtes Afghanistan Ende der 1960er Jahre
Reisebericht des klassisch gebildeten Jesuiten Peter Levi (1931 - 2000) über Afghanistan Ende der 1960er Jahre. Levis Weg führte kreuz und quer durch ein Land, das noch nicht von Krieg und Bürgerkrieg in den Abgrund des 20. Jahrhunderts gestoßen worden war, und das sich voller archäologischer Schätze und freundlicher Menschen zeigte.
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Peter Levis archäo­lo­gi­scher Rei­se­be­richt über ein unzer­stör­tes Afgha­ni­stan gegen Ende der 1960er Jahre

Auf der Fernstraße der Erzengel, im himmlischen Theater, im Garten des Lichts

Im Jahre 1969 reiste ein klas­sisch gebil­de­ter und archäo­lo­gisch inter­es­sier­ter Jesuit namens Peter Levi (1931 – 2000), zwei Jahre vor sei­nem 40. Geburts­tag nach Afgha­ni­stan. Er wollte die offe­nen und ver­bor­ge­nen Geheim­nisse des graeco-bud­dhis­ti­schen Erbes die­ses Lan­des ent­de­cken, das immer schon ein Sehn­suchts­ort für Durch­rei­sende wie für Archäo­lo­gen gewe­sen war. Seit Alex­an­der dem Gro­ßen hat­ten unzäh­lige Herr­scher, Armeen, Händ­ler und Mön­che auf den afgha­ni­schen Rou­ten der legen­dä­ren Sei­den­straße ihre Spu­ren hin­ter­las­sen, selbst­ver­ständ­lich auch Peter Levis auf­fäl­ligste Zeit­ge­nos­sen – Hasch rau­chende west­li­che Jugend­li­che auf ihrem Hip­pie Trail ins ver­hei­ßene Nepal und Nord­in­dien. Ent­facht wor­den war Levis Neu­gier durch die „selt­same Geschichte einer grie­chi­schen Stätte in einem so ent­le­ge­nen Teil des Erd­balls“. Paul Ber­nard, jener fran­zö­si­sche For­scher, unter des­sen Lei­tung Ay Kha­noum, das legen­däre Alex­an­dria am Oxus, zwi­schen 1964 und 1978 aus dem afgha­ni­schen Sand gegra­ben wurde, hatte diese Geschichte in einer Vor­le­sung an der Uni­ver­si­tät Oxford erzählt, die auch Peter Levi besuchte.

Peter Chad Tigar Levi (* 16. Mai 1931 in Rui­slip, Midd­le­sex, Eng­land; † 1. Februar 2000 in Framp­ton-on-Severn) war ein eng­li­scher Dich­ter, Schrift­stel­ler, Kri­ti­ker und Archäo­loge. Er gehörte lange Jahre dem Jesui­ten­or­den an und war Pro­fes­sor an der Oxford Uni­ver­sity.

Afgha­ni­stan prä­sen­tierte sich Peter Levi und sei­nem Rei­se­be­glei­ter, dem damals noch unbe­kann­ten Bruce Chat­win, in vol­ler Blüte. Die Spät­phase des König­reichs erschien trotz dunk­ler Vor­zei­chen als eini­ger­ma­ßen gute Peri­ode. Das Land war noch nicht von Krieg und Bür­ger­krieg in den Abgrund des 20. Jahr­hun­derts gesto­ßen wor­den, son­dern hatte sich – genau im Gegen­teil – gerade aus dem Abgrund des 19. Jahr­hun­derts befreit. Der Neu-Brite in Peter Levi (seine Eltern waren von Istan­bul nach Eng­land aus­ge­wan­dert) inter­es­sierte sich auch für die jün­gere Geschichte die­ses stra­te­gisch so wich­ti­gen wie berüch­tig­ten Gebie­tes am Rande des indi­schen „Kron­ju­wels des bri­ti­schen Empi­res“, das von den Bri­ten wie von den Rus­sen als idea­ler Vor­pos­ten in ihrem „Great Game“ um die Schätze Zen­tral­asi­ens betrach­tet wurde. Den­noch war sich der His­to­ri­ker und exzel­lente Beob­ach­ter Levi mit­ten in der zwei­ten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts bewusst, dass die Geschichte Afgha­ni­stans dunkle Wen­dun­gen würde neh­men kön­nen. Wie er schreibt, lag das Unheil einer Inva­sion schon um 1970 in der Luft.

Der rei­sende Grenz­gän­ger Peter Levi war neu­gie­rig auf ein Land, das in so vie­ler­lei Hin­sicht „am Rande“ liegt: am Rande des höchs­ten und unwirt­lichs­ten Gebir­ges der Welt, am Rande des anti­ken Welt­wis­sens wie auch der mit­tel­al­ter­li­chen Welt­scheibe, am Rande des hin­du­is­tisch-bud­dhis­ti­schen wie auch des isla­mi­schen Kul­tur­krei­ses, am Rande der Welt­ge­schichte. Grie­chisch-make­do­ni­sche Gene­räle, chi­ne­sisch-bud­dhis­ti­sche Mön­che, mon­go­li­sche Rei­ter­herr­scher, bri­ti­sche Infan­te­ris­ten – sie alle waren einst Durch­rei­sende und argo­nau­ti­sche Grenz­gän­ger an die­sen Rand der Welt. Und sie alle erkann­ten in ihrer Zeit, dass der Rand in Wahr­heit zugleich eine der bedeu­tends­ten Kreu­zun­gen der Welt­ge­schichte dar­stellt: grie­chi­sches Abend­land und isla­mi­sches Mor­gen­land im Wes­ten, Mon­go­len und Rus­sen im Nor­den, Tibet und chi­ne­si­sche Kai­ser­rei­che im Osten, indi­sche Moguln im Süden.

Peter Levi in Afghanistan, mit Turban auf einem Pferd reitend.

Peter Levi in Afgha­ni­stan, mit Tur­ban auf einem Pferd rei­tend.

Peter Levis Rei­se­be­richt ent­stand neun Jahre vor der sowje­ti­schen Inva­sion, deren Fol­gen Afgha­ni­stan ver­än­dert haben wie kaum ein ande­res Land, und ist damit – zusam­men mit Foto­gra­fien aus Bruce Chat­wins Archiv und einem neuen Vor­wort, in dem Levi Jahre spä­ter auf die Reise zurück­blickt – ein Kleinod unter den Rei­se­be­rich­ten. Weni­ger anhand von Levis klas­si­schem Vor­wis­sen, sei­ner aus­ge­wo­ge­nen his­to­ri­schen Spe­ku­la­tio­nen oder sei­ner archäo­lo­gi­schen Beob­ach­tungs­gabe bemisst sich die Qua­li­tät die­ses Buches, son­dern anhand der Ver­knüp­fung all die­ser Vor­züge mit sei­nem schar­fen Blick auf den aktu­el­len Zustand des Lan­des und sei­ner Bevöl­ke­rung, mit den ebenso detail­rei­chen wie bei­läu­fi­gen Skiz­zen von Land­schaf­ten, Städ­ten und Gebäu­den, und mit den ein­ge­streu­ten Anek­do­ten einer auch logis­tisch nicht immer ein­fa­chen Reise.

Bei alle­dem ist die poe­ti­sche Schlag­seite der stets fak­ten­ge­sät­tig­ten Rei­se­prosa nicht für jeden etwas. Die Lek­türe zwingt zum Mit­den­ken (und Mit­rei­sen). Der Autor Levi suchte selbst nach einem roten Faden und steckte gedank­lich in man­nig­fal­ti­ger Lek­türe (neben den bekann­ten Abhand­lun­gen über Afgha­ni­stan las er zu jener Zeit die Rei­se­be­richte des japa­ni­schen Haiku-Meis­ters Matsuo Bashō und außer­dem Horaz). Neben­her ver­suchte er, Per­sisch zu ler­nen. Afgha­ni­stan erschien ihm bei aller Fas­zi­na­tion „als archäo­lo­gi­sches Gebilde beson­ders unbe­frie­di­gend“ (wenn auch alles andere als uner­gie­big). So beginnt Peter Levi sein Vor­wort gleich mit der eige­nen Irri­ta­tion und Zwei­feln bezüg­lich der lite­ra­ri­schen Form und der Länge sei­nes Berichts, die ihn noch lange nach der Reise ver­folg­ten:

Als ich in Kabul ein­traf, war ich mir noch nicht sicher, was für eine Art von Buch ich schrei­ben würde; ich wusste, dass es ein archäo­lo­gi­sches sein und von einer Reise han­deln würde, doch wie soll man in einem ein­zi­gen Buch so viele Fra­gen beant­wor­ten?

Seine Viel­sei­tig­keit jeden­falls, die ange­sichts der Fülle ver­füg­ba­rer kunst­his­to­ri­scher und his­to­ri­scher Ent­de­ckun­gen und Erkennt­nisse manch­mal in einen gewis­sen Eklek­ti­zis­mus und auch Dilet­tan­tis­mus gera­dezu abglei­ten musste, beglei­tete Levi zeit­le­bens, woraus er nicht nur selbst keinen Hehl machte, son­dern wahr­schein­lich sehr viel Kraft schöpfte. Peter Levi hatte seine klas­si­sche aka­de­mi­sche Aus­bil­dung in Oxford erhal­ten, wo er spä­ter, in den acht­zi­ger Jah­ren, zum Pro­fes­sor für Poe­sie beru­fen und zeit­weise gar als Kan­di­dat für hohe Lyrik-Preise gehan­delt wurde. Sein Oeu­vre umfasst daher neben den Rei­se­be­rich­ten unter ande­rem auch zahl­rei­che poe­ti­sche Werke, Bio­gra­fien, Über­set­zun­gen, eine Geschichte der grie­chi­schen Lite­ra­tur, sogar ein paar Romane und eine frühe Auto­bio­gra­fie (The Flu­tes of Autumn, 1983). Peter Levi starb im Jahre 2000 in Glouces­ter­shire.

Antike Zitadelle von Herat <div class='copyright'></div>Bild © Public Domain<div class='copyright'></div>

Antike Zita­delle von Herat

Im Garten des Lichts suchte Levi nach den Spu­ren, die Händ­ler, Pil­ger und Erobe­rer aus allen Him­mels­rich­tun­gen seit Urzei­ten ent­lang der hoch gele­ge­nen Pass­stra­ßen und Täler Afgha­ni­stans hin­ter­las­sen haben. Die Spu­ren­su­che gelingt ihm mit schwung­vol­lem Pin­sel­strich und einer ele­gan­ten und etwas iro­ni­schen, gelehr­ten Spra­che mit vie­len inter­es­san­ten Fuß­no­ten. Die Basare und das von Alex­an­der begrün­dete Kas­tell in Herat, die brül­lende Hitze und den Dro­gen­han­del von Kan­da­har, die Far­ben der Berge hin­ter Kabul und des­sen stin­kende Alt­stadt, his­to­ri­sche Stein­hau­fen, Mönchs­höh­len und Rie­sen-Bud­dhas in Bami­yan, Män­ner, die in einem Café eine Wach­tel quä­len, Män­ner, die gemein­sam sin­gen, Män­ner, die Waf­fen zum Schutz vor Staub in geblümte Tücher hül­len, schnap­pende Pferde und lebens­ge­fähr­lich aggres­sive Noma­den-Hunde, beschwer­li­che Tages­aus­flüge ohne ver­läss­li­ches Kar­ten­ma­te­rial und ohne ver­läss­li­che Zeit­an­ga­ben der Ein­hei­mi­schen, Apri­ko­sen­haine, Kamele, Jahr­märkte, Mina­rette, die weni­gen unbe­fan­ge­nen Frauen – all das beschreibt Levi mit einer bei­läu­fi­gen, leicht­hän­di­gen Ein­dring­lich­keit, dass es eine Freude ist, ihm über die Schul­ter zu schauen. Zum Bei­spiel in Kan­da­har:

An jenem Tag war das Was­ser in der Was­ser­fla­sche neben mei­nem Bett so heiß wie Tee, und das Metall des Bett­ge­stells war zu heiß um es anzu­fas­sen. […] Am Abend gab es eine schwa­che, neb­lige Kühle in der Luft, und wir pro­bier­ten aus, wel­che Wir­kung ein Spa­zier­gang haben würde. Wir gin­gen in die Fel­der unter­halb der Stadt, vor­bei an stin­ken­den Tüm­peln von schwar­zem Was­ser, in denen Kin­der schwam­men, und wir begeg­ne­ten einem Jun­gen von acht Jah­ren mit einem Fal­ken auf dem Hand­ge­lenk. […] In einer ande­ren Straße sahen wir ein Wolfs­jun­ges an einer Schnur. […] Ich glaube, der Feld­weg, dem wir da folg­ten, ent­sprach der anti­ken Straße, und war das der Fall, dann muss Alex­an­der sie genom­men haben. Der Him­mel über Alt-Kan­da­har war limo­nen­gelb; die Sonne ver­schwand mit einem Zischen, wie rot­glü­hen­des Eisen in Was­ser; wir gin­gen mit etwa dem­sel­ben Geräusch ins Bett.

Noma­den­völ­ker waren zu jener Zeit das Lieb­lings­thema von Levis Rei­se­be­glei­tung Bruce Chat­win, über das sie sich wäh­rend der Reise gewiss viel unter­hal­ten haben. Ein roter Faden des Buches ist daher ein noma­disch irr­lich­tern­des Erkennt­nis­in­ter­esse, das bei­den Rei­sen­den ganz offen­sicht­lich im Blut lag. Die­sen Geist des Umher­schwei­fens ent­deckt man aber auch in Levis his­to­risch exak­ten, immer mit Jah­res­zah­len ver­se­he­nen Betrach­tun­gen der viel­ge­stal­ti­gen Epo­chen von Per­sern, Grie­chen, Par­thern, Hun­nen, Mon­go­len, Moguln, Bri­ten und Rus­sen. Alle diese Herr­scher und ihre Gefolge erschei­nen ganz plas­tisch, enzy­klo­pä­disch, mit allen ver­füg­ba­ren Spu­ren, die sie in die­sem frem­den Land hin­ter­las­sen haben. Spu­ren, die oft nur mit größ­ter Mühe an die Ober­flä­che gezerrt wer­den kön­nen, wenn über­haupt. Ganz offen­bar gab es viel zu viele Durch­rei­sende und viel zu viel Zer­stö­rung und Bil­der­sturm auf die­sem Gebiet, um ein „archäo­lo­gisch befrie­di­gen­des Gebilde“ abzu­ge­ben. Am Bei­spiel der uralten, von Dschin­gis Khan völ­lig zer­fetz­ten Metro­pole Balkh, in der schon Zara­thus­tra gewirkt hatte:

Balkh war lange vor der Zeit Alex­an­ders und vor der Zeit des Per­ser­rei­ches eine große Stadt. […] aus­schlag­ge­bend ist die Tat­sa­che, dass Balkh nicht so sehr eine Fes­tung als viel­mehr eine Han­dels­stadt war, die auf­grund ihrer Lage, ihrer Was­ser­läufe und Frucht­bar­keit und der Rou­ten, die sich hier tref­fen, eine ein­ma­lige Begeg­nungs­stätte von Völ­kern und Kul­tu­ren war. Aber ach, sie bringt auch die Archäo­lo­gen zur Ver­zweif­lung. Keine Aus­gra­bung von Balkh hat je die grie­chi­sche Stadt zutage geför­dert. Man muss sehr tiefe Gru­ben aus­he­ben, und die fül­len sich sofort mit Was­ser und müs­sen aus­ge­pumpt und tro­cken­ge­legt wer­den.

Für die ein­zige sichere archäo­lo­gi­sche Methode einer voll­stän­di­gen Aus­gra­bung des rie­si­gen Kom­ple­xes fehlt, wie Levi ver­mu­tet, das Geld und viel­leicht auch Talent. Er ver­gleicht das Unter­fan­gen mit der „ame­ri­ka­ni­schen Aus­gra­bung der Agora von Athen, die bereits seit fünf­zig Jah­ren im Gang ist“.

Wir gin­gen zusam­men um die Mau­ern herum und beschränk­ten uns auf immer tie­fe­res Schwei­gen. Die innere Stadt muss ein­ein­halb Kilo­me­ter Durch­mes­ser gehabt haben, es gibt Stein­hau­fen am Boden und natür­lich ein chao­ti­sches Über­maß an Kera­mik­scher­ben.

Antike griechische Stadt Ay Khanoum am Oxus (Amu Darya) <div class='copyright'></div>Bild © Public Domain<div class='copyright'></div>

Antike grie­chi­sche Stadt Ay Kha­noum am Oxus (Amu Darya)

Ähn­lich beein­druckt ist Levi von den zahl­rei­chen ande­ren Aus­gra­bungs­stät­ten im Nor­den Afgha­ni­stans und schließ­lich dem Haupt­ziel sei­ner gan­zen Reise, der schwer zugäng­li­chen – weil im Grenz­land zur Sowjet­union (heute Tadschi­ki­stan) lie­gen­den – grie­chisch-bak­tri­schen Stätte Ay Khanoum, ver­mut­lich das antike Alex­an­dria am Oxus: eine hel­le­nis­ti­sche Polis, kom­plett mit Thea­ter und Gym­na­sion, Vor­stadt sowie Akro­po­lis – am äußers­ten nord­öst­li­chen Rand des alex­an­dri­ni­schen Erobe­rungs­feld­zugs. Levi schreibt:

Es ist die ein­zige grie­chi­sche Stadt in Zen­tral­asien, die je wis­sen­schaft­lich aus­ge­gra­ben wurde; sie ent­hält Ant­wor­ten auf alte Fra­gen und die Anfänge neuer. Ihr zen­tra­les Gebäude ist ein ambi­tio­nier­ter hel­le­nis­ti­scher Palast der Epo­che der Seleu­ki­den mit eini­gen wich­ti­gen per­si­schen Ele­men­ten […]. Das Hel­den­mo­nu­ment außer­halb vor den Palast­to­ren, das älter als die Palast­an­lage ist, wurde durch die Gra­bung eines Tun­nels auf­ge­bro­chen; und drei sei­ner vier Grä­ber waren aus­ge­raubt. In jün­ge­rer Zeit stan­den ein paar Hüt­ten auf dem ver­las­se­nen Gelände, und die Usbe­ken nutz­ten es, um dort Zelt­la­ger zu errich­ten.

Mosaik aus Ay Khanoum <div class='copyright'></div>Bild © Paul Bernard, Public Domain<div class='copyright'></div>

Mosaik aus Ay Kha­noum

Durch die Gleich­zei­tig­keit von Betrach­tung der archäo­lo­gi­schen Stät­ten, gedank­li­cher Rekon­struk­tion und Hin­ein­ver­set­zen in längst ver­bli­chene Zeu­gen („Könnte es Kle­ar­chos, der Schü­ler des Aris­to­te­les, gewe­sen sein, der dafür ver­ant­wort­lich war?“) und vom Ver­fas­sen des eige­nen Rei­se­be­richts – in Ver­bin­dung mit der aus west­li­cher Per­spek­tive geschil­der­ten Rück­stän­dig­keit und Ursprüng­lich­keit des Lan­des – fällt es Peter Levi leicht, seine Meta­mor­pho­sen von Alex­an­der dem Gro­ßen, Muham­mad Babur oder auch einem bri­ti­schen Gene­ral auf den Leser zu über­tra­gen. So könnte der­selbe ein­fa­che usbe­ki­sche Nomade, mit dem Levi gerade sprach, ebenso gut einem Sol­da­ten in der Armee Alex­an­ders begeg­net, und der Stein am Fuße der Bala His­sar in Kabul, auf den Peter Levi gerade trat, ebenso gut von einem Sol­da­ten Bab­urs los­ge­tre­ten wor­den sein. Die eigene kurze Erkran­kung und wie er erschöpft hal­lu­zi­nie­rend fast vom Pferd fällt, beschreibt Levi genauso bei­läu­fig wie das Fie­ber des bri­ti­schen Gene­rals Fre­de­rick Roberts, der 1880, nach der ver­lo­re­nen Schlacht von Mai­wand, seine Trup­pen zu einem drei­wö­chi­gen Gewalt­marsch von Kabul aus in die Schlacht von Kan­da­har peitschte.

Alles pas­siert zugleich. Traum und Wirk­lich­keit, Gele­se­nes und Erleb­tes, Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart schlin­gen sich in den Gedan­ken des Betrach­ters in- und umein­an­der und ver­schwim­men – nein, über­kreu­zen sich mit der Sze­ne­rie, den Far­ben, Gerü­chen und Geräu­schen, den Tie­ren und Men­schen, den Stra­ßen und Häu­sern. Den Titel sei­nes Buchs fand Levi übri­gens an einer der vie­len „selt­sa­men Stät­ten“, mit denen Afgha­ni­stan auf­war­tet, näm­lich am Grab des Moguls Babur (1483−1530), der über ganz Indien herrschte und sich den­noch in sei­nem gelieb­ten Kabul beer­di­gen ließ – auf einer Anhöhe, in einem zum Him­mel geöff­ne­ten Grab. Seine Nach­kom­men bau­ten auf dem Hügel natür­lich eine Moschee und brach­ten eine Inschrift an, die den Herr­scher als „Angel King“ bezeich­nete, und seine Ruhe­stätte als „high­way of arch­an­gels“, „thea­tre of hea­ven“ und „light gar­den“.

Die­ses Afgha­ni­stan, diese „Fern­straße der Erz­engel“, die­ses „himm­li­sche Thea­ter“ und die­ser „Garten des Lichts“, des­sen Mau­er­reste und Schutt­hau­fen Levi und Chat­win besich­tig­ten, ist längst ver­schwun­den. Aber auch von dem Afgha­ni­stan, das sie im Jahre 1969 sahen, ist heute nicht mehr viel übrig. Vier­zig Jahre Inva­sion, Krieg, Bür­ger­krieg und reli­giö­ser Fana­tis­mus haben tiefe Wun­den geris­sen. Ein Grund mehr, die­ses Land am sprich­wört­li­chen Schei­de­weg, an einer der Kreu­zun­gen der Welt­ge­schichte, aufs Neue zu ent­de­cken.

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Klas­si­ker der Afgha­ni­stan­reise

Peter Levi emp­fahl die Klas­si­ker der Rei­se­li­te­ra­tur über Afgha­ni­stan:

Nancy Dupree
Nancy Hatch Dupree: An historical guide to Afghanistan

Nancy Hatch Dupree: An His­to­ri­cal Guide to Afgha­ni­stan

Natür­lich kannte auch Peter Levi die Arbei­ten von Nancy Hatch Dupree (1927 – 2017), die sich beson­ders um das archäo­lo­gi­sche Erbe und das Muse­ums­we­sen Afgha­ni­stans ver­dient gemacht hat. Zu ihren Ver­öf­fent­li­chun­gen gehö­ren ihr His­to­ri­cal Guide to Kabul (1965), ihr welt­weit ers­ter Rei­se­füh­rer zu den Rie­sen-Bud­dhas von Bamiyan (1967), sowie der Historical Guide to Afghanistan (1977). Auch Hatch Duprees eigene Lebens­ge­schichte lohnt einer genaue­ren Betrach­tung, zumal sie wäh­rend der sowje­ti­schen Inva­sion, wäh­rend des afgha­ni­schen Bür­ger­kriegs und wäh­rend der Gewalt­herr­schaft der Tali­ban nicht etwa in die USA zurück­kehrte, son­dern in einem Flücht­lings­la­ger in Pescha­war lebte – der­sel­ben Stadt, in der Osama bin Laden seine Basis (al-Qaeda) auf­baute. Von dort orga­ni­sierte Dupree die Ret­tung eines beträcht­li­chen Teils des afgha­ni­schen Kul­tur­er­bes vor dem siche­ren Unter­gang. Ihr Bericht über die Plün­de­rung des Kabul Natio­nal Museum aus dem Jahre 1998 fin­det sich hier: https://archive.archaeology.org/online/features/afghan/.

Matsuo Bashō

Peter Levi las etwa zur Zeit sei­ner Reise den japa­ni­schen Haiku-Meis­ter Matsuo Bashō (1644 – 1694). Wohl kaum ein ande­res Stück Lite­ra­tur gibt den Geist, in dem Levi beob­ach­tete und schrieb, bes­ser wie­der, als der Beginn von Bas­hōs Rei­se­ta­ge­buch Auf schmalen Pfaden ins Hinterland (1689):

‚Sonne und Mond, Tage und Monate ver­wei­len nur kurz als Gäste ewi­ger Zei­ten‘, und so ist es mit den Jah­ren auch: sie gehen und kom­men, sind stets auf Rei­sen. Nicht anders ergeht es den Men­schen, die ihr gan­zes Leben auf Boo­ten dahin­schau­keln las­sen, oder jenen, die mit ihren am Zügel geführ­ten Pfer­den dem Alter ent­ge­gen­zie­hen: tag­täg­lich unter­wegs, machen sie das Rei­sen zu ihrem stän­di­gen Auf­ent­halt. Viele Dich­ter, die vor uns leb­ten, star­ben bereits auf der Wan­der­schaft. Meine Gedan­ken hören den­noch nicht auf, wohl ange­regt durch den Wind, der die Wol­ken­fet­zen jagt, um das stete Getrie­ben­wer­den zu schwei­fen – ich weiß schon gar nicht mehr von wel­chem Jahr an.

Moderne Rei­se­be­richte

Wer etwas moder­nere Rei­se­be­richte über Afgha­ni­stan lesen möchte, wende sich zum Bei­spiel an Rory Ste­wart (The Places in Between, dt.: So weit die Knie tragen), der nur ein Jahr nach der US-Inva­sion im Jahre 2001 auf einem Fuß­marsch durch ein von Isla­mis­mus und Krieg völ­lig zer­stör­tes Afgha­ni­stan sein Schick­sal her­aus­for­derte und dabei auf die Hilfe der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung rech­nen konnte.

Wer es pop­mu­si­ka­lisch leicht mag, folgt Rory MacLean auf sei­nem Trip ent­lang des Hip­pie Trails von Istan­bul durch den Iran und Afgha­ni­stan bis nach Indien: Magic Bus (2006). Kapi­tel 14 bis 19 han­deln von Afgha­ni­stan.

Christian Frei: The Giant Buddhas

Chris­tian Frei: The Giant Bud­dhas

Wer es sur­real mag, sieht sich den Film Reise nach Kandahar von Mohsen Makhmalbaf über das repres­sive Régime der Tali­ban an, der kurz vor den Anschlä­gen vom 11. Sep­tem­ber bei den Inter­na­tio­na­len Film­fest­spie­len in Can­nes gezeigt wurde.

Die afgha­nisch-kana­di­sche Schrift­stel­le­rin Nelofer Pazira, Prot­ago­nis­tin und Haupt­dar­stel­le­rin aus Reise nach Kan­da­har, drehte im Jahre 2003 die Folge-Doku­men­ta­tion Return to Kandahar.

Nelo­fer Pazira ist auch Bestand­teil von Christian Freis über­ra­gen­dem Doku­men­tar­film The Giant Buddhas (dt.: Im Tal der großen Buddhas) über die Bud­dha-Sta­tuen von Bami­yan und deren Zer­stö­rung im März 2001 durch die Tali­ban (unter Mit­hilfe von bin Ladens Spreng­meis­tern).

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